Im Gespräch mit Peter Kruder über “Wish You Were Here” von Pink Floyd (1975).
Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie Du auf Pink Floyd gestoßen bist? War das noch in Deiner Jugend?
Ich war gerade mal 11 Jahre alt als mein Bruder, der damals für Bang & Olufsen im Service gearbeitet hat, mit einer neu erstandenen B&O-Anlage nach Hause kam. Als das Ding aufgebaut war, zog er eine in schwarzes Plastik gehüllte Platte aus einer Einkaufstüte, schlitzte vorsichtig die Plastikhülle auf und legte die Platte auf den Teller. Die B&O-Anlagen damals hatten keine ordinären Drehregler, sondern in Glas gefasste elegante Schieberegler, und den Volumenregler auf ein angemessenes Level geschoben schwebte mir dieser G-Moll-Akkord aus den Boxen entgegen und ich war von der ersten Sekunde an auf einen anderen Planeten transportiert.
Die blubbernden Synths im Hintergrund und die zarte Moog-Melodie, die nichts sagt außer dass sie einen noch mehr hineinzieht, waren mir damals total unerklärlich und ich war gefangen vor Aufregung über was auch immer als Nächstes kommen würde. Das Vier-Noten-Motiv der Gitarre war für mich dann der endgültige Beweis, dass ich mich in einem neuen Stadium meiner persönlichen Entwicklung befand und von da an gab es nur mehr Pre-Floyd und Post-Floyd in meinem musikalischen Universum.
Pink Floyd hatten einige wegweisende Alben vorzuweisen. Warum hast Du Dir “Wish You Were Here” ausgesucht? Was macht das Album so wichtig für dich?
Ich war natürlich total angefixt von dem Floyd-Sound, sodass ich mich dann sofort auf die Suche nach mehr begab. Das Taschengeld damals reichte nicht für mehr als ein Album alle vier Monate und wurde mehr in Singles investiert, meine Schulfreunde damals waren mehr bei Abba als bei Floyd. Ich hatte in meiner Schule zwei ausgezeichnete Professorinnen im Englischunterricht, beide aktive 68erinnen, die eine Unterrichtsstunde nutzten, um uns Pink Floyds „The Wall“ vorzuspielen. Da war er wieder, dieser Sound, diesmal mit mehr Text, und ich lief nach dem Unterricht nach Hause, köpfte das Sparschwein und ab in den Plattenladen. The Wall verließ die nächsten fünf Monate nicht mehr den Plattenteller und wöchentlich wurde eine andere Seite favorisiert. Ich war damals unsäglich schlecht in Englisch und verstand kein Wort, was mich nach einiger Zeit zum Wörterbuch greifen ließ um mir die auf den Hüllen gedruckten Lyrics Wort für Wort zu übersetzen. Am Ende des Jahres hatte ich eine Zwei in Englisch und wurde speziell für meinen drastischen Fortschritt im Unterricht gelobt. Von daher gesehen ist „The Wall“ für mich auch eine wichtige Floyd-Platte. Dass die Lyrics eigentlich schrecklich sind und als öffentlichen Therapiecouchplatz von Roger Waters missbraucht wurden, kam mir erst viele Jahre später und deswegen ist „Wish You Were Here“ auch meine bevorzugte Platte im Floyd-Schaffen.
Das Album ist ja schon mit seinem sehr durchdachten Fluss darauf angelegt, dass man es als Ganzes hören sollte. Ist das die beste Art das Album zu hören, oder gibt es persönliche Highlights oder auch Aussetzer? Überstrahlt “Shine On You Crazy Diamond” die anderen Songs?
Diese Platte prägte für mich das Verständnis, dass ein Album durchgehend gehört werden sollte, oder vielmehr dass ein Album so gut sein muss, dass man es von Anfang bis zum Ende hören will. Der Fluss, der durch das Weglassen der üblichen Pausen zwischen den Songs entsteht, will gut überlegt sein und wie in diesem Falle mit genauester Präzision ausgeführt werden. Ganz im Gegensatz zu Jimi Hendrix, der das auch machte, aber die pausenlose Aneinanderreihung mit acidgetränkten Akzenten durchführte, wobei das genau so beeindruckend ist. “Shine On You Crazy Diamond”ist natürlich die Perle des Albums und ich finde es auch entgegen gesetzter Meinungen gut, dass es auf die beiden Seiten der Platte verteilt ist. Es gibt der Platte Bookends, wie man es im Englischen nennt, und das fordert das Wollen nach mehrmaligem Hören.
Wie würdest Du die Musik von Pink Floyd auf “Wish You Were Here” beschreiben? Ist etwa die Band hier noch in den psychedelischen Anfangstagen verwurzelt, oder ist das schon eine ganz neue stilistische Ebene? Welche maßgeblichen Elemente machen das Album aus?
Für mich liegt die Größe der Platte in dem, dass keine Note zu viel ist und jeder auch noch so kleine Sound an seinem exakt richtigen Platz sitzt. Die musikalische Darbietung ist in diesem Sinne ohne jegliches Fett und zeigt, dass sie hier die Meister ihres eigenen Genres wurden. Wo „Dark Side Of The Moon“ noch überladen ist mit Showoff-Effekten, ist hier nur mehr Dienliches am Start. Es ist auch die Balance zwischen den trippigen Undergroundsounds der Anfangstage und breiten Melodien so geschickt getroffen, dass es allgemein verständlich ist, ohne sich dem Kommerz hinzugeben. Ein interessanter Aspekt ist für mich auch, dass die Brüche in der Gestaltung nicht als aufzeigende Maßnahmen gesetzt wurden, sondern mehr um den Fluss zu beschleunigen oder zu entschleunigen. Aber ich fand es immer schon eleganter, den Hörer durch sublime aber zwingende Elemente in deine Ecke zu ziehen, als sie mit dem Prügel über den Kopf dahin zu zwingen.
Wie verhält sich “Wish You Were Here” zu “Dark Side Of The Moon”, dem ungleich erfolgreicheren Vorgängeralbum? Ist es eine logische Fortführung? Ist es eine Emanzipation, bzw. ein Fortschritt?
Ich sehe es als absoluten Fortschritt, mit einer zurückgenommen Effektivität letztendlich noch mehr zu erzielen. Nicht das „Dark Side Of The Moon“ eine schlechte Platte wäre, aber im Gesamten ist sie bei weitem nicht so in sich stimmig wie „Wish You Were Here“. Bei „Dark Side Of The Moon“ haben sie die Grenzen des Machbaren mehr als die der eigenen Entwicklungsfähigkeit gesucht, waren aber mit dem Glück beseelt, dass das genau zu der Zeit gefragt war.
Gemeinhin wird die Geschichte von Pink Floyd in mehrere Phasen eingeteilt, und “Wish You Were Here” markiert die Phase, in der sie ihren Status als eine der größten Rockbands konsolidieren konnten. Magst Du auch die früheren und späteren Arbeiten der Band? Es gibt ja beispielsweise nicht wenige Anhänger, die alles nach Syd Barrett weniger schätzen, und umgekehrt.
Arnold Layne und diese Art des Musikmachens hat eine zeitbezogene Wichtigkeit. Bei mir verhält es sich da wie mit dem frühen Bob Dylan-Katalog. Ich verstehe und respektiere die immense Wichtigkeit, zu einem Zeitpunkt genau das laut auszusprechen was sich eigentlich alle denken, aber es verliert für mich durch die Akzeptanz der Veränderungen im Nachhinein die Aussagekraft. Im Frühwerk mit Syd Barrett ging es darum avantgardistische Musikformen mit Rock zu verbinden. Es lag damals in der Luft und die Floyd-Urbesetzung hat das auf den Punkt gebracht, nicht zu vergessen ist der visuelle Aspekt ihrer damaligen Liveshow.
Im Gespräch mit Falko Brocksieper über “Disco” von den Pet Shop Boys (1986).
Wie kamst Du erstmalig mit den Pet Shop Boys in Kontakt? “West End Girls” im Radio, in jungen Jahren?
Ich habe eine zwei Jahre ältere Schwester, deren beste Freundin hatte auch wiederum eine zwei Jahre ältere Schwester, und über diese zähe Nahrungskette gelangte einiges an kredibler Popkultur schließlich zu mir. Das waren zwar auch mal Sachen wie Wham! oder so, aber auch Depeche Mode, The Smiths, und eben Pet Shop Boys. Da muss ich etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Ein eigenes Kassettenradio hatte ich erst gegen Ende der 80er. Die Mitschnitt-Zeit fing für mich also erst etwas später an.
Hattest Du generell eine Schwäche für den Synthpop dieser Zeit, und die Pet Shop Boys waren eine Facette davon, die Dir besonders gut gefiel?
Auch davor schon, auf diversen NDW-Compilations, die in unserer Familie kursierten, übten die Synthie- und Drummachine-geprägten Lieder eine große Faszination auf mich aus. Irgendwie Knöpfe drücken und Sachen bedienen erschien mir weitaus reizvoller als das handwerkliche Beherrschen eines Musikinstruments. Der Synthpop der 80er traf also ebenfalls diesen Nerv, auch wenn mein Fanverhalten da wenig systematisch war, geschweige denn von irgendwelchem Wissen gekennzeichnet. Ein eigenes Radio besaß ich wie gesagt nicht, das elterliche hochwertige HiFi-Equipment war tabu, und ich durfte auch eigenartigerweise ziemlich lang keine Bravo lesen. Mir kamen also nur einzelne Songs gelegentlich zugeflogen – wenn nicht von Freunden, dann etwa im Supermarkt, oder aus einem vorbeifahrenden, sportlich lackierten Ascona. Da gab es so ein paar schnauzbärtige Jungs in Netzhemden einige Straßen weiter, die schraubten an ihren Autos rum und hörten dabei Sachen wie Trans-X “Living On Video” oder Shannon “Let The Music Play”. Meistens wusste man aber natürlich nie wer/was/woher das jetzt war. Welches Lied nun von Bronski Beat, und welches von Kim Wilde war, das erfuhr ich oft erst Jahre später.
Die Pet Shop Boys aber weckten schon beim ersten Kontakt mein ganzheitliches Interesse. Neben der Musik gefiel mir auch einfach diese seltsame Unnahbarkeit und ihr nüchternes Auftreten. Gott weiß wie bunt auftoupierte Haare und komische Anziehsachen fand ich dagegen als Kleinstadt-Kind eher verstörend – damit wollte ich lieber nichts zu tun haben. Die Perücken- und Hut-Eskapaden der Pet Shop Boys kamen ja dann erst später, in den 90ern.
Was mich ebenfalls von Beginn an reizte, war das ganze Setup der Band, bzw. dass es eben gar keine richtige Band war, sondern nur zwei Leute, von denen der eine sogar nur sang. Denn das hieß ja, dass der andere Typ da hinten die ganze Musik quasi ganz alleine macht mit seinen Keyboards, von denen er teilweise sogar mehrere um sich stehen hatte. Ich nahm an, dass diese Geräte unglaubliche Komplexität und Leistungsumfang besitzen mussten, und dass derjenige ein Genie sein muss, der all das beherrscht und dabei auch noch so lässig rüberkommt. Von technischen Errungenschaften wie Playback ahnte ich also nichts.
Im Gespräch mit Riley Reinhold über “Blank Generation” von Richard Hell & The Voidods (1977).
“Blank Generation” ist ein absoluter Punk-Klassiker. Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann Du den Song zum ersten Mal gehört hast? Hattest Du eine Punk-Sozialisation in Deiner frühen Jugend?
Ich hab das Album gehört bei Freunden von mir. Gehört ist falsch, gesehen…weil vorspielen wollten sie mir das nicht. Die waren alle älter und hörten richtigen Rock, Südstaaten-Rock, Lynyrd Skynyrd, Deep Purple, Queen, und die Platte hatten sie im Cut-out-Shop vom Saturn ergattert (damals ein Paradies für Andersdenkende!), wo ich auch einige seltene Platten gekauft habe, die keiner wollte. Nun, sie konnten nichts damit anfangen, ich glaube es ging gar so weit, dass sie die Platte anwiderte. Wäre ich nicht dort gewesen, wäre die Platte in den Mülleimer gewandert und ich hätte nie was von ihm gehört. Ja nicht ganz, ich bin akribisch was die Historie von Musik angeht und habe noch nie der Musikindustrie Glauben geschenkt, das die wirklich erkennen können was cool ist. Das ist sicher auch der Antrieb gewesen, selbst mal ein Label wie Traum zu gründen.
Warum hast Du Dir diesen einen Song ausgesucht, und nicht das ganze dazugehörige Album? Wird in “Blank Generation” schon alles gesagt?
Ich würde sagen, dass hat damit zu tun, das erstens “Blank Generation” mit der beste Song von ihm ist, aber auch weil ich das Format 7“ liebe und ich damit viel Leidenschaft, ungetrübte Leidenschaft verbinde. Danach kam nichts mehr was mir so viel Freude bereitet hat. Ich bin denen nachgejagt und hab geschwitzt. Klingt doof, weiß ich.
Im Gespräch mit Heiko Hoffmann über “Violator” von Depeche Mode (1990).
Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann und wie Du zum ersten Mal Depeche Mode bewußt gehört hast? Soweit ich mich erinnern kann, war es bei mir “Just Can’t Get Enough” bei ersten Clubbesuchen in jungen Jahren. Wie war es Bei Dir?
Das war bei mir ein paar Jahre später, wahrscheinlich war es sogar das Video zu “People Are People”, das auf 1984 auf Formel 1 lief. Ein Jahr später kaufte ich mir dann die Compilation “The Singles 81 – 85″. “Black Celebration” war dann das erste Album, das ich zur Veröffentlichung kennenlernte.
Rückblickend fand ich Depeche Mode damals gar nicht so herausragend. Ich mochte vor allem diesen Vince Clarke-Sound. Als der ausgestiegen war, fand ich dann auch erstmal Yazoo interessanter, und habe Depeche Mode erstmal lange Zeit eher nebenbei verfolgt. Dennoch haben sie sich ja ziemlich schnell von Clarke emanzipiert, wohingegen Clarke mit Yazoo und Erasure sehr ähnlich klang wie Depeche Mode in ihrer Frühzeit, auch wenn Andy Bell eher nach Alison Moyet klang als nach Dave Gahan. Hättest Du damals gedacht, dass Depeche Mode so erfolgreich werden würden?
Als ich Depeche Mode kennenlernte waren sie für mich schon wahnsinnig erfolgreich – zum Beispiel spielten sie ja schon auf der Tour zu “Black Celebration” in der Berliner Waldbühne.
Trotzdem war ich erstaunt, als ich sie letztes Jahr im Olympiastadion gesehen habe. Ein Paradox: Depeche Mode sind die einzige Band die ich kenne, zu deren Konzerte deutlich mehr Besucher kommen, als zu ihren Hochzeiten – und ohne das sichtbar neue Publikumsschichten erschlossen werden.
Im Gespräch mit Sven von Thülen über “Into The Dragon” von Bomb The Bass (1988).
Wie und wann bist Du auf Bomb The Bass gekommen? Als “Beat Dis” rauskam?
Ja, “Beat Dis” war ja ein Riesenhit, der ist auch an einem damals 11 oder 12-jährigen wie mir nicht vorbeigegangen. Es gab gleich neben unserer Schule eine Bibliothek, in der man Kassetten und CDs ausleihen konnte. Da gab es auch “Into The Dragon”. Ausleihen, überspielen und ab in den Walkman. Das Cover von “Beat Dis” war auch der Grund, warum ich damals für eine Weile mit einem Smiley-T-Shirt rumgerannt bin. Vollkommen ahnungslos.
Warum hast Du Dir “Into The Dragon” ausgesucht? Ist es für Dich exemplarisch für diese Phase 1987/88, als sich junge englische Produzenten mit sehr viel Enthusiasmus auf die Möglichkeiten des Samplings stürzten? Was für Qualitäten besitzt “Into The Dragon” für Dich?
Als das Album rauskam, war ich wie gesagt noch ziemlich jung. Und ich hätte es wahrscheinlich auch nicht mitbekommen, wenn es nicht in den Charts gewesen wäre. Ich habe mir damals auch die ersten Maxis von S’Express und Coldcut gekauft und auch einige von den kommerzielleren Acid-House-Samplern, die es gab, mit so Sachen wie “Jack To The Sound Of The Underground” von Hithouse oder D-Mobs “We Call It Acieed”. England war ein viel wichtigerer Pop-Bezugspunkt für mich als zum Beispiel die USA. Es gab zu der Zeit immer dienstags auf Bremen 4 die BBC Top 40 im Radio und im Anschluss die Top 20 der Independent Charts. Das waren meine wichtigsten musikalischen Quellen. Da hab ich zum ersten Mal A Guy Called Gerald gehört, The KLF , Inner City, Sugarcubes oder auch Pop-Punk wie Snuff. Dass ich mich gerade für “Into The Dragon” entschieden habe, hat unter anderem damit zu tun, dass das Album quasi meinen Einstieg in Club-Musik darstellt und es musikalisch Vieles vorweg genommen hat, was mir später wieder wichtig wurde. Damals konnte ich das alles gar nicht dechiffrieren. Bomb The Bass steht also exemplarisch für diese Zeit, deren Platten ich viele Jahre später unter ganz anderen Vorzeichen noch mal neu entdeckt habe. Wobei: Meine “Into The Dragon”-Kassette habe ich schon mit besonderer Hingabe geliebt. Die Tracks hatten diese unglaubliche Energie. Ich hatte ja keine Ahnung, was genau ein Sample ist, aber dieses collagenhafte hatte etwas von Achterbahn fahren, und das hat mich fasziniert. Das es irgendwie nach HipHop (damals sagte man noch Rap, oder täuscht mich da meine Erinnerung?) klang, aber viel elektronischer und bunter war, trug auch zur Faszination bei. Ich hab ein paar Mal ältere Kids zu “Megablast” und “Beat Dis” breaken sehen, das passte in meinen Augen wie Arsch auf Eimer. Das Album hat für mich auch nichts von seinem unmittelbaren, sehr jugendlichen Charme verloren. Es ist wirklich gut gealtert.
Im Gespräch mit Didi Neidhart über “Non-Stop Erotic Cabaret” von Soft Cell (1981).
Es gibt sicherlich etliche Wege um auf die Musik von Soft Cell zu stoßen. Wie war es bei Dir?
“Tainted Love” kam ja im Sommer 1981 raus und hat mich, als ich es im Radio gehört habe, sofort fasziniert. Das stach irgendwie heraus. Ähnlich wie früher “I Feel Love” oder Kraftwerk. Das machte im Hit-Radio plötzlich eine ganz neue Welt auf. Zwar gab es schon Bands, die ähnlich agierten und klangen, aber die waren zumindest in Österreich nur in Spezialsendungen wie “Musicbox” zu hören. Aber Soft Cell konnte ich sogar vor dem Weg in die Schule beim Frühstück aus dem Radio hören. Das ist ja auch etwas anderes, als wenn du dir selber Musik auflegst. Solche Pop-Momente kannst du nicht selber initiieren. “Tainted Love” war dann auch die erste Single, die ich mir wirklich mit so einem nicht mehr ganz so schwammigen Pop-Bewusstsein gekauft habe. Das war ein regelrechter Akt. Sonst hab ich entweder auf die LPs gewartet oder mir die Sachen einfach vom Radio aufgenommen. Dann kam “Non-Stop Erotic Cabaret”. Allein der Titel zog mich an. Der hatte so was Verruchtes, aber auch so einen Gossenglamour, der gut zu meinen sonstigen Vorlieben (Throbbing Gristle, D.A.F., Velvet Underground, Prince, Suicide, The Stooges) passte. Ausschlaggebend war dann die “Sounds”-Kritik von Kid P., wo über “Vaudeville-Tingel-Tangel”, “grelle Schminke und grosse Gefühle”, “kleine Hollywood-Dramen”, “keine saubere Teeny-Fun-Musik” geschrieben wurde. Interessanterweise gab es die LP dann in dem einzigen Laden in Salzburg, der eine kleine Abteilung mit “Punk”/”New Wave” hatte, nicht. Also ging ich in ein klassisches Plattengeschäft, wo ich die LP dann auch gleich fand. Was ja auch toll war. Komische Platten in komischen Läden kaufen ist das eine, komische Platten in sozusagen “normalen” Läden kaufen ist schon was anderes. Das hat durchaus was leicht Subversives. Gerade weil es um eine dezidierte Pop-Platte ging, die ich nun quasi heimlich in einem anderen Laden kaufte. Etwa so wie wenn das Päckchen, das auf dem Cover Marc Almond aus seiner Lederjacke zieht, abgeholt werden würde.
Warum hast Du Dir “Non-Stop Erotic Cabaret” ausgesucht? Was macht das Album für Dich so besonders?
So pathetisch das jetzt auch klingen mag: Ich habe damit endgültig das Land Pop betreten. Und zwar im Hier und Jetzt. Die Wege dorthin waren schon angelegt worden, aber so aktuell Girl-Groups, Phil Spector, Glam, die Walker Brothers, Frank Sinatra und Dean Martin für mich damals auch waren, so sehr tönten sie dennoch aus einer Pop-Vergangenheit. Und bei Soft Cell kam einfach ganz viel zusammen. Vieles, was noch in einer Art wabbrigem Vorbewussten schlummerte, wurde nun klarer und konnte auch benannt werden. Aber es gab auch viel Neues zu entdecken. Sachen, die erst später wichtiger wurden wie Almonds Queerness oder die Connections zur Industrial-Szene. Auch wenn das 1981/82 nicht wirklich im Focus meiner Begeisterung war. Da war es das Opulente plus dem Elektronischen, die durchgängige Tanzbarkeit (die ich nicht erwartet hatte) und dieses Geheimnisvolle. Popmusik mit einer gewissen sublimen Gefährlichkeit. Eher Shangri-Las plus Velvet Underground. Die Platte hat sich durch Jahre hindurch immer wieder fast von selber retroaktiviert und wuchert immer noch über sich selbst hinaus. Auch wenn ich mal länger Abstinenz gehalten habe, hat sich dennoch was getan. Mit Soft Cell hab ich mich dann auch endgütig den großen Pop-Dramen und den in Musik gegossenen Tragödien hingegeben. Was nicht immer auf Verständnis stoß. Aber war mir auch immer Roy Orbison lieber als Nick Cave. Ich hatte durch und mit Soft Cell einen Schatz gefunden, eine Art Geheimnis entdeckt. Die Beschäftigung mit Pop nahm ernsthaftere Züge an. Zudem wollte ich ja auch irgendwie kapieren von was Leute wie Diederichsen bei “Sounds” schrieben, wenn es um so was wunderbar Faszinierendes wie auch hin und wieder Einschüchterndes wie “Pop-Diskurs” ging. Gerade weil Soft Cell überall in den Hitparaden waren und aus fast jedem Radio tönten, also auch vom Mainstream gehört wurden, empfand ich mein clandestines Popgeheimwissen in Sachen Soft Cell schon als Hipness. Weniger im Sinne einer elitären Haltung – ich freute mich ja mit anderen, und dachte auch, jetzt wird es was in Sachen Pop und Revolution, wenn auch nur musikalisch – als eines elitären Wissens. Vielleicht ist das ja auch das immer noch Wichtige an “Non-Stop Erotic Cabaret”: Eine Platte die genau zwischen Teenage und Adoleszenz, zwischen einfach als Fan reinfallen und beginnendem reflexiven Popdenken auf einen zugekommen ist. Mit der es aber auch nie ein Erwachsenwerden geben wird. Wo das Aufgekratzte, nach dem Uplifting, nach der Party zwar reduziert, aber nie ad acta gelegt wird. Zudem waren Soft Cell die einzigen, die das ABBA-T-Shirt von Throbbing Gristles Chris Carter ernstgenommen haben.
Dass ich eigene Lost Weekend-Erfahrungen in “Clubland” in Songs wie “Bedsitter” wieder fand, war aber auch super.
Im Gespräch mit Jonas Gempp über “Ill Communication” von den Beastie Boys (1994).
Seit wann hattest Du die Beastie Boys im Visier? Seit Beginn ihrer Karriere?
Da ich 1980 geboren bin, hatte ich die Beastie Boys erst viel später auf dem Schirm und war zu Beginn ihrer Karriere eher an Rolf Zuckowskis Schulhofhitparade und der EAV interessiert. Um 1994 herum habe ich begonnen mich mehr für HipHop zu interessieren und einen Musikgeschmack zu entwickeln, der nicht mehr nur und ausschließlich durch einen schmissigen Refrain bestimmt war.
Warum hast Du Dir “Ill Commuication” ausgesucht? Was macht das Album so besonders für dich?
Gekauft habe ich mir das Album damals wegen „Sure Shot“, vor allem aber wegen „Sabotage“. Video und Lied waren der absolute Killer, damals spielte ja MTV auch noch Musikvideos und das war eben eines jener magischen Videos. Danach habe ich sukzessive den Rest des Albums für mich entdeckt und gemerkt, dass „Sabotage“ gar nicht mal das Highlight ist, sondern „Flute Loop“, „Root Down“ und vor allem „Get It Together“, das für mich noch heute eines der besten Stücke Musik überhaupt ist. „Ill Communication“ ist eines von drei „Alben meiner Jugend“, die ein unglaublich wichtiger Teil meines persönlichen und musikalischen Entwicklungsprozesses waren; Rage Against The Machines gleichnamiges Album war der zeitlich verzögerte Soundtrack (kam ja schon 1992 raus) zur Beschäftigung mit linksradikaler Politik und Artikulation einer Wut angesichts der als ungerecht empfundenen kapitalistischen Verhältnisse; die Smashing Pumpkins haben mit „Mellon Collie & The Infinite Sadness“, ganz cheesy, der pubertären Traurigkeit einen Klang gegeben. Doch die Beastie Boys und „Ill Communication“ gingen über diese fragmentarische Abdeckung wichtiger Bezugspunkte hinaus, denn neben der urbanen, blasierten Coolheit, die uns damals unheimlich wichtig war und sich auch in den bis zum Erbrechen geschauten „Kids“ und „Pulp Fiction“ immer wieder fand, waren die Beastie Boys der Soundtrack zum Alltag, der immer passte: zum Nintendo 64 spielen, Kiffen, Biertrinken, Abhängen.
Im Gespräch mit Gerd Janson über “Bobby Konders & Massive Sounds” von Bobby Konders & Massive Sounds (1992).
Wie und wann bist Du auf “Bobby Konders & Massive Sounds” gestoßen?
Der Name Bobby Konders fiel mir zum ersten Mal 1994/95 im Rahmen einer Nu Groove Records-Retrospektive des Size!-Magazins auf. Das war eines jener selig machenden Fanzines, die damals die Funktion heutiger Blogs übernahmen und sich bevorzugt mit House und Techno aus dem Detroit-Chicago-New-York-Triangel beschäftigten bzw. den europäischen Brüdern im Geiste. Die dort beschriebene Konders-Disziplin aus Deep House, seitwärts getragenen Baseballmützen, Krankenkassenbrillen, Langhaarmatte und Dub-Reggae-Einflüssen klang sehr plausibel und sein greatest hit „The Poem“, das vom Dub-Poeten Mutabaruka eingeleitet wird, stieß dann sozusagen das Tor zum Fantum himmelweit auf. „Bobby Konders & Massive Sounds“ hat mir ein guter Freund daraufhin geliehen und es ward um mich geschehen.
Wie hast Du das Album beim erstmaligen Hören empfunden? Wie würdest Du es beschreiben und was macht es so wichtig für Dich?
Ein wenig angeekelt und fasziniert gleichzeitig. Das Debütalbum von Bobby Konders ist ein Paradebeispiel für die gescheiterte Ehe von underground dance music und dem Versuch, diese für den Massenmarkt tauglich zu machen. Das Resultat ist meist weder Fisch noch Fleisch. Vor allem in der causa Konders. Der Boy aus New Jersey mit Wohnsitz Brooklyn expandierte seinen Vibe aus House, Reggae, Hip Hop und Soul um einige Unzen Pop. Einer US-amerikanischen Version der Erfolgsformel aus Jazzie B und Soul II Soul gleich, betörte und bezirzte Konders diesen Markt – wohl relativ erfolglos für die damaligen Verhältnisse. Was dieses Scheitern so charmant macht, ist allerdings der unbedingte Wille, die dominanten Machismos der Dancehall und das Straßenimage von Hip Hop mit den doch eher ambivalenten Geschlechterrollen und philanthropischen Utopien der Housemusik zu vereinen, unter einem Regenschirm von Soul und R&B. Solchen Querdenkern und Querulanten kann man nicht genug Respekt bezollen.
Im Gespräch mit Detlef Diederichsen über “Stan Kenton & Tex Ritter” von Stan Kenton & Tex Ritter (1962).
1983, ein Jahr nach der ersten Zimmermänner-LP, gab es auf der Rückseite der Single “Hockey” von Palais Schaumburg ein Stück namens “Stan Kenton”. War das ungefähr die Zeit als Du auf seine Musik gestoßen bist? Wie ist es dazu gekommen?
Interessanterweise hat mich weder die Palais-Schaumburg-B-Seite noch irgendein anderer Tippgeber zu jener Zeit auf Stan Kenton gestoßen, obwohl ich schon damals eine Schwäche für verstiegene Macher mit genialischem Habitus hatte. Meine diversen Jazz-Entdeckungsphasen verliefen an Kenton vorbei, obwohl mich durchaus hochtrabende Third-Stream-Ideen, etwa von John Lewis, Gil Evans und John Carisi, mehr interessierten als expressionistisches Power Blowing. Westcoast-Jazz war allerdings nie so recht mein Ding, von Jimmy Giuffre mal abgesehen.
So dauerte es bis 1999, als mich schließlich ein Tippgeber auf die Zusammenarbeit von Kenton mit Bob Graettinger („City Of Glass“) aufmerksam machte und mich in dem Zusammenhang auch mit weiteren Kenton-Alben bestückte. Zur selben Zeit hatte ich gerade begonnen, einige besonders hartnäckige Lücken meiner Plattensammlung via eBay zu schließen. So schaute ich auch unter Kenton und fand dort in der Vielzahl der Angebote von Werken dieses sehr produktiven Menschen auch das Album mit Tex Ritter.
Es gibt dazu noch eine lustige kleine Geschichte, die ich 1975 las: Zu der Zeit hatte Kenton mal wieder irgendwo lautstark über den niedrigen musikalischen Standard in den USA allgemein herumgepöbelt und über Country-Musik im Speziellen. Sie sei „eine Schande für das Land“ (nach dem Gedächtnis zitiert). Der ebenfalls nicht gerade schüchterne und zurückhaltende Southern Rocker Charlie Daniels hatte zurückgepestet, nicht die Country-Musik, sondern Kenton sei eine Schande fürs Land und er würde 1000 Dollar wetten, Kenton könnte niemals eine Country-Platte machen. Woraufhin ihm Kenton eine Kopie seines Albums mit Tex Ritter schickte und eine Rechnung über 1000 Dollar beilegte.
Stan Kenton konnte wahrlich auf eine lange Karriere zurückblicken. Was hat Dich an seiner Arbeit fasziniert, auch im Hinblick auf vergleichbare Musik? Was ist seine Rolle im Jazz?
Kenton war vor allem ein Provokateur, ein Mann, der von Klischees, Ritualen, sinnlosen Regularien, überkommenen Wertekanons zum Handeln getrieben wurde. Womöglich hatte er immer mehr die Welt der klassischen europäischen Hochkultur im Blick, als die des Jazz. Jazz konnte er, es war sozusagen das Handwerk, das er gelernt hatte. Das hätte er wunderbar herunterleben können, aber das Schnöseltum der Hochkultur-Welt machte ihn rasend, da es ihn ausschloss. Und also übernahm er die Insigniarien des Kulturschnösels und applizierte sie auf Jazz. Seine Alben versprachen „Artistry“ und „Concepts“, seine Kompositionen hießen „Concerto“, „Invention“ oder „Fugue“. Er war unermüdlich, bienenfleißig, Sun-Ra-haft produktiv und dazu ein großer Entdecker und Förderer von Talenten (The Four Freshmen, June Christy, Pete Rugolo).
Dennoch ist er für mich nicht mehr als ein verdienstvoller Mann, ein Ideenmensch, ein amüsantes Großmaul, aber nicht einer, dessen Musik mich wirklich tief bewegen kann. Wobei ich zugeben muss, wohl zirka achtzig Prozent seines riesigen Werks nicht zu kennen.
Kannst du Dich noch erinnern, wie und wann Du auf King Crimson gestoßen bist? War es eine nachhaltige Begegnung?
Auf jeden Fall! Die erste Begegnung war auf Radio SWF 3, da machte in den 70ern Frank Laufenberg (!) eine 2-teilige (!!) Sendung über King Crimson, das muss man sich mal vorstellen. Zwar abends, so gegen 22h vermutlich, aber immerhin. Da hab ich dann fleißig mitgeschnitten mit meinem kleinen Poppy Mono-Kassettenrecorder, und die Kassetten wurden dann rauf- und runtergespielt. Da waren praktisch alle “Hits” der Band dabei… und ich war gerade mal so 12 Jahre alt, schätze ich.
Warum hast Du Dir das Album “Red” ausgesucht? Was macht es so wichtig für Dich?
Es war dann das erste Album, das ich mir gekauft habe, zusammen mir dem Live-Album “USA” – beide gab es als Sonderangebot bei Zweitausendundeins, für 7 Mark fuffzich, glaube ich. Ich hab die bestellt, ohne genau zu wissen, was mich erwartet, und es war total der Hammer. Am Anfang hatte ich richtig Ehrfurcht vor dieser Musik, sie war so gewaltig und fremd für mich, dass ich die Alben gar nicht sooo oft hören konnte, aber ich hab sie von Anfang an geliebt. Da war ich ja auch erst 13.
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