Im Gespräch mit Klaus Stockhausen über “Party Boys” von Foxy (1980).
Wie bist Du auf „Party Boys“ gekommen? Beim Plattenkaufen für DJ-Gigs? Du hattest ja 1980 schon mit Auflegen angefangen, als die Platte rauskam.
Die Platte ist, denke ich, von 1979, aber es war wohl 1980. Angefangen habe ich drei Jahre vorher. Ehrlich gesagt war ich in Amsterdam in einem Plattenladen, Rhythm Import, und es war der Nachfolger von „Get Off“, und „Get Off“ ging relativ gut ab. Ich habe in drei Clubs gearbeitet zu dieser Zeit. Donnerstags/Freitags in Frankfurt in so einem Armee-Schwuchtelladen, der hieß No Name. Da waren nur stationierte Soldaten, sehr amerikanisch. Samstag/Sonntag Coconut in Köln, und Montag in Amsterdam im Flora Palace, was hundert Jahre später zum It-Club wurde. Und du hattest drei verschiedene Musikrichtungen. In Köln war es diese Hi-NRG-Nummer mit sonntags Schwuchtel-Tea-Dance, Poppers etc., bei den Amis hattest du funky to Disco, und Amsterdam war britisch angehaucht. Diese Fusion war ganz gut.
Wie hat sich denn das Britische in der Musik in Amsterdam manifestiert?
Es war soulig, Hi-NRG, aber später auch so etwas wie Loose Ends. Es waren Elemente von Rare Groove drin. Und bei „Party Boys“ fand ich einfach diesen Hook so toll, der eben wesentlich eleganter war als zum Beispiel „Cruisin’ The Streets“ von der Boystown Gang. Eigentlich könnte man diese beiden Platten übereinander legen, es funktioniert perfekt. Und diese schrägen Stimmen. Ich mag Stimmen gerne, und wenn sie slightly off sind, mag ich sie noch viel viel lieber. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Marcel Dettmann über “Ich und die Wirklichkeit” von Deutsch Amerikanische Freundschaft (1981).
Die entscheidende Frage zuerst, wie bist Du zu DAF gekommen?
Ich komme aus dem Ostteil Deutschlands, und nachdem man zu DDR-Zeiten nur Depeche Mode, Madonna oder Prince hatte, die richtig dicken Pop-Acts, kam kurz nach der Wende ein ganzer Schwall von Musik, wie z. B. auch DAF, Throbbing Gristle oder Front 242, später auch Nitzer Ebb. Der Bruder eines Freundes von mir hat uns ständig mit CDs ausgerüstet, da war ich 12, und habe das erste Mal DAF gehört und fand das total verrückt.
Du hattest vorher nie von ihnen gehört?
Nein. Ich hatte vorher Ultravox, Erasure oder Depeche Mode gehört. Poppige Sachen. Und dann kamen DAF oder auch Nitzer Ebb, was ja artverwandt ist, sie waren ja quasi die englische Version von DAF. Wir hörten „Der Räuber und der Prinz“ und „Der Mussolini“ auch im Jugendclub, der von vier Uhr nachmittags bis abends um zehn offen hatte. Dort wurde in Runden gespielt, eine Runde für die Hip-Hopper, eine Runde für die Elektronikleute usw. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Ralf Schmidt über “Songs Of Leonard Cohen” von Leonard Cohen (1967).
In jüngeren Jahren kannte ich Leonard Cohen weitestgehend aus dem Radio, meine Mutter hatte zwar Platten von ihm, die ich aber lange Zeit ignoriert habe. War es bei Dir auch so eine Inspiration aus der elterlichen Plattensammlung?
Definitiv, das war eine der ersten Sachen mit denen ich musikalisch in Berührung kam, schon als sehr kleines Kind. Vor allem meine Mutter hörte und hört immer noch gerne seine Musik. Diese frühe Prägung ist sicherlich einer der Gründe, weshalb mich die Musik von Leonard Cohen so berührt. Natürlich hatten meine Eltern auch noch andere Platten im Schrank stehen, die mir nicht so sehr ans Herz gewachsen sind – es gibt also noch andere Gründe, aus denen ich mich für Cohen so begeistern kann. Welche das sind – ich kann es nicht genau sagen. Ich glaube auch, wenn ich es genau wüsste, wäre die Begeisterung nicht so groß. Die wirkliche Beschäftigung mit Cohen kam auch erst, nachdem ich schon lange von zu Hause ausgezogen war. Damals gab es für mich eigentlich nur HipHop, Soul & Funk und elektronische Musik.
Auch wenn man sich anfänglich nicht für Leonard Cohen interessiert, wenn man ihn einmal gehört hat, erkennt man ihn sicherlich immer wieder. Seine Stimme, und seine Art Songs zu schreiben sind schon sehr eigen. Was macht ihn für Dich so besonders? Sind es bestimmte Einzelteile, oder ist es ein Gesamtbild?
Rein musikalisch ist es natürlich als aller erstes seine Stimme, die einen hohen Wiedererkennungswert hat – eigentlich keine im traditionellen Sinne besonders “schöne” Singstimme. Es ist oft eher eine Art Sprechgesang, nicht immer genau im Takt, manchmal fast schon brüchig. Zudem ist seine Art und Weise, mit Melodien und Harmonien umzugehen sehr eigen. Besonders in der Anfangsphase waren seine Arrangements auf den ersten Blick sehr minimalistisch, nur wenige Elemente, meist Akustikgitarre, Streicher, Frauenchöre und sparsam eingesetzte Rhythmuselemente, die jedoch in ihrem Zusammenspiel eine unheimliche Dichte erzeugen. Bei genauerem Hinhören kann man dann jedoch in beinahe jedem dieser Stücke versteckte Schichten freilegen, Effekte, leise Geräusche, teilweise sogar synthetisch anmutende Klänge. Was ihn zudem für mich einzigartig macht, ist seine Fähigkeit, seine Texte, obwohl voll von Metaphern und Bildern, dennoch sehr offen zu halten und dem Hörer die Möglichkeit zu geben, sein eigenes Leben in die Lieder hineinzulegen – ohne dabei beliebig zu wirken. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Boris Dlugosch über “Dance To The Music” von Junior Byron (1983).
Hast Du Junior Byrons “Dance To The Music” zum ersten Mal gehört, als Du anfingst ins Front zu gehen?
Ich glaube, ich hatte den Titel zuerst auf einer Front-Cassette, die ich von einem Freund bekommen hatte. Also nicht ‘live’ im Front.
Du warst ja damals noch ziemlich jung. Wie bist Du eigentlich darauf gekommen dort hinzugehen? Hattest Du von Freunden gehört, dass man dort Musik zelebrierte, die Dir gefiel?
Also es war 1984, ich war 16 und die Schwester meines besten Freundes kannte den Kassierer des Front, Boris Breit. Er gab uns Front-Cassetten und hatte zwei Plattenspieler und ein Mischpult. Bei ihm zuhause verbrachten wir dann die Nachmittage nach der Schule und versuchten uns an seinen Plattenspielern und dem Mischpult. Er hatte vor allem Disco-Platten, kaufte aber auch fleißig aktuelleres Zeug bei Tractor-Schallplatten, dem damals besten Laden in Hamburg für Dance-Musik. Er hatte also die Musik, die im Front lief, bei ihm hörte ich die Sachen zuerst und dann wollte ich natürlich unbedingt einmal dorthin. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Tobias Freund über “Take Away/The Lure Of Salvage” von Andy Partridge (1980).
Auf Deiner Myspace-Seite steht, dass Du seit 1980 Musiker bist, das Jahr also, in dem “Take Away/The Lure Of Salvage” erschien. Ich nehme an, Du warst schon früh ein Fan von XTC?
Die erste Platte von XTC hab ich 1979 entdeckt, „Go 2“. Ich lebte damals in Frankfurt am Main und bin mit meinem Freund öfters nach der Schule in einen Plattenladen nach Offenbach gefahren. Es war einer der einzigen Läden zu der Zeit, der neue außergewöhnliche Platten verkaufte. Ich erinnere mich, dass es immer total spannend war in den Laden zu fahren, man hat immer irgendetwas Neues, Unbekanntes gefunden. Neben XTC hab ich unter anderem das „Black And White“-Album der Stranglers entdeckt, auch eine meiner damaligen Lieblingsplatten. Mich hat immer sehr das Artwork einer Platte angesprochen, ich hab mir des Öfteren platten “blind” gekauft, allein weil mir das Cover gefallen hat. Meistens bin ich nicht enttäuscht worden. Bei „Go 2“ war es genau so, das Cover hat mich gleich fasziniert, noch heute finde ich es eines der besten Artworks, simpel und effektiv. Weiße Schrift auf schwarzem Untergrund über die ganze Vorder- und Rückseite. In dem Text wird das Artwork erklärt und der Leser wird manipuliert die platte zu kaufen. Ich habe die Idee des Covers für die nsi.-Veröffentlichungen auf meinem Label Non Standard Productions aufgegriffen. Allerdings nur das Layout, Courier ist seitdem für mich der Punk unter den Fonts.
Waren XTC eine typische Band dieser frühen Post Punk-Phase, oder waren sie einzigartig?
Für mich waren XTC einzigartig, sie waren frischer, witziger und haben sich nicht zu ernst genommen, außerdem sind es unglaublich gute Musiker. Sie haben sich mehr getraut gewohnte Strukturen aufzubrechen, auf ihren Platten gab es immer Experimente. Zum Beispiel konnte Andy Partridge seine Stimme wie ein Instrument einsetzen, er hat versucht jedem Lied eine eigene Note zu geben, zornig, verrückt oder hysterisch. Read the rest of this entry »
“LFO” ist eine dieser Platten, die sich ganzen Generationen ins Gedächtnis gebrannt haben. Was war Dein “erstes Mal” mit dem Track?
An mein erstes Mal mit dem Track kann ich mich gar nicht so genau mehr erinnern, ich war damals 13/14 Jahre alt. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich es im Radio bei BBC gehört hatte, oder ob ich es quasi nachrecherchiert hatte, weil ich davon gelesen hatte, ich glaube es war im Radio gewesen.
Ich kann mich aber noch sehr gut an das absolut überwältigende Gefühl erinnern das entstand während ich den Track zum ersten Mal hörte. Als Musikliebhaber ist man ja irgendwie immer im Sisyphos-Modus auf der Suche nach dem perfekten Stück Musik, und bei dem Track hatte ich für eine kurze Zeit das Gefühl da ist es! Wie es halt so ist, hielt sich das absolute Gefühl nicht so lange, aber es ist bis heute einer der ganz wenigen Tracks geblieben, der für mich persönlich dem sehr sehr nahe gekommen ist und bis heute immer wieder neu auf die alte Art zu begeistern weiß. Der Hörgenuss war schon ziemlich vollgepackt, denn davon mal abgesehen dass „LFO“ von LFO mit seinem unwiderstehlichen melancholischen Futurismus eine Vielzahl von Gefühlen beim Hören aktiviert, wurde bei dem Track damals als Bonus noch ein Aha-Erlebniss mitgeliefert, denn so etwas hatte man wirklich noch nie vorher in dieser Form und Intensität gehört.
Hattest Du Warp Records damals schon als ein Label auf dem Radar, bei dem sich spannende Entwicklungen anbahnen würden?
Ja unbedingt! Ich war zwar noch kein fanatischer Fan dieses Stils der Bleeps und Clonks, aber Releases wie die Forgemasters “Track With No Name” oder DJ Mink “Hey Hey Can You Relate?” oder auch Nightmares on Wax mit “Dextrous” bzw. “A Case of Funk” haben bei mir schon früh die Kinnlade fallen lassen und zählten zu meinen damaligen Lieblingstracks. Trotzdem passierte damals in so vielen Bereichen elektronischer Club Musik Neues, dass zumindest ich, mit dem Wissen eines 13 Jährigen, das Potenzial des Labels schwer einordnen konnte. Es war eine Zeit, in der ununterbrochen eine revolutionäre Aufbruchstimmung bemerkbar war. Man konnte aber rückblickend schon erkennen das trotz schneller, von der Presse initiierten “Bleeps & Clonks” Hype-Schlagzeilen, etwas mit mehr Substanz als ein Zeitgeisttrend dahinter steckte. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Ulrich Schnauss über “Force Majeure” von Tangerine Dream (1979).
Ich nehme mal an, Tangerine Dream waren nicht so ein gängiges musikalisches Thema zur Zeit Deiner Jugend. Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann und wie Du die Band für Dich entdeckt hast?
1991 erschien das Album “Frequencies” von LFO – eine Platte, die mich sehr nachhaltig beeindruckt hat – zum einen musikalisch, zum anderen da sich im Inlay der Text des Openers “What Is House” befindet: im Prinzip einfach eine Aufzählung der wichtigsten Vertreter der elektronischen Musik der vorangegangen Jahrzehnte. In dem Alter hatte ich tatsächlich keine Ahnung, wer Yellow Magic Orchestra oder Tangerine Dream sind – als großer LFO-Fan hat es mich aber interessiert, wen die beiden da als ihre Vorbilder nennen. Ich habe mich dann einfach Stück für Stück durch die Liste durchgearbeitet – als ich schließlich bei “Tangerine Dream” angekommen bin, hatte ich so eine Art musikalisches Erweckungserlebnis.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie Du in den 90ern im kleinen Rahmen eines Clubs Deiner Geburtsstadt Kiel ein DJ-Set mit Deinen liebsten Tangerine Dream-Platten bestritten hast. Hattest Du damals schon die musikalischen Ideen im Kopf, die Du dann an anderen Orten umgesetzt hast? Wie wichtig waren Tangerine Dream für Deine persönliche Entwicklung als Künstler?
Ja, ganz bestimmt – ich habe eigentlich seit meiner Kindheit eine bestimmte Art von Musik im Kopf, die ich gerne irgendwann machen würde – alles was ich veröffentliche ist Teil eines langsamen Annäherungsprozesses an dieses Ziel.
Tangerine Dream war für mich in verschiedener Hinsicht wichtig – grundsätzlich erst einmal um zu erkennen, dass man mit Hilfe von elektronischen Instrumenten nicht nur Dance-Musik machen kann – für Jemanden, der zum ersten mal bewusst Synthesizer im Rahmen von Acid House gehört hat, ist das nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Zum anderen finde ich Edgar Froeses Herangehensweise an dieses elektronische Instrumentarium immer wieder inspirierend und das ist zu einer Art Leitidee auch für mich geworden: anstatt die Technik zum Fetisch zu erheben und die Transformation zur “Menschmaschine” zu propagieren (wenn auch zunächst in ironischer Brechung), steht das Werk von Tangerine Dream für ein Modell, bei dem der Mensch der bestimmende Faktor bleibt – das Sounddesign von Tangerine Dream unterscheidet sich grundsätzlich: warme, organische Farben, die den Hörer auf eine “Reise im Kopf” (pardon für das Klischee!) schicken – weit entfernt von technokratischer Kälte und büro-germanischer Sterilität (wobei ich nicht bestreiten will, dass sich unter dieser Voraussetzung nicht auch interessante Musik produzieren lässt – mich persönlich hat das allerdings nie sonderlich gereizt). Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit nike.bordom über “Brown By August” von Neil Landstrumm” (1995).
Wie kamst Du zu “Brown By August”? War es ein Zufallsfund im Plattenladen, oder warst Du schon anderweitig darauf vorbereitet?
Ich habe zu der Zeit, als “Brown By August” 1995 rauskam, bei einem Musikvertrieb /-großhandel gearbeitet. Dadurch habe ich sehr viel Musik mitbekommen, die abseits des Mainstreams stattfand. Damals habe ich viele Veröffentlichungen von Warp und Rephlex gekauft, aber auch viel Acid, Djax-Up-Beats oder Synewave. Peacefrog kannte ich eigentlich durch die DBX-Releases. “Brown By August” ist natürlich eine ganz andere Kategorie, passte aber andererseits gut zu meinen früheren Vorlieben, Industrial und EBM, Musik die eher aggressiv und energetisch ist. Von daher hat das Album bei mir sofort Begeisterung ausgelöst.
Warum hast Du Dich für dieses Interview für das Album entschieden? Ist es exemplarischer Techno für Dich?
Die Entscheidung für eine Platte fiel mir ja alles andere als leicht, da es so viel Musik gibt, die mich zu einem bestimmten Zeitpunkt begeistert und rückblickend auch extrem geprägt hat. Die Liste möglicher Kandidaten wurde immer länger.
Was meine Entscheidung bestimmt hat, ist der Humor, den ich im Laufe der Jahre in dem Album entdeckt habe. Ich bin mir sicher, Neil Landstrumm hat bei der Produktion enormen Spaß gehabt. Diese Kombination von brachialer Musik und (Selbst-)Ironie finde ich sehr einzigartig, ich muss bei jedem Hören erneut schmunzeln.
Exemplarisch daran ist sicher der “Maschinen-Aspekt”: Pattern-basierte Strukturen ohne große Variationsbreite, eine limitierte Anzahl von Sounds, eben eine gewisse produktionsmittelbedingte Reduktion. Bei dieser Art von Musik liegt das Augenmerk natürlich mehr auf dem Sound als auf dem Arrangement. Und was an Maschinen so wunderbar ist: es ist nicht alles immer 100%ig tight im Tempo, die einzelnen Maschinen laufen nicht ständig völlig synchron. Auch wenn das nicht wirklich hörbar ist, es ist spürbar, dass da mehr Lebendigkeit drin ist, als bei reinen Computer-Produktionen. Read the rest of this entry »
Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv. Mit Deinem Label Mirau fing es an, was ja anfangs auch noch ganz anders ausgerichtet war als das, was jetzt Deine Karriere ausmacht. Man hätte also schon darauf kommen können, dass man Dich nicht so leicht festlegen kann. Stellt das mittlerweile ein Problem für Dich dar?
Nein, wo ich heutzutage stattfinde, ist schon größtenteils ein House/Disco-Rahmen. Ich sehe das nicht als Problem. Ich finde es nur dann schwierig, wenn ich nun auf eine Rolle als Nu Disco-Produzent beschränkt werde, weil es für mich halt nichts aussagt. Ich finde der Begriff „Nu Disco“ ist schon schwierig. Ich will mich auf gar keinen Fall festlegen, in irgendeine Richtung.
Es Dir also wichtig als Produzent einen Freiraum zu behaupten, in dem Du machen kannst, was Du willst?
Ja, das ist schon sehr wichtig. Das ist oft immer sehr stimmungsabhängig, und das kann morgen auch was ganz Anderes sein. Es war sicherlich auch Glück, dass es jetzt in dieser Disco-Welle alles zusammenkam, aber ich habe nicht gezielt daraufhin produziert. Read the rest of this entry »
Im Gespräch mit Carlos de Brito über “Pressin’ On” von Hidden Agenda (1995).
Wie bist Du auf Hidden Agenda gestoßen? Eine Erstbegnung in der goldenen Ära von Drum ‚n’ Bass?
Es war definitiv die goldene Ära von Drum ‘n’ Bass. Wahrscheinlich bin ich im Dortmunder Plattenladen Entity auf sie gestoßen. Alternativ kann es auch Oliver von Felberts Drum ‘n’ Bass-Kolumne Wildstyle in der Spex gewesen sein. “The Flute Tune” war jedenfalls die Erstbegegnung.
Warum hast Du Dir “Pressin’ On” ausgesucht? Was macht den Track so wichtig für dich? Was ist sein musikalischer Reiz?
Ich hab relativ lange überlegt, welcher Song/Track in ein Format passt, in dem es um Musik geht, die einem viel bedeutet, die sich tief in die persönliche musikalische DNA eingefräst hat. Songs von Wham!, Gang Starr, A Tribe Called Quest, Sonic Youth, Aphex Twin, Moodymann, Theo Parrish und ein paar andere Großmeister standen zur Auswahl, aber dann bin ich bei meiner internen Inventur über diesen Track gestolpert.
Er steht für den Anfang eines Zeitraums von ca. 5-6 Jahren, in dem ich viel Drum ‘n’ Bass gehört habe. Eine Zeit, die übrigens zusammen mit jener fiel, wo sich viele in meinem Umfeld,am Ende der Schulzeit, bewusst/unbewusst entschieden haben, ob man sich weiterhin für neue Musikstile öffnet oder nicht.
Ich erwähne das deshalb, weil mein damaliger Kumpel Rui Fernandes (mit der Kölner Interference Crew nach wie vor in Sachen Drum ‘n’ Bass aktiv) und ich mit unserer Vorliebe für solche Musik in unserer, ähem… peer group auf uns allein gestellt waren. Indie und Grunge waren noch alle mitgegangen, Hip Hop größtenteils auch, bei Mo’Wax und Warp trennte sich schon der Aguardente vom Trester, bei Drum ‘n’ Bass hieß es meist nur noch: “Alter, geh’ mir wech mit dem Scheiß!”
Insofern mussten wir beide alleine ausbaldowern, ob die Platte nun auf 33 oder 45 Umdrehungen abgespielt werden sollte. Der Moment, als ich nach Tagen (oder Wochen?) endlich geschnallt hatte, dass “Pressin’ On” tatsächlich auf 45 Umdrehungen gedacht war und hektisch zum Telefon gerannt bin, um Rui diesen Heureka-Moment zu übermitteln…! Das prägt. Wie bei “Verstehen Sie Spaß?”: Einerseits glücklich, die versteckte Kamera entdeckt zu haben, andererseits tief beschämt, so hinters Licht führt worden zu sein! Ich bin froh, kürzlich erst erfahren zu haben, dass beispielsweise auch Leute wie Martyn – wie er kürzlich bei seiner Lecture im Rahmen der Red Bull Music Academy in Lissabon erklärte – ähnliche Erlebnisse hatten.
Wahrscheinlich habe ich deshalb “Pressin’ On” ausgewählt. Davon abgesehen ist das nach wie vor ein Knaller.
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