> Bocca Grande – Overdose (Four Roses Recordings, 2009)
Ich kenne es nicht. Ist es aus Deutschland?
Nein, ist es nicht. Es ist ein deutsches Label, aber die Produzenten sind aus Japan.
Das wäre meine nächste Vermutung gewesen.
Warum hättest Du das vermutet?
Das Piano als Schlüsselelement. Ein helles Piano und auch die Art, wie sie es editiert haben. Es ist offen.
Interessant, dass Du aufgrund des Piano-Sounds auf Japan gekommen bist.
Ich denke, dass diese Art Melodie etwas hat von japanischem Soundtrack-Piano-Stil hat. Diese gewisse melodische Herangehensweise. Es gibt immer dieses romantische, dramatische Element. Und nun mit dem Keyboard weiß man genau, dass es definitiv aus Japan kommt. Es ist aber ein sehr schöner Sound. Sehr Yellow Magic Orchestra. Sehr oldschool.
Das ist, was ich dachte, als ich es ersten Mal gehört habe. Es klingt nach der Art wie Sakamoto Piano spielt.
Genau, das Piano ist irgendwie Sakamoto, aber das Keyboard im Hintergrund ist der Hosono-Touch. Es ist diese Tanzmusik, zu der Du nicht tanzen kannst, für mich jedenfalls. Vielleicht bin ich, was das Tanzen angeht, zu einfach gestrickt. Es hat diese Plastizität an sich. Ich frage mich oft, wenn ich diese Art Musik höre, ob die Musiker diese Plastizität kritisch angehen, oder ob es nur ihr künstlerischer Ausdruck ist, und eine unkritische Herangehensweise. Aber dieser Collagen-Stil zwischen Melodien, Elektronik und Texturen ist auch sehr japanisch.
Sie nennen sich Bocca Grande. Ein Paar, und sie ist Klavierlehrerin. Alle ihre Tracks haben diese Piano-Elemente.
> H.O.D. – Alive And Kicking (Mata-Syn, 2009)
Schnelles Tempo. Zu schnell für mich zum Auflegen. Das kenne ich auch wieder nicht, ich vermute mal, es ist europäisch.
Ja.
Aber kontinental, definitiv nicht englisch.
Es ist englisch.
Nein, ist es nicht! (lacht) Plugin-Keyboards, würde ich sagen. Software-Studio. Auf eine Art wie Snd auf Acid, weißt Du was ich meine? Es klingt wie eine Snd-Platte auf 45, über die man einen Beat gelegt hat.
Ja, dies ist ein englischer Dubstep-Produzent. Ein gutes Beispiel für einen etwas deeperen Stil, nicht so abhängig von den sonst üblichen darken, wobbeligen Basslines.
Ich wünschte, wir hätten einen DJ-CD-Player dafür, denn der Bass ist nett. Es wäre schön, das erheblich langsamer zu spielen.
Ich hab das ein paarmal gespielt und auf -6 heruntergepitcht, und es funktioniert.
Ja, man müsste es so auf zwischen 120 und 125 BPM herunterbekommen, und es könnte wirklich deep sein.
Ist das ein Sound, den Du magst?
Nun, es erinnert mich an einen Sound, den ich mag. Aber die Pads, ich müsste raten, wenn ich sagen wollte, ob es Plugins oder Synth-Software-Keyboards sind, zumindest ist es ein Mastering-Stil, wo es hochgeladen wird und dann mit digitalem EQ und Plugins gearbeitet wird. Der Sound erhält dadurch diese Knusprigkeit, die mich nicht wirklich interessiert. Auf seine Art ist es zu clean, und zu scharf. Es ist ein Klang, der nur mit Digitalaufnahmen funktioniert. Was in Ordnung ist, es ist auf diese Art eben zeitspezifisch, und zeigt, dass ich überholt bin. Es ist wie House Music mit etwas zu unbehandelten Patch-Sounds. Das führt zu so einem industriellen Flavour. Das schreckt mich auch bei modernem Techno ab, ich mag das nicht.
Weil es vorgefertigt klingt?
Ja, aber auf eine Art die nicht zynisch ist. Ich kann es nicht genau sagen. Ich finde nicht die richtigen Worte um zu beschreiben, was mit diesem Keyboard-Sound ist. Aber ich mag den Bass.
Es ist definitiv für große Soundanlagen gemacht.
Im Gespräch mit Johannes Ehmann über “Lupa” von Palais Schaumburg (1982).
Wie bist Du auf Palais Schaumburg gestoßen? Hast Du sie zu ihrer Blütezeit in den 80ern entdeckt?
Ja, ich war 16, wohnte in Hagen bei meinen Eltern und ein Schulfreund spielte mir “Wir bauen eine neue Stadt” vor, die dritte Single. Das war etwa 1982. Dieser Schulfreund hatte reiche Eltern mit einer Villa nur aus Glas und Beton, spielte halbprofessionell Golf, trug immer schicke Polohemden – und hatte eine großartige Plattensammlung. Ich weiß noch, dass wir an dem Nachmittag außerdem noch etwas von Chic und Afrika Bambaataa gehört haben.
“Lupa” ist ein Produkt der zweiten Phase der Band, als Holger Hiller ausgestiegen war. Warum hast Du Dir dieses Album ausgesucht, und nicht etwa “Das Single-Kabinett” oder die erste LP? Gefällt Dir diese Phase aus bestimmten Gründen besser?
Komischerweise, wenn ich jetzt so zurück schaue, hat es mich scheinbar schon immer elektrisiert, wenn sich neue Popmusik aus dem Ruhrgebiet, Düsseldorf oder Hamburg mit amerikanischen bzw. afroamerikanischen Traditionen gepaart hat. Und auf „Lupa“ hat man beide Einflüsse, die wunderbar zusammengehen. Das Deutsch-Hölzerne, Schräge, Dadaistische und den rhythmischen Flow der New Yorker Latindisco-Szene durch Produzent Coati Mundi. Das ist einmalig und hört sich heute noch so gut an wie 1982, oder besser.
Im Gespräch mit Heiko Zwirner über “Reign In Blood” von Slayer (1986).
Wie und wann bist Du zum ersten Mal Slayer begegnet?
„Reign In Blood“ ist Ende 1986 erschienen. Damals war ich 14 Jahre alt. Meine musikalische Sozialisation hatte bis dahin sich irgendwo zwischen „Formel Eins“ und der „Hitparade International“ auf HR3 abgespielt, und wenn ich mal ganz hart drauf war, hörte ich Queen, Gary Moore oder die Scorpions. Mit Beginn des neuen Schuljahres war ich jedoch in einen exklusiven Hometaping-Zirkel aufgenommen worden, dessen Hauptumschlagsplätze der Schulhof meines Gymnasiums und der Mannschaftsbus meines Fußballvereins waren. In diesem Tauschring wurde abgestimmt, wer welche Platten kauft und wem überspielt, sodass man am Ende des Monats alle relevante Neuerscheinungen auf Kassette hatte. Je extremer, desto besser. So lernte ich Metallica, Kreator und Anthrax kennen, aber auch klassische Metalbands wie Iron Maiden und Judas Priest. Ja, und dann kamen Slayer mit der angeblich härtesten Platte aller Zeiten: „Reign In Blood“, Album des Monats im Metal Hammer, und wegen des Mengele-Songs „Angel of Death“ von Anfang an heftig umstritten. Da die Scheibe keine halbe Stunde dauerte, ließ ich sie mir auf die A-Seite einer C60-Kassette überspielen (auf der B-Seite war „Another Wasted Night“ von Gang Green, aber das ist eine andere Geschichte). Ich kann mich noch erinnern, wie sich meine Mutter darüber wunderte, dass ich mein Zimmer verdunkelte, um „Reign In Blood“ über Kopfhörer zu hören. Welche Macht Slayer auch über andere hatten, erfuhr ich dann bei meinem ersten Metal-Konzert im Februar 1987. Helloween und Overkill spielten in Mainz, um zum Aufwärmen kam „Reign In Blood“ aus den Boxen. Bei „Criminally Insane“ hat die ganze Halle mitgesungen.
Warum hast Du Dich für “Reign In Blood” entschieden? Was macht das Album so wichtig für Dich?
Wenn man mich damals nach meiner Lieblingsband gefragt hätte, hätte ich vermutlich Anthrax genannt. Das New Yorker Quintett wirkte auf Fotos und in Interviews zugänglicher und sympathischer als die aggressiven Finsterlinge aus Kalifornien, und in ihren Texten beschäftigte sich die lustige Truppe um Scott Ian mit Situationen, die ich aus dem eigenen Alltag kannte. Die Typen von Slayer haben dagegen Angst eingejagt, die sahen richtig gefährlich aus. Kerry King trug ja damals immer dieses selbst gemachte Armband, das mit 250 fingerlangen Nägeln gespickt war. Rückblickend haben Slayer jedoch klar die Nase vorn. „Reign In Blood“ hat sich bei mir tiefer eingegraben als jedes andere Metal-Album; über die Jahre hat es nichts von seiner Urgewalt verloren. Die Begegnung mit Slayer war für mich eine einschneidende Erfahrung. In diesen knapp 29 Minuten steckte so ziemlich alles drin, was ein Teenager, der das Leben bis dahin hauptsächlich aus dem Fernsehen kannte, bei der Herausbildung seiner Subjektivität brauchte: Massenmord, Religionskritik, Psychokiller – und Blut, das vom Himmel regnet. Mit einer überwältigenden Dichte und Intensität beschwört „Reign In Blood“ eine Welt herauf, die von Tod, Gewalt und Zerstörung bestimmt wird: die Hölle auf Erden. Gerade weil ich nur Fetzen von dem verstand, was da genau gesungen wurden, evozierten diese Songs einen gewaltigen, vulkanischen Bildereigen im Breitwandformat. In der Schule wurde einem ja damals noch ernsthaft vermittelt, dass Heavy Metal eine Gefahr für Seelenheil darstellt. Unser Religionslehrer warnte uns vor unterschwelligen Botschaften und berief sich dabei auf ein Pamphlet namens „Sie wollen nur deine Seele“, in dem Texte von Led Zeppelin und AC/DC analysiert wurden. Von daher war es stets auch mit einem wohligen Gruseln verbunden, sich auf ein so fragwürdiges Terrain zu begeben und Slayer zu hören.
Im Gespräch mit Paul Frick über “…And The Circus Leaves Town” von Kyuss (1995).
Kannst du Dich noch daran erinnern, wie Du auf Kyuss gestoßen bist? Ist diese Musik eine lange Liebe von Dir?
Ich weiß noch, dass ich bei “City Music” am Ku-Damm im Metal Hammer geblättert hab, und dass das Vorgänger-Album “Sky Valley” dort Platte des Monats war. Das war 1994, mit 14 oder 15. Im Review stand, glaube ich, etwas von einer “Metal-Variante von Pink Floyd”… Das hat mich dann wohl geködert. Ich hab es mir angehört und war sofort von dem warmen, bassigen Sound eingenommen, und von dem unterschwelligen Blues. Sowohl “Sky Valley” als auch “…And The Circus Leaves Town” waren dann eine Zeit lang der Soundtrack meines Teenager-Lebens… Ich habe damals auch einige ihrer Songs und Riffs auf der E-Gitarre nachgespielt.
Warum hast Du Dir ausgerechnet “… And The CircusLeavesTown” ausgesucht? Was macht es zu DER Platte für dich?
Ich würde zwar nicht sagen, dass es DIE eine Platte ist, aber von meinen diversen All-Time-Favourites ist “…And The Circus Leaves Town” eine der wenigen, die ich immer ähnlich stark gespürt habe, die für mich auch eine Art innere Konstante über 15 Jahre hinweg darstellt, während sich mein Geschmack und meine Art Musik wahrzunehmen des öfteren stark geändert haben.
Den persönlich nostalgischen Faktor mal beiseite genommen, würde ich hervorheben: Den unglaublich organischen Sound. Die tiefen Bass-/Gitarrenflächen klingen so körnig und lebendig, und bei aller Verzerrung überhaupt nicht “hart”. Wie ein in den Tiefen kondensierter Blues. Josh Hommes Gitarrenspiel wirkt nie technisch oder virtuos, sondern hat bei allen Psychedelic-Anleihen immer etwas Reduziertes. Er und auch der Basser Scott Reeder bringen sehr intensive Stimmungen mit nur wenigen Tönen hervor, sind Meister der Andeutung. Alfredo Hernandez’ Schlagzeug ist wunderbar warm gespielt und aufgenommen, Lichtjahre von mechanischen Metal-Drums entfernt. Die fast ständig durchzischelnde, dreckige Cymbal-”Fläche” ist sehr charakteristisch für Kyuss und frequenztechnisch quasi die Ergänzung der tiefen Gitarren. John Garcias tolle Stimme ist grandios leise gemischt, manchmal eher eine Art sehnsuchtsvolle Andeutung in der Ferne… Man höre “El Rodeo”!
Der eigene Kyuss-Klang kommt auch besonders durch die Repetitivität der Stücke zur Geltung. Vielleicht ist diese Vertiefung in den Klang andersherum auch eine Konsequenz dieser Repetitivität. Eins ist hier jedenfalls ohne das andere nicht denkbar. Da wären wir eigentlich auch schon beim Thema Club-Musik…
Die Stärke dieser Musik liegt für mich im Zusammenspiel. Es können keine Songs sein, die einer schreibt und als Mastermind umsetzt. Es sind Kondensate aus langen Jams, aus einer gemeinsamen Stimmung im Raum (oder natürlich – wie die Kyuss-Legendenschreibung sagt – in der Wüste…) Für mich war und ist diese hypnotische Melancholie unwiderstehlich. Kyuss’ Musik ist extrem energetisch, ohne sich punktuell und forciert aufzudrängen.
Im Gespräch mit Justus Köhncke über “Play Loud” von den B-52’s (1979).
Kannst Du Dich noch daran erinnern wie und wann Du auf die B-52’s gestoßen bist? War die Band eine prägende Jugendliebe von Dir?
Absolut. Anfang 1980, als ich 13 war, kam meine 2 Jahre ältere Patchworkfamilienschwester Corinna von einem zweijährigen Intermezzo bei ihrem leiblichen Vater in Berlin zurück in unseren mittelhessischen Provinzschoß der Patchworkfamilie (die derzeit ja noch lange nicht so hieß) – nicht ohne die heiße Ware ihrer Mauerstadt-Teenieclique: Ian Dury, The Specials, The Police (tja, auch) und: The B-52’s „Play Loud“. Ich war gerade dem Hitparadeausdemradioaufcassettemitschneiden hin zum Cooleleutehörenjaalbenvontollenkünstlern entwachsen, da kamen mir diese Empfehlungen gerade recht. Tatsächlich kann ich noch heute viel für die erste Specials, „New Boots And Panties“ von Ian Dury & The Blockheads und unser Thema, „Play Loud“, tun. Corinna liebe ich nach wie vor heiß und innig, sie ist Wissenschaftlerin des psychologischen Fachs in Heidelberg, und findet poptechnisch nurmehr Abba, die Carpenters und Anett Louisian gut, von der sie meint, ich müsste die doch auch toll finden, wegen der einfühlsamen deutschen Texte, woran ich mich ja auch versucht hätte. Aber das nur am Rande.
Warum hast Du Dir ihr Debüt „Play Loud“ ausgesucht? Was macht das Album so wichtig für dich?
Wichtig ist natürlich, siehe oben, die (pop-)frühkindliche Prägung mit 13, aber andererseits nenne ich hier ja nun auch nicht „Regatta De Blanc“ (von Police, aus derselben Tranche). Denn „Play Loud“ ist für mich über die Jahre einfach nur gewachsen als besonderes Gewächs, das sie ist, diese Platte – später mehr dazu.
Im Gespräch mit Stefan Goldmann über “Devotion” von John McLaughlin (1972).
Was ist Deine persönliche Verbindung zu John McLaughlin? Wie und wann bist Du auf ihn gestoßen?
Als ich 14-15 war und meine Ferien wie immer in Sofia verbrachte, war plötzlich Jazz das ganz große Thema bei meinen Freunden dort. Die anderen waren 2-4 Jahre älter als ich und ich ließ mich gerne beeinflussen. Als ich z. B. 9 war, kam ich so zu Iron Maiden, dann zu Led Zeppelin und Pink Floyd, und schließlich kam ich eines Sommers wieder und die waren alle ganz versessen auf das, was sie für Jazz hielten. Also Hauptsache virtuos – da wurde dann John Coltrane genau so gehört wie Al Di Meola oder die Chick Corea Elektric Band. Der Name McLaughlin fiel da auch schnell. Zurück in Berlin ging ich also zum Virgin Megastore und schaute mir die Kassetten an. Das war das Format, das mich interessierte, weil ich keinen eigenen Plattenspieler hatte, dafür aber einen Ghettoblaster und einen Walkman. Im Laden hatten sie die “Devotion” sowie die “Love Devotion Surrender” mit Carlos Santana. Sonst nichts. Als angehender Jazz-Snob hab ich natürlich die „Devotion“ mitgenommen und mich nicht mit irgendwelchen Rockern aufgehalten. Interessanterweise war dieses Tape die Lizenzausgabe von Celluloid, was später eines der wichtigsten Labels für mich werden sollte. Es hatte dieses super Coverdesign von Thi-Linh Le, der die ganzen legendären Celluloid-Cover in den 80ern gemacht hat. Ich kam hier also gleich mit zwei sehr wesentlichen Dingen in Berührung. Als ich damals auf einer Skifahrt in Tschechien war, konnte ich damit ganz gut die Mädchen beeindrucken, weil das selbst für die offenkundig so viel besser war als der Spaß-Punk, den die anderen Jungs dabei hatten.
McLaughlin war ja an sehr vielen bedeutenden Alben beteiligt. Warum hast Du Dir “Devotion” ausgesucht?
Gut, allein die ganzen Miles Davis Platten, auf denen er mitspielt sind eh der Wahnsinn. „Bitches Brew“ ist für mich sicherlich das bedeutendste Album überhaupt. Nur ist “Devotion” für mich einerseits der Einstieg gewesen, anderseits ist es in mehreren anderen Aspekten wirklich bemerkenswert: Es ist ein Album, das jemand in ein bestehendes Genre hineingesetzt hat – und dieses völlig übertroffen hat. Das ist ein wichtiger Beleg, das so etwas möglich ist. Es gibt immer diesen riesigen Vorteil, der Erste zu sein, der etwas Bestimmtes macht. Also ich denke da an Jeff Mills oder Plastikman, die einfach als erste wahrnehmbar ein kompositorisches Niveau erreicht haben in einer Musik, die vorher eher nur raue Energie war. Solche Leute haben auf Jahrzehnte einen Vorteil gegenüber jedem, der erst später dazukommt. Es ist ein zentrales künstlerisches Problem, wenn man innerhalb irgendeiner bestehenden Kunstform arbeiten will: was kann ich eigentlich noch beitragen? Die Möglichkeiten sind halt entweder den Rahmen zu dehnen oder es einfach deutlich besser zu machen als alle Anderen. Und Letzteres hat McLaughlin mit “Devotion” einfach gemacht. Da kommt einer aus England nach New York und nimmt den kompletten Laden auseinander. Die “Devotion” ist der klanggewordene feuchte Traum jedes Hendrix-Fans, nur das Hendrix das nie hingekriegt hat. Auch nicht mit “Band Of Gypsies”. Da kulminiert Etwas, was die ganze Zeit als Erwartung in der Luft lag, nur von Niemandem vorher eingelöst werden konnte. Dieses Energieniveau war einfach damals unbekannt. Und sehr viele spätere Sachen fußen darauf – sowie auf Lifetime, der Tony Williams Band mit McLaughlin und Larry Young.
Im Gespräch mit Ingo Scheel über “Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols” von den Sex Pistols (1977).
Wann und wie war Deine erste Begegnung mit “Never Mind The Bollocks”?
Das war irgendwann im Herbst 1977, ich war 13. Mein bester Kumpel Assi und ich hatten von den Pistols gelesen, von Punk als Phänomen, das fanden wir alles super, aber es gab nirgendwo etwas zu hören. Bis dann Wolf-Dieter Stubel in der “Internationalen Hitparade” auf NDR2 “Holidays in the Sun” spielte. Ich weiß es noch genau, es war im Autoradio, mit meiner Mutter zusammen. Der Song beginnt, das Intro, Rottens Stimme, ich hätte ausrasten können. Die Welt sah sofort anders aus, der Song legte binnen Sekunden einen Schalter in meinem Leben um. Wieder zuhause angekommen rief ich Assi an, er hatte den Song auch gehört und wir konnten nicht fassen, wie gut die Pistols klingen. Zwei Monate nach dieser ersten Begegnung bekomme ich die Platte von Tante Renate zu Weihnachten. Es ist Bescherung, ich packe sie aus. Meine Tante sagt: “Na, nun möchte ich die aber auch mal hören.” Wir gehen in mein grün-weißes Jugendzimmer, ich werfe den orangefarbenen “Wifona Hitmaster” an (kein Scheiß), mach die Platte an. Während ich selbst die ganzen Songs zum ersten Mal und beinah implodiere, sitzt Tantchen auf der Bettkante, zieht an ihrer “Kim” (viel zu zart für Männerhände) und sagt: ” Das klingt ja alles gleich”. Ich sah das natürlich anders. Tantchen ließ mich dann zur Versöhnung an ihrer Zigarette ziehen und wir gingen wieder ins Wohnzimmer zurück. Später hab ich die Platte im Dunkeln noch mehrmals gehört und war zu aufgeregt, um einzuschlafen.
Wie würdest Du das Album beschreiben? Was macht es zu DEM Album für Dich?
Für mich ist es DIE eine Platte, die immer da war. Schlicht und ergreifend. Die Teenager-Jahre sind so prägend, wenn dir in dieser Zeit ein Album auf diese Weise den Kopf abschraubt – das wirst du nie wieder los. Stress in der Schule, nervende Eltern, Pickel, Mädels, der ganze Irrsinn, da waren die Sex Pistols ein erstklassiger Fixpunkt, mein klanggewordener, ausgestreckter Mittelfinger. Der britische Fußballer Stuart Pearce hat einmal gesagt, er hätte „Never Mind The Bollocks“ so oft gehört, es ist mittlerweile in seinen Genen. Das ist natürlich herrlicher Quatsch, aber ich für meinen Teil empfinde genauso.
im Gespräch mit Michael Kummermehr über “Alfie” von Burt Bacharach (1966).
Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann Du das erste Mal bewusst Burt Bacharach gehört hast?
Ja, ich glaube das müsste im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor der Kabelfernsehzeit gewesen sein. Als ich ein Kind war, Mitte/Ende der 70er, lief „Butch Cassidy And The Sundance Kid“ mit Robert Redford und Paul Newman. Einer der Westernklassiker, den man aber als Kind komisch findet, weil die Cowboys auch Fahrrad fahren und oft verliebt sind. Besonders “Raindrops Keep Fallin’ On My Head”, von Billy Joe Thomas gesungen, ist einer der Radiohits, die man schon als Sechsjähriger im Ohr hat, was einen aber noch nicht zum erklärten Bacharach-Fan macht. Allein deshalb, weil man in dem Alter glaubt, dass der Sänger seine Lieder da im Radio selber macht. Ich denke, wer Burt Bacharach ist, habe ich im Ansatz erst in den frühen 90ern verstanden. In der Spex gab eine Rubrik namens „Legendäre Typen“ (die Spex war damals noch ein reines Herzblutprodukt und heute vergleichbar mit einem gut gemachten Blog, also in Themenauswahl und Meinungsmachertum sehr subjektiv, sehr unberechenbar, oft gewagt und fast ebenso oft gewinnend charmant). Diese Reihe handelte von einflussreichen Über-Kreativen wie Arthur Baker, Tony Wilson und… Burt Bacharach – Ein Hugh Hefner mit Steinway Flügel. Das war ungefähr zu der Zeit als, die Interpretationen von „Look Of Love“ von Wild Bunch und „Say a Little Prayer“ von Bomb The Bass herauskamen.
Übrigens: Wenn man alte Tapes von Soul II Soul oder Wild Bunch Warehouse Parties der späten 80er und frühen 90er hört, ist man erstaunt, dass da 60ies-Instrumentals von Schifrin, so wie den Ventures oder Shadows liefen. Der Name Bacharach fiel mir auch immer auf, wenn wir auf der A61 von Ludwigshafen nach Köln gefahren sind: Dann passierte man die Autobahnausfahrt Bacharach. Ein Städtchen am Rhein im Kreis Mainz Bingen. Bestimmt süß und gutes Essen gibt es da sicher auch. Ich war noch nie da.
Bacharach hat unzählige Klassiker geschrieben. Warum hast Du Dich für “Alfie” entschieden? Was macht den Song so speziell für Dich?
Haha! Frage 2 und schon kommt die rhetorische Frage. Meine Frau und ich haben uns den – jedenfalls kommt es meinen Eltern so vor – bourgeois-exzentrischen Luxus erlaubt, unseren Sohn Alfie zu nennen, ohne Zweitnamen und andere Tricks. Im Standesamt in Pankow, wo ich die Geburtsurkunde abgeholt habe, war deswegen auch echt “High Life”. Die Bediensteten fanden Vor- und Nachnamen einfach oberniedlich. Die Damen um die 50 hatten Tränen der Rührung in den Augen, bevor es Schlag 11.30 in die Mittagspause ging. Meine Frau Andrea kam auf die Idee, Alfie, Alfie zu nennen. Sie fand das Lied schön und wollte einen englischen Namen, den man im Deutschen so aussprechen kann, wie man ihn liest. Weil wir eine Erinnerung an unsere schöne Zeit in London haben wollten und weil unser Kind auf keinen Fall einen dieser Kollwitzplatz-Namen bekommen sollte, Luca oder wie die alle heißen. – Ich meine, Luca oder Leon sind absolut süße Namen, auch diese bildungsbürgerlichen altdeutschen Namen sind spitze, aber deren Individualisierungstauglichkeit geht vor unserer Haustür leider gegen Null.- Ich muss noch immer an diese Vorlesung in Rechtsphilosophie denken, in der Professor Pawlowski den Hegelschen Weltgeist erklärt hat. Er meinte (das ist 17 Jahre her), dass in zehn Jahren Namen en vogue seien werden, die wir heute (also damals) als unpassend empfinden, und dass dann die zukünftige (also die heutige) Mehrheit, diese Namen als sehr schön und würdig für die eigenen Kinder empfinden würde. Dass also die Mehrheit bzw. die Welt durchdrungen von dem Geist sei, ihren Kindern solche Namen zu geben. Das sei mehr als Gruppenzwang und mehr als Mode. Ich fand es ein bisschen unheimlich. OK…zurück zur Frage. Wir fanden das Lied so gut, dass wir uns gegen den herrschenden Weltgeist gestemmt haben.
Im Gespräch mit Jan Joswig über “Umleitung” von Franz Josef Degenhardt (1966).
Wie und wann bist Du auf “Umleitung” bzw. überhaupt auf Franz Josef Degenhardt gestoßen?
Mein Schulfreund und ich dachten es wäre als Korrektiv zu unseren unverschämt blonden Surferhaaren wichtig, wenn wir uns als nachdenkliche Humanisten inszenierten statt als draufgängerische Hedonisten. Während die anderen Haschpfeifen am Gürtel trugen, schleppten wir eine Wandergitarre mit uns rum und hörten Georg Danzer, Konstantin Wecker, Bettina Wegner und Franz Josef Degenhardt. Fast wären wir in die Jugendpolitik gegangen. Ehrlich gesagt, bin ich’s sogar. Ich war Gründungsmitglied des „Grün Alternativen Jugendverbandes“. Aber es war nur wegen der Prinz-Eisenherz-Comics von Hal Foster, die der Kassenwart sammelte. Ich schwör’s beim Singenden Schwert!
Was macht “Umleitung” so wichtig für Dich?
„Umleitung“ ist der Freud’sche Versprecher in Degenhardts Werk, das Stück, das geheime Identitäts-Vorstellungen von ihm verrät: einmal der Star mit Pflaumenhintern-Groupie sein statt immer der Oberlehrer-Entertainer mit Faltenrock-Tanten am Rollkragenzipfel. Ich bilde mir ein, diesen Einblick hat er nur halb bewusst inszeniert. So viel unkontrollierte Sehnsucht und Frustration blitzt sonst nie im Liedermacher-Genre auf. Ferien vom eigenen (politisch-künstlerischen) Ich nehmen und sich endlich „ruhig mal reaktionär sein“ lassen. Als „miesen Chauvi“ haben wir ihn in unseren Wandergitarre-Zeiten dafür geächtet (erinnert sich heute auch keine Sau mehr dran, an dieses Schimpfwort).
Im Gespräch mit Tobias Rapp über “Andromeda Heights” von Prefab Sprout (1997).
Wie und wann war Deine erste Begegnung mit Prefab Sprout?
Erstaunlich spät. Tatsächlich war “Andromeda Heights” die Platte, mit der ich Prefab Sprout entdeckt habe. Im Grunde fiel sie mir aus dem Himmel, in dem sie spielt, vor die Füße. Ich hatte ganz viel verschiedene Musik in den Neunzigern gehört: Techno, Hiphop, Jazz, Sixties-Pop, alles mögliche, aber nur sehr selten Musik, die von einem so emphatischen Popbegriff lebt, wie Prefab Sprout das tun. Die wollen ja beides: Pop als Zeichensystem benutzen, also in so einem Pop-Referenz-Universum leben, und selbst Pop sein, also mit der großen Geste spielen, “we were quoted out of context, it was great”, wie es in “Electric Guitars“ so schön heißt.
Meine damalige Freundin hat mich auf Prefab Sprout gebracht – und Thomas Groß, der damals Popredakteur der taz war und über die Platte geschrieben hat. Einen schönen Text, in dem er die Platte als große Geste der Modernisierungsverweigerung beschreibt. Das mag sich damals so angehört haben, neben Drum’n’Bass und Tricky. Von heute aus ist die Platte ja ganz eigenartig zeitlos, finde ich.
Von “Andromeda Heights” aus habe ich mir dann die anderen Dinge nach und nach auch angehört. Natürlich ist mir in den Achtzigern “Cars and Girls” auch schon mal untergekommen, wobei mir damals natürlich entging, dass es ein Answer-Song auf auf “Down By The River” von Bruce Springsteen ist. Ich dachte, irgendwie sei das ein Stück über Autos und Mädchen. Ein super Missverständnis und ganz im Sinne von Prefab Sprout, würde ich vermuten, weil ich das einfach als Popsong gehört habe, er also auch ohne den Meta-Pop-AnteiI funktioniert hat. Doch richtig tiefen Eindruck hat er nicht hinterlassen. Das fing erst mit “Andromeda Heights” an.
Warum hast Du Dir “Andromeda Heights” ausgesucht?
Weil es meine Lieblingsplatte ist. Im Sinne von: eine der ganz wenigen Platten, die ich immer wieder hören kann.
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