Rewind: Paul Frick über “…And The Circus Leaves Town”

Posted: February 1st, 2010 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Paul Frick über “…And The Circus Leaves Town” von Kyuss (1995).

Kannst du Dich noch daran erinnern, wie Du auf Kyuss gestoßen bist? Ist diese Musik eine lange Liebe von Dir?

Ich weiß noch, dass ich bei “City Music” am Ku-Damm im Metal Hammer geblättert hab, und dass das Vorgänger-Album “Sky Valley” dort Platte des Monats war. Das war 1994, mit 14 oder 15. Im Review stand, glaube ich, etwas von einer “Metal-Variante von Pink Floyd”… Das hat mich dann wohl geködert. Ich hab es mir angehört und war sofort von dem warmen, bassigen Sound eingenommen, und von dem unterschwelligen Blues. Sowohl “Sky Valley” als auch “…And The Circus Leaves Town” waren dann eine Zeit lang der Soundtrack meines Teenager-Lebens… Ich habe damals auch einige ihrer Songs und Riffs auf der E-Gitarre nachgespielt.

Warum hast Du Dir ausgerechnet “… And The Circus Leaves Town” ausgesucht? Was macht es zu DER Platte für dich?

Ich würde zwar nicht sagen, dass es DIE eine Platte ist, aber von meinen diversen All-Time-Favourites ist “…And The Circus Leaves Town” eine der wenigen, die ich immer ähnlich stark gespürt habe, die für mich auch eine Art innere Konstante über 15 Jahre hinweg darstellt, während sich mein Geschmack und meine Art Musik wahrzunehmen des öfteren stark geändert haben.

Den persönlich nostalgischen Faktor mal beiseite genommen, würde ich hervorheben: Den unglaublich organischen Sound. Die tiefen Bass-/Gitarrenflächen klingen so körnig und lebendig, und bei aller Verzerrung überhaupt nicht “hart”. Wie ein in den Tiefen kondensierter Blues. Josh Hommes Gitarrenspiel wirkt nie technisch oder virtuos, sondern hat bei allen Psychedelic-Anleihen immer etwas Reduziertes. Er und auch der Basser Scott Reeder bringen sehr intensive Stimmungen mit nur wenigen Tönen hervor, sind Meister der Andeutung. Alfredo Hernandez’ Schlagzeug ist wunderbar warm gespielt und aufgenommen, Lichtjahre von mechanischen Metal-Drums entfernt. Die fast ständig durchzischelnde, dreckige Cymbal-”Fläche” ist sehr charakteristisch für Kyuss und frequenztechnisch quasi die Ergänzung der tiefen Gitarren. John Garcias tolle Stimme ist grandios leise gemischt, manchmal eher eine Art sehnsuchtsvolle Andeutung in der Ferne… Man höre “El Rodeo”!

Der eigene Kyuss-Klang kommt auch besonders durch die Repetitivität der Stücke zur Geltung. Vielleicht ist diese Vertiefung in den Klang andersherum auch eine Konsequenz dieser Repetitivität. Eins ist hier jedenfalls ohne das andere nicht denkbar. Da wären wir eigentlich auch schon beim Thema Club-Musik…

Die Stärke dieser Musik liegt für mich im Zusammenspiel. Es können keine Songs sein, die einer schreibt und als Mastermind umsetzt. Es sind Kondensate aus langen Jams, aus einer gemeinsamen Stimmung im Raum (oder natürlich – wie die Kyuss-Legendenschreibung sagt – in der Wüste…) Für mich war und ist diese hypnotische Melancholie unwiderstehlich. Kyuss’ Musik ist extrem energetisch, ohne sich punktuell und forciert aufzudrängen.

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Rewind: Justus Köhncke über “Play Loud”

Posted: January 25th, 2010 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Justus Köhncke über “Play Loud” von den B-52’s (1979).

Kannst Du Dich noch daran erinnern wie und wann Du auf die B-52’s gestoßen bist? War die Band eine prägende Jugendliebe von Dir?

Absolut. Anfang 1980, als ich 13 war, kam meine 2 Jahre ältere Patchworkfamilienschwester Corinna von einem zweijährigen Intermezzo bei ihrem leiblichen Vater in Berlin zurück in unseren mittelhessischen Provinzschoß der Patchworkfamilie (die derzeit ja noch lange nicht so hieß) – nicht ohne die heiße Ware ihrer Mauerstadt-Teenieclique: Ian Dury, The Specials, The Police (tja, auch) und: The B-52’s „Play Loud“. Ich war gerade dem Hitparadeausdemradioaufcassettemitschneiden hin zum Cooleleutehörenjaalbenvontollenkünstlern entwachsen, da kamen mir diese Empfehlungen gerade recht. Tatsächlich kann ich noch heute viel für die erste Specials, „New Boots And Panties“ von Ian Dury & The Blockheads und unser Thema, „Play Loud“, tun. Corinna liebe ich nach wie vor heiß und innig, sie ist Wissenschaftlerin des psychologischen Fachs in Heidelberg, und findet poptechnisch nurmehr Abba, die Carpenters und Anett Louisian gut, von der sie meint, ich müsste die doch auch toll finden, wegen der einfühlsamen deutschen Texte, woran ich mich ja auch versucht hätte. Aber das nur am Rande.

Warum hast Du Dir ihr Debüt „Play Loud“ ausgesucht? Was macht das Album so wichtig für dich?

Wichtig ist natürlich, siehe oben, die (pop-)frühkindliche Prägung mit 13, aber andererseits nenne ich hier ja nun auch nicht „Regatta De Blanc“ (von Police, aus derselben Tranche). Denn „Play Loud“ ist für mich über die Jahre einfach nur gewachsen als besonderes Gewächs, das sie ist, diese Platte – später mehr dazu.

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Humanoid – Stakker Humanoid

Posted: January 19th, 2010 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , , , | No Comments »

1988 brauchten die Videokünstler Mark McLean und Colin Scott musikalische Untermalung für eine dieser visuellen Blendgranaten, die im Nachhinein so ulkig gealtert sind (siehe auch X-Mix), und Brian Dougans dachte sich dafür „Stakker Humanoid“ aus. Das Ganze erschien dann im selben Jahr auf Morgan Khans notorischem Label Westside, und hinterließ sogleich übelste Verwüstungen im ersten britischen Summer of Love. Und das lässt sich auch über zwanzig Jahre später noch gut nachvollziehen. Der Track unterschied sich erheblich sowohl von den funkigen Acid-Prototypen aus Chicago als auch von den eher poppigen Sample-Überdosis-Varianten, die man von der Insel aus entgegensetzte. Über einen ungelenken Electrobeat rumort es gefühlte Ewigkeiten unten- und oben herum, und dann kommt diese herrische Stimme aus dem archaischen Computerspiel „Berzerk“ (überhaupt die herrischen Stimmen von Acid House!), und über die bis dahin brutalste 303-Bassline bricht ein Inferno bis dato ungehörten Ausmaßes los. Man kann es noch so oft gehört haben, diese Stelle kommt einfach immer unerwartet. „Stakker Humanoid“ blieb jahrelang ein viel gespielter Querschläger im 4/4-Bereich, doch gerade in den Händen der Breaks-Szene nach der klassischen Drum and Bass-Hausse erwies sich das visionäre Potential des Tracks, und auf Jahre hin wurde sich mit unzähligen Remixen und Mashups daran abgearbeitet. Dougans, der Humanoid nach Zwist mit den ursprünglichen Auftraggebern 1989 nach ein paar weiteren Tracks aufgelöst hatte, war da schon längst woanders. Mit Garry Cobain gründete er die legendären Future Sound Of London und andere Projekte, und setzte mit „Papua New Guinea“ und zahlreichen anderen Tracks, etwa auf Jumpin’ & Pumpin’, der noch taufrischen Breakbeat- und Raveszene der frühen 90er seinen Stempel auf. Seitdem hat er mit Cobain als FSOL und Amorphous Androgynous wesentliche Entwicklungen des Internets und anhängiger Multimediafortschritte früh aufgegriffen und dann großzügig liegenlassen, allerlei spinnerte Interviews und Statements abgegeben, und fortlaufend ungemein unterhaltsame eklektische Radioshows aufgenommen, welche die meisten Bemühungen der jüngeren Post-Disco-Psychedeliker in obskurem Inhalt und epischem Umfang noch gut in Schach halten können. Irgendwie auch beruhigend, dass man nach Jahren umfassender, zukunftgerichteter Soundforschung in diesem Feld irgendwann doch wieder bei Hawkwind landet.

Humanoid – Stakker Humanoid (Westside, 1988)

de:bug 01/10


Playing Favourites: Adam X

Posted: January 8th, 2010 | Author: | Filed under: Interviews English | Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | No Comments »

> Strafe – Set It Off

Ok, let’s start it off with “Set It Off”.

Right, we’re going to set it off with “Set It Off”. Basically with “Set It Off”, growing up in New York in the 70’s and 80’s, I grew up with my parents and my brother – my brother being a DJ since 1980, and there were a lot of musical roots in my household. I was always around music. Mostly disco and electro, stuff like that. Growing up with my parents in the 70’s, they were really big on disco and I was hearing everything from “Ten Percent” by Double Exposure to so many underground disco records, like from 76, Jimmy and the Vagabonds, or Crown Heights Affair. Old school disco. I always had roots in the family. My father also had a pretty big rock collection from the late 60’s – Sabbath, Zeppelin, psychedelic rock. That was played probably when I was really younger, but 74/75 my parents were already getting into disco at that time. The roots of the music were always there with me and I would buy records on the occasion. I remember buying Fatback Band’s “King Tim III” which was pretty much the first rap record, Michael Jackson – “Don’t Stop ‘Til You Get Enough”, “Let’s All Chant”, stuff like that. I was like 7 or 8 years old buying this stuff but I was never really into DJing at this time. My brother was the DJ. He was the one buying the records and DJing. He knew what was going on musically. I would say when I really first started to pay attention to music a lot, but I still was not a DJing, was around 83/84, and I was around 12 years old at the time and I was getting into graffiti which I was actually documenting on subway trains by photographs. I was travelling from Brooklyn to the Bronx. I was going everywhere with a camera – all four boroughs that had a subway system. The records at that time were a lot of electro stuff that was being played. A lot of freestyle like C-Bank’s “One More Shot” or “Al-Naafiysh” by Hashim. I still didn’t really know who the artists were and stuff like that, but I knew the records and heard them all the time on the radio. Around 84 I went to a break dancing club at a roller skating rink to watch a bunch of people battling, and I heard “Set It Off” for the first time. I don’t know what it was with that record but it fit all the movies I liked at that time: New York movies like The Warriors, Death Wish. It was just this dark record that was kind of like the soundtrack of New York City at the time, when New York City was just like in urban decay. On my way somewhere with my parents you would see all these abandoned building like in Berlin in 1945 in certain areas. Then taking the train to the South Bronx and seeing that…I have such a vivid memory of being on the Pelham subway line going to see one of the most famous Graffiti writers in New York called Seen, who was in the documentary Style Wars, and I befriended him when I was probably like 13. He used to airbrush t-shirts in a flea market. I don’t know why music always has a place in a moment that you can remember a certain situation. I can remember being in that flea market and then playing that track. It was just like the track of tracks. It was the soundtrack of graffiti, of New York, the rawness. When I got into techno in about 1990 and I went to trace back all the records that I’d been collecting and I would go back and listen to that record it just sounded so current. Not current to what techno was, but on the production level. When you listen to other electro records or freestyle records from that time, nothing has that 808 feel like “Set It Off” does. That production is just sick. The bassline. There’s really no other record from that time period, apart from maybe “Hip Hop Be Bop” or “Boogie Down Bronx”, that should have been the soundtrack to The Warriors. It’s just an amazing track. The irony of whole record being my favourite record is that it was produced on a label located in Ocean Avenue in Brooklyn, so that record was made probably two miles from where I lived. I guess Walter Gibbons produced Strafe, but it was made in Brooklyn. It’s a 100% Brooklyn. That record… the build up, the vocals, just everything about it…I could listen to it over and over again on repeat mode.

Would you say they produced a prototype with this? It’s a lot darker than most of the electro productions around that time.

I think it’s definitely the prototype for a lot of the future electro stuff that was coming out through the techno scene in the 90’s. Anybody making electro music at that time had to know that record. You have “Planet Rock” and you have “Clear” by Cybotron but that record just stands out for me. It’s such a better record. I love the other records but when I hear “Set It Off” the goose bumps come up. It sounds like something from a John Carpenter movie. It could be from “Assault On Precinct 13”, even if you can’t mess with that soundtrack. It is in the same mode as that. It gives the same feeling, and the same vibe and mood. Those eerie chord strings in the back and the bassline. You can’t mess with it.

> Ryuichi Sakamoto – Riot In Lagos

The next one is “Riot in Lagos” by Ryuichi Sakamoto.

This is an interesting track that Bones had turned me onto in probably sometime in the early to mid 90’s. He was refreshing my memory on records that were on when we used to go to roller skating rinks, and one of the other records was Kasso’s “Key West”. I remember he was playing all these records and I was like flabbergasted by the sounds and the music and how futuristic it was for 80’/81′. The thing was when I got into techno and I realised what electronic music was, and I’m hearing Bones and Lenny Dee – this is the 808, this is the 909 – trying to get my head around all these machines, and Bones was playing me records later on saying “these are the first 808 records, or 909 drum rhythm records”, and I never looked at the music I was listening to in the early 80’s, like Kraftwerk, as electronic music or acoustic music – I never made that difference in my head. I never sat there and thought “Oh, I like music with synthesisers”. When I heard this Sakamoto record, I kind of recalled hearing it but it didn’t really ring a bell in a big way for me. But it did ring my bell. [laughs] I was like “Whoa! What the fuck is this?” because I guess it’s got that Eastern, Asian kind of melody sound to it. That is a one of a kind record. There is nothing that sounds like that. I have never, ever heard another record ever sound like that. It cannot be copied.

It even sounded different to the sound Sakamoto was doing with Yellow Magic Orchestra.

Yeah. There is another Sakamoto record that I got a little later on, once I realised who he was, that is quite rare. Not many people know it, it’s called “Lexington Queen”. It’s amazing. It was released as a 12” and also a 45 as well. I probably should have been digging a little deeper on Sakamoto stuff, when I was doing my East kind of record shopping ten years ago, when I was looking for all this 80’s stuff. But I heard a few things by him that didn’t hit me the way those two records hit me. But “Riot In Lagos” is just a special record, what a special piece of electronic music. It’s up there with Kraftwerk.

It is pioneering electronic music, but from a very different angle.

Again, it’s got that Japanese sound to it. Whatever Japanese electronic music was in the 80’s, I don’t really know much about it, but this is a brilliant track. Read the rest of this entry »


Rewind: Ingo Scheel über “Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols”

Posted: December 21st, 2009 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Ingo Scheel über “Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols” von den Sex Pistols (1977).

Wann und wie war Deine erste Begegnung mit “Never Mind The Bollocks”?

Das war irgendwann im Herbst 1977, ich war 13. Mein bester Kumpel Assi und ich hatten von den Pistols gelesen, von Punk als Phänomen, das fanden wir alles super, aber es gab nirgendwo etwas zu hören. Bis dann Wolf-Dieter Stubel in der “Internationalen Hitparade” auf NDR2 “Holidays in the Sun” spielte. Ich weiß es noch genau, es war im Autoradio, mit meiner Mutter zusammen. Der Song beginnt, das Intro, Rottens Stimme, ich hätte ausrasten können. Die Welt sah sofort anders aus, der Song legte binnen Sekunden einen Schalter in meinem Leben um. Wieder zuhause angekommen rief ich Assi an, er hatte den Song auch gehört und wir konnten nicht fassen, wie gut die Pistols klingen. Zwei Monate nach dieser ersten Begegnung bekomme ich die Platte von Tante Renate zu Weihnachten. Es ist Bescherung, ich packe sie aus. Meine Tante sagt: “Na, nun möchte ich die aber auch mal hören.” Wir gehen in mein grün-weißes Jugendzimmer, ich werfe den orangefarbenen “Wifona Hitmaster” an (kein Scheiß), mach die Platte an. Während ich selbst die ganzen Songs zum ersten Mal und beinah implodiere, sitzt Tantchen auf der Bettkante, zieht an ihrer “Kim” (viel zu zart für Männerhände) und sagt: ” Das klingt ja alles gleich”. Ich sah das natürlich anders. Tantchen ließ mich dann zur Versöhnung an ihrer Zigarette ziehen und wir gingen wieder ins Wohnzimmer zurück. Später hab ich die Platte im Dunkeln noch mehrmals gehört und war zu aufgeregt, um einzuschlafen.

Wie würdest Du das Album beschreiben? Was macht es zu DEM Album für Dich?

Für mich ist es DIE eine Platte, die immer da war. Schlicht und ergreifend. Die Teenager-Jahre sind so prägend, wenn dir in dieser Zeit ein Album auf diese Weise den Kopf abschraubt – das wirst du nie wieder los. Stress in der Schule, nervende Eltern, Pickel, Mädels, der ganze Irrsinn, da waren die Sex Pistols ein erstklassiger Fixpunkt, mein klanggewordener, ausgestreckter Mittelfinger. Der britische Fußballer Stuart Pearce hat einmal gesagt, er hätte „Never Mind The Bollocks“ so oft gehört, es ist mittlerweile in seinen Genen. Das ist natürlich herrlicher Quatsch, aber ich für meinen Teil empfinde genauso.

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Rewind: Michael Kummermehr über “Alfie”

Posted: December 7th, 2009 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , , | No Comments »

im Gespräch mit Michael Kummermehr über “Alfie” von Burt Bacharach (1966).

Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann Du das erste Mal bewusst Burt Bacharach gehört hast?

Ja, ich glaube das müsste im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor der Kabelfernsehzeit gewesen sein. Als ich ein Kind war, Mitte/Ende der 70er, lief „Butch Cassidy And The Sundance Kid“ mit Robert Redford und Paul Newman. Einer der Westernklassiker, den man aber als Kind komisch findet, weil die Cowboys auch Fahrrad fahren und oft verliebt sind. Besonders “Raindrops Keep Fallin’ On My Head”, von Billy Joe Thomas gesungen, ist einer der Radiohits, die man schon als Sechsjähriger im Ohr hat, was einen aber noch nicht zum erklärten Bacharach-Fan macht. Allein deshalb, weil man in dem Alter glaubt, dass der Sänger seine Lieder da im Radio selber macht. Ich denke, wer Burt Bacharach ist, habe ich im Ansatz erst in den frühen 90ern verstanden. In der Spex gab eine Rubrik namens „Legendäre Typen“ (die Spex war damals noch ein reines Herzblutprodukt und heute vergleichbar mit einem gut gemachten Blog, also in Themenauswahl und Meinungsmachertum sehr subjektiv, sehr unberechenbar, oft gewagt und fast ebenso oft gewinnend charmant). Diese Reihe handelte von einflussreichen Über-Kreativen wie Arthur Baker, Tony Wilson und… Burt Bacharach – Ein Hugh Hefner mit Steinway Flügel. Das war ungefähr zu der Zeit als, die Interpretationen von „Look Of Love“ von Wild Bunch und „Say a Little Prayer“ von Bomb The Bass herauskamen.

Übrigens: Wenn man alte Tapes von Soul II Soul oder Wild Bunch Warehouse Parties der späten 80er und frühen 90er hört, ist man erstaunt, dass da 60ies-Instrumentals von Schifrin, so wie den Ventures oder Shadows liefen. Der Name Bacharach fiel mir auch immer auf, wenn wir auf der A61 von Ludwigshafen nach Köln gefahren sind: Dann passierte man die Autobahnausfahrt Bacharach. Ein Städtchen am Rhein im Kreis Mainz Bingen. Bestimmt süß und gutes Essen gibt es da sicher auch. Ich war noch nie da.

Bacharach hat unzählige Klassiker geschrieben. Warum hast Du Dich für “Alfie” entschieden? Was macht den Song so speziell für Dich?

Haha! Frage 2 und schon kommt die rhetorische Frage. Meine Frau und ich haben uns den – jedenfalls kommt es meinen Eltern so vor – bourgeois-exzentrischen Luxus erlaubt, unseren Sohn Alfie zu nennen, ohne Zweitnamen und andere Tricks. Im Standesamt in Pankow, wo ich die Geburtsurkunde abgeholt habe, war deswegen auch echt “High Life”. Die Bediensteten fanden Vor- und Nachnamen einfach oberniedlich. Die Damen um die 50 hatten Tränen der Rührung in den Augen, bevor es Schlag 11.30 in die Mittagspause ging. Meine Frau Andrea kam auf die Idee, Alfie, Alfie zu nennen. Sie fand das Lied schön und wollte einen englischen Namen, den man im Deutschen so aussprechen kann, wie man ihn liest. Weil wir eine Erinnerung an unsere schöne Zeit in London haben wollten und weil unser Kind auf keinen Fall einen dieser Kollwitzplatz-Namen bekommen sollte, Luca oder wie die alle heißen. – Ich meine, Luca oder Leon sind absolut süße Namen, auch diese bildungsbürgerlichen altdeutschen Namen sind spitze, aber deren Individualisierungstauglichkeit geht vor unserer Haustür leider gegen Null.-
Ich muss noch immer an diese Vorlesung in Rechtsphilosophie denken, in der Professor Pawlowski den Hegelschen Weltgeist erklärt hat. Er meinte (das ist 17 Jahre her), dass in zehn Jahren Namen en vogue seien werden, die wir heute (also damals) als unpassend empfinden, und dass dann die zukünftige (also die heutige) Mehrheit, diese Namen als sehr schön und würdig für die eigenen Kinder empfinden würde. Dass also die Mehrheit bzw. die Welt durchdrungen von dem Geist sei, ihren Kindern solche Namen zu geben. Das sei mehr als Gruppenzwang und mehr als Mode. Ich fand es ein bisschen unheimlich. OK…zurück zur Frage. Wir fanden das Lied so gut, dass wir uns gegen den herrschenden Weltgeist gestemmt haben.

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Finn Johannsen – Adventures In Modern Music

Posted: November 16th, 2009 | Author: | Filed under: Macro, Mixes | Tags: , , , , , , | No Comments »

A short mix contributed to the radio show of The Wire magazine at Resonance.fm

Howard Shore – Welcome To Videodrome (Varèse Sarabande 1982)
Clock DVA – The Connection Machine (Interfish 1988)
Talking Heads – Drugs (Sire 1979)
Patrick Cowley & Jorge Socarras – Soon (Macro 2009)
Daevid Allen – Are You Ready (Charly 1983)
400 Blows – Strangeways (Revisited) (Illuminated 1984)
Slap – Minta’s Dance (Macro 2008)
The Velvet Underground – Noise (Plastic Inevitable 1979)
White Noise – My Game Of Loving (Island 1969)


Rewind: Hendrik Lakeberg über “True Faith”

Posted: October 26th, 2009 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Hendrik Lakeberg über „True Faith“ von New Order (1987).

Wie bist Du auf „True Faith“ gekommen? Was war der erste Zusammenstoß mit dem Stück?

Ich bin ja gerade auf dieses Stück gekommen, weil das Stück mich eben nicht schon seit Jahrzehnten bewegt. Es war eher eine Intuition. Mir ist der Moment eingefallen, als ich das zum ersten Mal gehört habe, und der illustriert ganz gut warum ich es ausgewählt habe. Ich war ungefähr 20 und kannte das Stück nicht von der Zeit als es herausgekommen ist, da war ich 9 Jahre oder so und hatte es zu dem Zeitpunkt also nicht gekauft. Ich habe es im Radio gehört und mochte es, wusste aber nicht, wer das war. Dann war ein Tag, wo ich die Straße lang gelaufen bin, und dieses Stück als Ohrwurm im Kopf hatte, und es kam genau in dem Moment aus irgendeinem Auto, ich glaube es war sogar ein Cabrio, das an der Ampel stand. Das war seltsam, und es war das erste Mal, dass ich es ganz bewusst gehört habe. Und ich habe gedacht, dass ich herausfinden muss, was das für ein Stück ist und habe mich darum gekümmert. Und seitdem ist es immer wieder eins meiner Lieblingslieder gewesen. Es gab es eine Zeit, da habe ich es gar nicht gehört, dann wieder, dann habe ich Platte mal verloren und wieder gekauft. Das Stück hat mich irgendwie begleitet.

Und das immer noch?

Ja, jetzt gerade nämlich wieder. Ich weiß nicht genau warum, aber es hat wieder mit dieser Intuition zu tun. Ich glaube, dass Pop bzw. Musikhören ganz viel damit zu tun hat. Nicht mit einer bewussten Entscheidung, sondern mit dem Empfinden, dass dir irgendetwas an einem Stück gefällt, und du weißt gar nicht warum. Es ist wie etwas Vorbewusstes. Das Stück hat textlich ganz viel damit zu tun, das etwas zu Ende geht und etwas Neues anfängt. Vielleicht liegt es daran, aber ich kann es Dir nicht sagen. Es ist nur so ein Gefühl. Read the rest of this entry »


Rewind: Alan D. Oldham on “Presents The Adventures Of The Astral Pirates”

Posted: October 19th, 2009 | Author: | Filed under: Interviews English | Tags: , , , , , , | No Comments »

In discussion with Alan D. Oldham on “Presents The Adventures Of The Astral Pirates” by Lenny White (1978).

When and how was your first encounter with “Astral Pirates”?

My late grandmother used to work at Wayne County Community College in the ’70s in Detroit and was friends with the music reviewer for the school newspaper. When she finished reviewing a record or didn’t want it anymore, she gave it to my grandmother and she gave it to me. I was in my early teens. I got a few albums that way. This was 1978.

Why did you choose this album of all his works? What makes it so
important for you?

I didn’t choose it, it chose me! It was one of the records that my grandmother gave me. There was a stack of them. Queen “Jazz,” A Jan Hammer album. Stuff that was on Elektra in those days. But this one stood out  for me because of the Mike Kaluta painted cover, the  comic-book element and sci-fi concept. Read the rest of this entry »


Rewind: Thomas Meinecke über “Dr. Buzzard’s Original Savannah Band”

Posted: October 12th, 2009 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , , , , , , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Thomas Meinecke über “Dr. Buzzard’s Original Savannah Band” von Dr. Buzzard’s Original Savannah Band (1976).

Beginnen wir mit einer simplen Frage. Wie bist Du auf Dr. Buzzard’s Original Savannah Band gekommen?

Den Namen habe ich zuerst in Andy Warhols Magazin Interview gelesen, ich würde mal tippen so 1977 oder 78. Da gab es damals eine sehr gute Musikkolumne von Glenn O’Brien, und Interview war in den Zeiten, als es noch nicht so richtig losgegangen war mit dem Hedonismus in der Subkultur, ein Zentralorgan. Man konnte sich sowohl über P-Funk informieren als auch über frühe Ausformungen von New Wave, Pere Ubu, Richard Hell, Blondie usw. Diese ganze Szene wurde natürlich sofort quasi vor der Haustür chronistenmäßig mitgeschrieben. Hier in Deutschland war von der Informationsseite in Sachen interessanter Rock, Pop, Soul und sonst welche Musik nicht viel geboten. Es gab damals die Zeitschrift Sounds, dort glänzte dann manchmal Ingeborg Schober mit einem Artikel über Kevin Ayers oder Roxy Music-Ableger, oder La Düsseldorf und Neu!, es war noch die Zeit bevor Leute wie Diedrich Diederichsen dort geschrieben haben, oder Hans Keller, die das Andere dann auch aufgegriffen haben. Wenn man aber ein bisschen mehr wissen wollte, fand ich es echt schwierig, und ich bin sowieso Warholianer und fand in Interview eine schöne Quelle. Und da wurde dann im Zusammenhang mit ganz anderen merkwürdigen Musikformen, ich glaube es war tatsächlich gerade etwas mit P-Funk geschehen, Dr. Buzzard erwähnt. Und wie das dort beschrieben wurde hat bei mir sofort eine Sehnsucht losgetreten. Ich war eben jemand, der auch damals gerne Disco hörte, ich hörte aber auch gerne Punk und mochte das Gebrochene in Disco. Ich fand den Camp-Aspekt, den man als Leser von Andy Warhols Interview sowieso beherrschte oder erkennen konnte, an Popmusik immer sehr reizvoll. Das Zitathafte, das Vorformulierte. Und es schien mir in der Beschreibung dessen, was diese Band machen würde, als wäre das so eine Art afroamerikanische Ausgabe von Roxy Music. Eine dandyeske, hedonistische Formation, die über das, was man von anderen, sehr eleganten Formationen wie Chic kannte, hinausging. Und so war es dann auch. Ich habe mich auf die Suche gemacht, man konnte über Import die Sachen schon irgendwie erwischen, und da kam dann gerade das zweite Album „Meets King Pennett“ raus als ich das las. Das habe ich mir gekauft und dann das erste gleich danach, was ja schon 1976 erschienen war. Und 79 kam dann ja gleich noch „Goes To Washington“ raus. Das sind die drei ganz großen Alben dieser Band. Es gab später noch ein etwas verunglücktes, wo auch die Besetzung nicht mehr dieselbe war. Und es gab natürlich eine ganz große Folgegeschichte ins etwas leichter Verständliche, mit Kid Creole & The Coconuts, den Coconuts und Coati Mundi usw. Diese ganze New York-Paris-Achse auf dem ZE-Label, wo es dann rüberging bis zu James Chance, der dann plötzlich bei den Aural Exciters mitspielte. Und plötzlich mischte sich das, was man Post Punk nannte, mit Disco, was ja heute ganz modisch und modern ist, diese ganze Post Punk/Disco-Connection. Und das Ganze kündigte sich mit Dr. Buzzard schon an.

Wenn Du damals über Interview davon erfahren hast, ist das ja schon ein Erstkontakt, der kontextuell vorbelastet ist. Konnte die Musik denn einlösen, was Du Dir davon erhofft hattest?

Ja, es hat es total eingelöst und ist sogar noch darüber hinausgegangen. Ich fand es, um mal den etwas merkwürdigen Begriff von Ornette Coleman auszuleihen, „harmolodisch“. Ich hatte das Gefühl hier ist eine musikalische Theorie am Start, die ich gar nicht in Worte fassen kann, aber der ich völlig fasziniert lausche. Und nicht nur lausche, zu der konnte man ja auch ganz toll tanzen. Es hörte sich an wie wenn man zwei Radiosender gleichzeitig hört. Die Anleihen bei leicht verständlicher Musik wie Swing, was ja die Camp- (schwule) Subkultur schon seit Jahrzehnten vorgemacht hatte, wie man spießige Elemente wie Glenn Miller gegen den Strich lesen konnte zu einem Soundtrack der Dissidenz, der sexuellen insbesondere, die ja auch immer eine politische war. Es war ja damals sowieso gang und gäbe, dass Disco sehr zickige und spießige Swing-Elemente rekontextualisierte, resignifizierte, völlig neu ins Feld führte. Aber hier ging es noch darüber hinaus, hier war es tonal sowas von komplex und schwierig. Versuch mal so eine Melodie nachzusingen, die diese unglaubliche Sängerin Cory Daye da immer zu singen hat bei denen, das ist unglaublich komplex und wurde später bei Kid Creole auch runtergerechnet auf einfachere, und dann vielleicht auch massentauglichere Formeln. Ich erinnere das so, dass mich das echt umgehauen hat. Ich fand den Sound der Bassdrum unglaublich. Den habe ich eigentlich erst wieder bei Theo Parrish gehört. Eine große, runde, weiche, unverhältnismäßig laut abgemischte Bassdrum, die dann sogar in Stücken wirkt, die gar nicht Disco sind, so wie bei „Sunshower“, das vor kurzem von M.I.A. noch mal als Sample auf die Tanzfläche geführt wurde. Unglaubliche Sounds, unglaublich viel Arbeit. Ich habe irgendwo mal gelesen, 600 Stunden waren sie im Studio fürs erste Album und haben dann wohl trotzdem von der Plattenfirma kein weiteres Backing erfahren. Sie haben gesehen, „Ah, die Platte steht ja schon in den Läden!“, und hatten davon noch gar nichts gewusst. Aber sie wirkt so, wenn man sie sich anhört, von einer solchen Elaboriertheit und Sophistication, wie man es selten bei Plattenproduktionen hat. Read the rest of this entry »


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