Danilo Plessow demonstriert mit einnehmenden Resultaten, dass der entscheidende Qualitätsunterschied bei modernen Deep House-Schubern nach wie vor darin besteht, wie man seine Soundideen und Referenzen einsetzt und strukturiert. Bei „Breath Control“ transportiert er eine gute Dosis Früh90er-NYC-TechHouse in Bass, Beats und Flächen ins Jetzt und koppelt das mit zeitgenössisch blitzender Klangausprägung, die auffällig sicher an den einladenden Genreklischees vorbeigeht. Noch besser klingt das bei „Escape To Nowhere“, das sich mit unten wandernden Reese-Bässen und flirrenden Melodieschlieren nach und nach in Bewegung setzt und dann in einem Fahrstuhl mit kaputter AI dem unbekannten Ziel entgegengleitet. Was dann passiert, wenn sich irgendwann die Tür wieder öffnet, möchte man fast gar nicht wissen.
Was als Quelle übrig bleibt wenn man bei Daft Punk die Filter ausknipst, ist erwartungsgemäß eine Ansammlung von Diskotheken-Evergreens, die größtenteils genauso ins Gesicht prescht wie die Tracks, zu denen sie in der französischen Peak Time-Tuningstation später aufgebohrt wurden. Breakwater, Karen Young, Edwin Birdsong, Cerrone, Tata Vega und Eddie Johns sind auch im Original keine subtilen Diggerpreziosen, sondern schwitzig-glitterige Hymnen mit weithin erprobter Partydurchschlagskraft. Bei Oliver Cheathams „Get Down Saturday Night“ wird sich nicht auf das Original berufen, sondern auf die 89er-Version, die eben so klimperig und billigsynthieflächig an jeglichem Authentizitätsbezug vorbeiholpert, wie nahezu alle Klassiker in der verantwortungslosen Phase von House-Remixen zu jener Zeit. Chaka Khan, Little Anthony, George Duke und Sister Sledge hingegen sind vielleicht auch nicht von obskurer Herkunft, aber sind hier mit gleichwohl seidig-eleganteren Songs vertreten. Der Moog-Ausreißer ist diesmal von Jerry Goldsmith. Man hätte natürlich überall drauf kommen können, in Erkenntnis und Ausführung, ist man aber eben nicht. Wenn der Sinn dieser Zusammenstellung jedoch darin besteht, den Produktionsprozess zwischen Sample und Track nachvollziehen zu können, endet die Transformation unentschieden zwischen mehr und weniger erkenntlich.
Weiter geht es mit der Disco-Ursachenforschung im Hause Compost, diesmal unter der Ägide von Tom Wieland alias 7 Samurai, der hier als Panoptikum den Blick zurück als verdrehten Sequencer-Pop mit Blechbeats auslegt und mit schrägem Zellophan-Charme in der vorwiegend eckig ausgestatteten Neonbar die Punkte einfährt. Ansonsten dabei: „Nepa Dance Dub“ von Tony Allen anno 1984, zu dem man sich Theo Parrish wild mit Augen und Restkörper rollend zur EQ-Höchstleistungsphase der Party vorstellen kann und die Allzweckwaffe „Que Tal America“ von Two Man Sound, den immer noch dollsten Latino-Hustlern, die Belgien jemals hervorgebracht hat.
Nach ein paar Releases auf dem Netlabel Comfort Stand nun dieses interessante Spacediscogebilde, das sich mit Marimbas und allerlei verqueren Akkordfolgen ins Gehör einhakt. Ein versonnener Melodienexkurs auf trägem Dub-Fundament. Der Remix von Michoacan klaubt sich die Motive etwas hektisch zusammen und führt das Arrangement auf rasseligem Plingplong-Electro aus. Im Resultat tanzfreundlicher, aber auch uncharmanter.
Legowelt unterwegs als Gladio, mit der Mission in Territorien vorzudringen, in die noch keine Legionen vorzudringen wagten. Entsprechend entschlossen dräuen die Basslines und die Roland-Beats stehen in Phalanx. The keeper is Jack, in eine Toga gehüllt, und es gibt fiese Acidbowle in Schläuchen. Ergibt standesgemäß einen Triumphzug und haufenweise neue Sklaven.
Der zweite Streich der Glasgower Mighty Robots hat laut Labelinfo den mittlerweile 43-jährigen Puertoricaner Music Box-Gänger Junior Rafael ausgegraben, dessen Tracks auf dieser EP 1991 aufgenommen wurden und angeblich wegen seiner expliziten Queer Attitude nie veröffentlicht wurden. „I was too gay for Chicago and too Chicago for New York”. Wie dem auch sei, seine Musik ist auf jeden Fall allemal gut genug für jeden, der sich jemals an der Art erfreuen konnte, wie das Acid- und Trackstyle-Erbe von Trax stilistisch bei Dance Mania und später Relief fortgeführt wurde. Schön stoische Imperativmusik, mit der man heutige Tanzflächen noch böse aufmischen kann.
Zürichs Feinster vereint auf „Axis Shift“ souverän Spaceboogie mit Deep House. Klingt zuerst ein bisschen wie ein überfälliges Gipfeltreffen von Balihu und Innervisions, entscheidet sich aber gegen camp oder episch und findet mit milder Gelassenheit zielsicher zu beträchtlichen Hitqualitäten. „El Sueno Lucido“ ist der verhallte Klang vom Strand herüber, wo sich Akustikgitarre und Psychedelia in einer total entspannten Midtemporomanze mit Inselflair in die Arme fallen.
Irgendwann Anfang der 90er, Unit am Nobistor in Hamburg, eine dieser von einer Sprudel-, Zigaretten- oder Sportschuhmarke gesponserten Partys, die damals regelmäßig durch das Land zogen. Im Aufgebot: als DJs einige lokale Technohelden, dazu Deee-Lites Wunderrusse Dmitry sowie ein Liveauftritt des Sängers Ce Ce Rogers, dem einige Freunde und ich unseren Respekt zollen wollen. Obwohl House zu dieser Zeit längst im Konsens angelangt war, ist der Ort nicht gut gewählt. Dementsprechend erlahmt die Mitarbeit auf der Tanzfläche vom Stammpublikum des Ladens schon merklich, als Supa DJ Dmitry sein Set beginnt. Die Pillentypen können mit den Houseplatten überwiegend New Yorker Herkunft offensichtlich nicht viel anfangen. Zuviel Groove, zuviel Stimmen, zuwenig Druck. Das Pillengrinsen wird schmallippig, die ersten gehen. Unser Blick wandert schon gelegentlich auf die kleine schmucklose Bühne, wo wenig verheißungsvoll ein kleines Keyboard steht, wie es auch Spiegelglassonnenbrillentastentypen beim ZDF-Sommergarten gerne benutzen. Mit Trademarksympathie und gutem Gespür stemmt sich Dmitry gegen die verschränkten Arme auf der Tanzfläche, doch es scheint an der Zeit, dass Ce Ce Rogers diesem müden Haufen am Mikro einen tüchtigen Schrecken einjagt, solange überhaupt noch Leute da sind. Und tatsächlich, man tippt mir auf die Schulter, „da ist er ja“, und er nestelt verstohlen im Halbdunkel der Bühne an den Kabeln des Keyboards herum. Allerdings wirft der Mann immer nervösere Blicke ins Rund, irgendwas scheint nicht zu funktionieren, und zwar ganz und gar nicht. Die Plattentaschen Dmitrys gehen langsam zur Neige, das Publikum sowieso und die Technikabteilung des Clubs scheint alle Balljungen abgezogen zu haben. Als wenig später die Musik ausläuft und irgendjemand peinlich „Mr. Cey Cey Rojäs frohm Nuh Jörsi“ ins Mikro schmettert, passiert: nichts. Rogers kann nicht mal seinem Unmut übers Mikro Luft machen, es funktioniert ja ebenfalls nicht. Frustriert schmeißt er sein Jackett in die Ecke und stürmt ins Off. Hastig füllt Dmitry mit beachtlich würdevollem Improvisationstalent die entsetzte Stille und trotzig kommt tatsächlich etwas Bewegung auf, aber neben enttäuschten Ravern ziehen jetzt auch enttäuschte Housefans ab und es ist auch nicht abzusehen, ob hier noch irgendetwas passiert. Wir haben uns schon fatalistisch in Trotztrinkerei ergeben und diskutieren das weitere Vorgehen für den Rest der Nacht. Es ist immerhin schon halb 4 Uhr morgens, als jemand bemerkt, dass Ce Ce Rogers wieder auf der Bühne ist. Und tatsächlich, er hockt da, im Hemd, Ärmel hoch, und frickelt mit einem Techniker an der Anlage herum. Ein schneller Blick in den Rest des Clubs kann vielleicht noch einen harten Kern von vierzig Getreuen ausmachen, die sich im Dunkel ziemlich verlieren. Von diesen sind jetzt aber Anfeuerungen zu hören, „Ce Ce“-Sprechchöre kommen auf, Rührung greift um sich und ein „Jetzt erst recht“-Gefühl stellt sich ein. Es dauert noch eine schier endlose Dreiviertelstunde, bis Rogers endlich dem erschöpften Dmitry ein Zeichen gibt, die Musik auslaufen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Erwartungshaltung des verbliebenen Publikums am Anschlag, die Solidarität hat das Potential, politische Systeme zu stürzen, der Glaube ist rein und unerschütterlich. Alle sind sehr betrunken. Als der Applaus verebbt sind es noch einige Momente, dann rückt sich Rogers das Mikro zurecht und spielt auf dem erstaunlich massiv klingenden Keyboard das Intro mit dem typischen Marshall Jefferson-Basslauf seines ersten Hits „Someday“. Dann diese Akkorde! Alle Anwesenden sind sofort eingenommen, Augen geschlossen, scheinbar in direkter Erinnerung an Momente, zu denen diese simple aber unvergessliche Pianoakkordfolge gehörte. Ce Ce Rogers singt, erst behutsam einsetzend, dann die erste Strophe mit zunehmender Intensität. Dann der Refrain: “Someday, we live as one family in perfect harmony. Someday, when we all be together, we will all be free. Someday…” In diesem Moment hätte ich mich für Kreuzzüge anwerben lassen, auf Seelenverkäufern angeheuert, wäre in einem Denim-Overall von Edwin quer über St. Pauli krakeelt, hätte alles getan, damit dieser Song nicht aufhört. Ein schneller Blick auf die Leute um mich bestätigt meinen emotionalen Höhenflug: alle fliegen mit mir. Danach: tosender Applaus, Soul Clapping, Sprechchöre. Kleine Zwischeneinwände im Kopf („Ist das jetzt so gut, oder bin ich so einfach/betrunken/unvernünftig“) werden spätestens als totaler Unsinn verworfen, als ein von dieser Nibelungentreue sichtlich bewegter Rogers in „All Join Hands“ übergeht, wie die Hymne davor endlos ausgedehnt, die Atmosphäre in sich saugend und als Regen von Glück wieder auf uns niederprasselnd. Alle Arme in die Luft! Umarmungen! Rogers hat jetzt feuchte Augen, alle anderen sowieso. Dann „Brothers & Sisters“. Als nach dem wunderschönen, Larry Heards „Can You Feel It“ entlehnten, Intro die Bassdrum reinkickt, brechen alle Dämme. Die Tänzer sind jetzt nicht mehr nur kollektiv ekstatisch, sondern eine verschworene Gemeinde, ein vollends aus den Fugen geratener Gottesdienst, aus dem die Kollekte säckeweise raus getragen werden könnte.
Wenig später ist alles vorbei, immer noch taumeln alle enthusiastisch durcheinander, der Star geht zaghaft durch die Menge, wird umarmt, beklopft, bejubelt, eingeladen. Es macht überhaupt nichts, dass es vorbei ist, es hätte gar nicht länger dauern können. Niemand hätte das verkraftet. Es ist auch völlig egal, dass das irritierte Management schon wenig feinfühlig das Putzlicht einschaltet, die Gladiatoren sind so von Sinnen, dass sie das beim Verlassen der Arena schon nicht mehr mitbekommen, und irren anschließend glückselig in die Dämmerung.
Diese Nacht war nicht die erste und auch nicht die letzte, die mir gezeigt hat, dass Soul bei House genauso heimisch ist wie bei anderen Arten von Tanzmusik. Demzufolge hat mich Häme aus dem Puristenlager auch kaum angefochten, als House noch als kalte Computerversion von Disco verpönt war, wobei Disco ja schon davor als kalte Unterhaltungsversion von 70’s Soul verpönt war, und davor 70’s Soul als Verglättung von 60’s Soul. I can feel it!
Ein paar weitere essentielle House-Sänger:
Robert Owens
Dieser Mann ist ein Phänomen. Er ist immer noch aktiv, seit nunmehr über 20 Jahren, doch seine helle und immer etwas melancholische Stimme altert nicht und hat immer noch diese einnehmende Signalwirkung, zu hören auf zahllosen Platten mit seiner Beteiligung. Bekannt wurde er als Mitglied von Larry Heards Fingers Inc., wo er subtile Produktionen wie „Never No More Lonely“ (1989/Jack Trax) graziös interpretierte. Fantastisch auch „I’m Strong“ (1987/Alleviated) und sein Evergreen „Tears“ (1989/FFRR). Er ist ein Sänger, der bei mittelmäßig bis guten Songs den entscheidenden Mehrwert ausmacht und wirklich großartige Songs zu legendären macht. Und das ist nicht mal übertrieben.
Paris Brightledge
Paris Brightledge wurde vor allem wegen zwei Platten auf Rosen gebettet in die House Hall of Fame geleitet, die er als Sänger für Sterling Void machte: „It’s Allright“ (1987/DJ Interantional), später als Coverversion von den Pet Shop Boys in die Charts bugsiert, und „Runaway Girl“ (1987/DJ International). Weniger legendär, aber ähnlich gut ist eine weitere Sterling Void-Kollaboration, „Set Me Free“ (1989/DJ International). Diese Veröffentlichungen sind ganz im Geiste vieler früher House-Produktionen aus Chicago: ungehobelte Groovebolzen mit geradezu primitiver Rhythmusausstattung, die einzigen Details sind eine gnadenlose Bassline und tonnenweise Handclaps. Wenn dann allerdings der Gesang einsetzt, mit diesen funktional-falschen Pianos und billigen Synthieflächen, ist es einfach umwerfend. Eher der klassische Gastsänger, hat es unter seinem eigenen Namen nur zu einer Veröffentlichung gereicht, aber „Learn To Love“ (1988/DJ International) ist dafür umso schöner und muss unbedingt für immer vor der Vergessenheit bewahrt werden.
Ricky Dillard
Die erste Platte, die Dillard mit seinem wuchtigen Prachtorgan adelte, war „Feel The Fire“ (1986/DJ International), eine echt brutale Nummer, mit der man wirklich vorsichtig umgehen muss. Sie ist aber auch wirklich beeindruckend. Ähnlich roh sind seine Gastauftritte auf Farley Jackmaster Funks Stevie Wonder-Coverversion „As Always“ (1988/Trax) und Frankie Knuckles’ Billy Paul Coverversion „Only The Strong Survive“ (1987/DJ International). Tatsächlich ist von der Opulenz dieser beiden Originale gar nicht viel übrig geblieben, Dillard singt das in Grund und Boden. Unsterblich geworden ist er aber mit „Let The Music Move You“ von den Nightwriters (1987/Danica), eine weitere Frankie Knuckles-Produktion. Dieses Stück scheint aus nichts anderem zu bestehen als übersteuerter Percussion und eindringlichen Keyboardflächen, die nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen sind. Dazu singt sich Dillard um Kopf und Kragen. Gleich bei der ersten Zeile, „This song is from my heart, it wasn’t easy from the start“, bin ich schon verloren.
Text für das Fanzine zum Hamburg Soul Weekender 10/07
Einer der unlängst größten Anime-Erfolge in den japanischen Kinos hatte zuletzt auch auf dem Fantasy Filmfest sein Hitpotential demonstriert und kommt jetzt als umfangreiche Doppel-DVD auf den hiesigen Markt. Hosoda wird schon als Nachfolger von Miyazaki gehandelt, und das nicht ohne Grund. Der Film über das Mädchen, das entdeckt, das es den Zeitablauf auf Reset stellen kann, ist ähnlich den Ghibli-Klassikern voller Detailliebe, Texturen gleich Gemälden und einer Atmosphäre mit dieser friedlichen Sogwirkung, in der man schon bald nicht mehr bedenkt, dass man abermals von großäugiger Niedlichkeit in schrägen Plots gerührt ist. Die Art wie die Schülerin die Zeitsprünge anwendet ist komplett nachvollziehbar, die Art wie die Abläufe ihres Lebens dadurch mit allen positiven und negativen Konsequenzen zwischen Romantik, Drama und Komik durcheinander wirbeln ist es auch, in zuweilen virtuosen Erzählstrukturen ohne unnötiges Animationsblendwerk. Im Kern ist der Film aber auch eine sachte Initiationsgeschichte vom Verlust der Unschuld und eine fragile Teenagerliebe wider Irrtum und Vernunft, über der die Zeit der Reife schon verlustvoll dräut. Man kann nur beten, dass das nicht gerade für irgendein Starlet in L.A. als Realfilm mit launigen Nebenrollen und Alternative Jukebox-Soundtrack gepitcht wird.
John Rocca ist in der Geschichtsschreibung tanzbarer Musik immer eine rätselhafte Gestalt geblieben obwohl er mit Freeez Electro nachhaltig einen Pop-Stempel aufdrückte, in der Frühphase von House sporadisch sein Unwesen trieb und dann später als Midi Rain ein paar wunderschöne Hymnen zwischen Rave und Wild Pitch hinterließ. Seitdem ist seine tolle quecksilbrige Stimme verschollen. Als exemplarisch für seine Musik bleibt für mich diese Platte, die später von Carl Craig und Derrick May für Incogdos „Simply Just A Ventage“ zum Dauersuchbegriff des Detroit Techno ausgeweidet wurde. Pop goes my love!
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