Chromeo aus Kanada mit einem eleganten Mix, dessen Trackauswahl sich auf die Zeit konzentriert als Disco schon etwas länger synthetisiert war und sich die nächste Stufe mit Electro bereits ankündigte, Ausblick auf frühen House inbegriffen. Also in etwa der Sound, den ein junger Jellybean propagierte, von der Kanzel die junge Madonna auf der Tanzfläche fixierend, New York-Freestyle der frühen 80er mit Pop- und Latin-Anbindung und reichlich Street Cred. Alle stilprägenden Elemente sind ausreichend vorhanden; effektbeladener, körperloser Harmoniegesang, Space-Effekte, seifige Synthsounds, knackige Rhythmen, ein letzter Rest Nile Rodgers-Funkiness bevor die Breakdancer ganz übernehmen. Hier und da Saxophonsprengsel und ein Gitarrensolo und Claps, Claps, Claps. Die Zusammenstellung bewegt sich informiert zwischen Evergreens von Elektrik Funk, Sharon Redd, Kleeer, Herbie Hancock und späteren Electro-Protagonisten wie Michael Jonzun und Warp 9. Dazu gibt es ein paar Pop Artists im passenden Club Mix wie Robert Palmers The System-Coverversion, The Jets oder die Brit-Funk-Dandies Modern Romance und ein paar schöne Checker-Hits von Chemise oder David Grant. Vielleicht hätte man das aus Authentizitätsgründen auch im Stil von den Latin Rascals oder Shep Pettibone im wilden Megamix durchhämmern können um dem Gefühl von der Fahrt ins Funhouse möglichst nahe zu kommen aber so wie Chromeo die Stücke hier slick blenden und cutten hat alles genug Luft, um sich dauerhaft im Gehör festzusetzen. Und dann fühlt man sich schon angestiftet, bei der nächsten Digger-Ausfahrt diese obskuren 80er 12“s von irgendwelchen Latino-Typen etwas genauer in Augenschein zu nehmen.
Die Umschichtung der Formatprioritäten und die Klingelton-Krise der Musiksender haben eine fruchtbare Brache hinterlassen, in der sich das Medium Musik-Clip nun mehr und mehr als Special-Interest DVD wieder findet. Kreative Speerspitzen mit krediblem Backstock wie Jonze, Gondry, Cunningham und Konsorten setzen sich die Retrospektiven gleich selber, von Paradise Garage, Sheffield-Wave bis hin zu Genialem Dilettantismus bekommt jede einflussreiche Periode der Popgeschichte ihre Dokumentation. Da die Viacom-Familie seit geraumer Zeit sowieso eher jeden Quatsch außer Musikvideos sendet, bietet es sich natürlich an, Sendungen wie Electronic Beats als Slices fortzuführen oder wie hier eine ‚Selection Of Outstanding Electronic Music Videos’ zu kompilieren. Es stellt sich die Frage, ob elektronische Musikclips per se schon künstlerischen Renegatentum-Mehrwert innehaben weil man sie im Fernsehprogramm mit der Lupe suchen muss. Bestimmt das Nischendasein auch die Freiräume in der Konzeption und wie nutzt man das? Die Clips auf dieser DVD bieten recht vielfältiges Anschauungsmaterial, doch manchmal fragt man sich, warum die Regisseure jedem Glitch visuell entsprechen müssen oder ob die Bildsprache da eigentlich wirklich so advanced ist wie sie tut. Die vorhandenen Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit werden zuweilen von den Infos im Booklet erst recht unterstrichen, wo man mit Superlativen und Referenzen von Eisenstein, Caspar David Friedrich bis Warhol eingebettet in einen großzügigen popkulturellen Kontext, nur so um sich schmeißt. Tatsächlich muten aber, wenn auch auf dem technisch neuesten Stand, einige Clips wie Coverversionen von Stephen R. Johnson oder Godley & Creme an, versetzt mit Mandelbrot-Flair (Bleip – Clicks), quietschbuntem Allerlei oder Stop And Go-Trickrobotern wie von Ata Tak (Bogdan Raczynski – Ahou Bouken). In narrativen Momenten orientiert man sich zuweilen an Dunkel-Tech-Paranoia vom Schlage eines Darren Aronofsky (Slam – Alien Radio). Wong Kar-Wai punktet souverän mit einer 1:1 Direktübertragung seiner Kinoarbeiten für DJ Shadow, das schöne Gebrüder Grimm meets Kompakt-Video vom Superpitcher ist enthalten, die Imbisstypen in Richard Anthonys Clip für Garniers rotgesichtigen Mann sind immer noch lustig und Designers Republic haben für Funkstörung einen formschönen Update von Sign Of The Times fabriziert, inklusive Nerd-Statistiken und schamloser Promotion, in grauer Vorzeit ja mal Sinn und Zweck des Mediums. Nun aber ist es Art, baby, in your face.
Für alle die sich fragen, was britische Lizenznehmerlabels der gehobenen Mittelklasse heute so treiben, hier ein Zwischenstand. Aseptisch zusammen geschoben von einem Dienstleister namens Christian Larsson wird munter das möglichst heftige Wochenende ausgerufen, welches natürlich total f-u-n-k-y ist. Daraus ergibt sich ein Purgatorium aus Elementen, die Engländer schon immer wahnsinnig aufregend und wochenendhaft fanden: Klimperpianos, ausladende Breaks mit Trommelwirbeln und zerhackten Divenstimmen, dazu filtrige Disco-Harmonien die so weit von ihren Quellen entfernt sind, dass man nicht mal mehr von Samples sprechen kann. Erstaunlich wie man so störrisch an dem Großraumsound der mittleren 90er Jahre festhalten kann, der Phase also als House komplett ideenfrei vor sich hin polterte. Der Tod der Superclubs war eine Falschmeldung, es will nicht enden. Wie um die unerschütterliche Effizienz dieses grinsdämlichen Mahlstroms endgültig zu demonstrieren, rauschen ein paar Namen wie Eric Kupper, Blaze, Paul Johnson oder Kerri Chandler vorbei, mit denen man voreinst die gehobenen Tickets im Clubtourismus verbunden hat und nicht die Holzklasse. In diesem Format macht das alles keinen Unterschied. Eigentlich kann sich niemand sicher sein, dass nicht demnächst zu seinen Klängen fröhlich die Handtasche umrundet wird. Die Hipster, die zur Zeit die Wiederkehr des eklektischen Balearic-Sounds der stilprägenden alten Schule als nächste Zündstufe wissender Kulturverwaltung betreiben, sind wohl vorerst noch auf verlorenem Posten.
Nach langer Stagnation ist die Disco-Geschichtsschreibung mittlerweile in vollem Gang. Gültig waren auf Jahre hin die in der klassischen Ära entstandenen Werke von Kitty Hanson und Albert Goldman, doch nun ist genug Zeit verstrichen, um sich genauer mit dem diffusen Phänomen Disco zu befassen, was angesichts der Hartnäckigkeit der mit dem Sound und dem Lifestyle verbundenen Traditionen und Mythen auch durchaus angebracht erscheint. Peter Shapiro, Wire-Autor und Verfasser von einigen dieser Rough Guides im Taschenformat, hat gegenüber dem eher systematisch-informativen Ansatz von Brewster/Broughton und der detailliert-eingrenzenden Herangehensweise von Lawrence den Ehrgeiz, Disco in möglichst viele kultur- und sozialgeschichtliche Einzelteile zu zerlegen. Er greift sich Aspekte wie beispielsweise Wurzeln, Musik-Charakteristika, Sexualität oder Kultur-Kontext heraus und gibt dann mittels eigener Analysen oder Interviews alles wieder, was ihm im direkten Zusammenhang erwähnenswert erscheint. Dementsprechend ist der Text keine linear-chronologische Abfolge der Geschehnisse, sondern ein Gesamtbild, das sich bei allen Zwischenhalten die erforderlichen Informationen und Schlussfolgerungen zusammen sammelt. Das hat den Vorteil, dass er sich nicht in nerdiger Ausführlichkeit verzettelt und dennoch eine komprimierte Annäherung schafft, in der alle wichtigen Namen und Ereignisse fallen. Gebündelt mit einem enthusiastischen Stil bis zum häufigen Fan-Superlativ fängt er den Laien auf, der angesichts der gebotenen Informationsfülle den Faden verlieren könnte und grenzt sich gegenüber den Konkurrenten im Forschungsgebiet ab, indem er aktuelleren Themen wie Hi-NRG, Euro-, Italo- und Cosmic Disco sowie Post-Punk den angemessenen Raum einräumt und einen Epilog zum aktuellen Stand der Dinge im Gespräch mit Daniel Wang anschließt. Somit als Kompletteinführung für Novizen als auch als Informationsergänzung für Kenner geeignet.
Der Journalist, Cartoonist und Schriftsteller Haden-Guest betreibt mit The Last Party eine persönliche Aufarbeitung New Yorker Nightlife-Kultur von der Eröffnung der ersten Disco Clubs Mitte der 70er Jahre bis zu den Großclubs Mitte der 90er Jahre. Schwerpunkt und Fallbeispiel ist dabei der Aufstieg und Niedergang vom Studio 54 bzw. dessen Betreibern Steve Rubell und Ian Schrager. Als eine Art mehr oder weniger beteiligter Chronist Tom Wolfe’scher Prägung und regelmäßiger Gast gelangt er zu detaillierten Eindrücken vor und hinter den Kulissen und schob damit eine Wiederbelebung öffentlichen Interesses an der klassischen Disco-Ära an, die dann auch Hollywood 1998 mit den Filmen Studio 54 und Last Days Of Disco aufgriff. Ein Blick in den Index offenbart augenblicklich, worum es dem Autor geht; musikalische Protagonisten und DJs stehen in einem ausgeprägten Missverhältnis zu all den Celebrities, die den Ruf der Discoclubs als Hort von Glitz und Glamour begründeten. Auf eine Schwadron von Anekdoten über Truman, Bianca, Liza und Andy kommen nur ein paar über Nile, Larry oder Richie Kaczor, immerhin der langjährige Resident DJ des Studio 54. Francis, Nicky, Walter oder Francois finden gar nicht erst statt. Die Musik als Soundtrack des Ganzen gerät sehr arg zur Hintergrundbeschallung. Dennoch gelingt Haden-Guest bei allem Namedropping eine authentische Darstellung des Promi-Faktors und der nächtlichen Exzesse, beides natürlich auch ein wesentlicher Bestandteil des Phänomens Disco. Vor allem am Beispiel von Steve Rubell und dem Clubkid-Killer Michael Alig erhält man interessante Einblicke in drogenvernebelte Hybris und dessen Konsequenzen, denn beträchtliche Episoden des Buches befassen sich mit den gerichtlichen Auseinandersetzungen der Nightlords mit den Behörden, welche letztendlich die heutige repressive Situation nach Guiliani vorwegnahmen. Haden-Guests snobistisch-abgeklärter Kolumnenstil transportiert den Hedonismus und die Skandale angemessen und sehr unterhaltsam und auf all die Dramen zwischen Samtkordel und Katakomben des Studios gibt es durchaus auch Einblicke auf die andere Seite der Discokugel, da er seiner Szene-Entourage auch in alternative Läden wie Mudd Club, Mine Shaft oder Hurrah’s folgt. Wenn auch sein Augenmerk eher auf Neil Bogarts Casablanca Records liegt, fällt dann eben auch Michael Zilkhas ZE Records ab. The Last Party ist folglich eine prächtige Sittenchronik, die bei allem Klatsch einen Gutteil an Disco-Wissen abwirft, ich wusste zum Beispiel vorher nicht, dass Kevin Kline bei Cristinas ‚Disco Clone’ den männlichen Part sprechsingt. Plattensammler und Kulturhistoriker mit dem Schwerpunkt DJ-Kultur müssen dennoch weitgehend woanders nachschlagen.
Der ebenfalls von TFSM/MFOC präsentierte Auftritt von Bradley Strider im Januar ist in Kiel wohl in guter Erinnerung geblieben, denn die Tanzdiele war am Samstag gut besucht, als Super Defekt, Elektropasha und DJ Subtropic im Rahmen der Plattenbau-Tour die Plattenspieler bedienten. Die rege Neugier der Kieler wurde dann auch reichhaltig belohnt, denn die drei DJs lieferten einen facettenreichen Abend in Sachen anspruchsvoller elektronischer Musik. Super Defekt und Elektropasha starteten eine Aufwärmphase auf hohem Niveau, die stilistisch von englischen Produktionen der 90er Ära geprägt war, als Labels wie Rephlex oder Warp das etwas unglückliche Genre „Intelligent Techno“ begründeten. Gut zusammengemixt gab es Musik in der Art von Richard D. James, B12, Kirk Degiorgio oder Autechre, also den musikalischen Gegenentwurf zu gleichförmigen Technosets, die sich eher über Härte und Geschwindigkeit als über Ideenvielfalt und Mut zum Risiko definieren. Am Anfang des Abends schien das Publikum damit etwas überfordert zu sein und nur zögerlich traute man sich zu, sich zu bewegen. Die DJs zogen daraus die Konsequenz und schwenkten flexibel von den ungeraden und zerhackten Beats britischer „Artificial Intelligence“ zu aktuellem Electro und tiefem Technohouse a la Planet E und Baby Ford. Infolgedessen regte sich nun die Partylaune und so entstand der notwendige Nährboden für Jake Smith alias DJ Subtropic aus Brighton, dessen Plattenauswahl aber zuerst kaum an subtropische Gefilde denken ließ. Düstere Science-Fiction Filme lagen als Assoziation schon etwas näher, da er seinen Set mit ziemlich hartem Darkstep begann und konsequent knackigen Drum and Bass mit Boller-Baß und sägenden Synthies auflegte. Da wurde einem ordentlich der Kopf gewaschen und es kam Bewegung in die Anwesenden. Dankenswerterweise verzichtete Subtropic auf übermäßige Tempomachererei, so daß auch Drum and Bass-Unkundige zu dem dunklen Soundgewitter tanzen konnten. Als sich dann schon jeder auf eine wuchtige Breakbeat-Party eingestellt hatte, wechselte Subtropic gekonnt das Register und schwenkte zu einem kompetenten Freestyle-Set über, welches in punkto Mixfertigkeit und Zusammenstellung einiges zu bieten hatte. Er überrumpelte die aufnahmebereiten Zuhörer mit Sprüngen zwischen Hip Hop, Electro, Filter Disco, House und Downtempo Breakbeats und immer wieder zurück zu Drum and Bass. Glücklicherweise war an diesem Abend jeder in der Laune für Abwechslung und Experimentierfreude, denn der Bereich um den DJ war durchgehend prall gefüllt. Nach DJ Subtropic sorgte dann Labelmacher Ralf Köster selbst mit ausgesuchten House- und Technoperlen für den runden Abschluß einer gelungenen Nacht. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Tanzdiele auch weiterhin mit ihm zusammenarbeiten kann, denn Veranstaltungen von diesem Kaliber kann das Kieler Nachtleben wahrlich gut gebrauchen.
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