Dieses 1979 in Zusammenarbeit mit der Downtown NYC-Bastion ZE Records erschienene Mini-Album ist in der Tat so chic dass es schmerzt und räumt nonchalant alle möglichen Punkte auf der nach oben offenen Hipster-Skala ab. Eigentlich als Begleitgruppe von Marie Girard konzipiert, ein Jahr später erschien ebenfalls auf ZE mit einem souveränen hellblauen Lacoste-Polo auf dem Cover das legendäre Debütalbum als Marie et les Garçons, inszenieren sich die Jungs hier als die naiven französischen Gäste der New Yorker Post-Punk-Disco-Szene, sozusagen der Brückenschlag zwischen Les Bains Douches und Danceteria. Ungläubig werden mit Accent die Skyscraper bestaunt und der ganze Glitz der darunter auf Straßenlevel schäumt (25th Street! Broadway!), aber gleichwohl sind die Pariser als feste Größen in der Schicki-Zwischenwelt ihrer Heimat bestens ausgestattet (die Straßenkehrer from outer space-Outfits auf dem Cover? Les Garçons sont habillés par Jean-Carles de Castelbajac). Damals zollten sich die Premiervisagen der Alten und Neuen Welt noch den gebührenden Respekt und deswegen sind sie auch alle für dieses transatlantische Joint Venture zusammengekommen: Ramona Brooks singt im Hintergrund, die ZE-Supremos Esteban und Zilkha produzieren, Bob Blank nimmt auf und DJ Tom Savarese mischt ab. Die Fotos der illustren Beteiligten auf dem Innersleeve rahmen ein Textfeld in dem sich zigmal „Danse-Dance-Danse-Dance“ wiederholt. Für die verständnislosen Außenstehenden fällt nur Häme ab: „Watch the critics when I dance with you, we’re so with it.“ Für den Rest gilt: “Dance, dance, let the French boy dance“. Mehr Geschenk als die Statue of Liberty, und wesentlich besser angezogen.
Irgendwie kam House in Deutschland lange Jahre nicht in die Gänge. Nix Massenbewegung, nix Exportpotential, nix Sponsorenzielgruppe. Es gab zwar ausreichend Clubs, DJs und Produzenten, die sich von Anfang an mit House beschäftigten und den Sound hegten und pflegten, aber man studierte erstmal eingehend was da kistenweise importiert wurde und verschob den eigenen Einsatz auf später. Die Italiener hatten sich da schon längst zusammengeklaubt, was sie für die sonnigen Fantasiewelten ihrer Großclubs brauchten, in Holland und Belgien wollte man sich schon bald von dem amerikanischem Ausgangsmaterial emanzipieren, und in Großbritannien atomisierte die Hype-Presse bereits alle verfügbaren Stilmöglichkeiten zu Subgenres. In Deutschland hingegen wurde noch eine Weile analysiert, bis sinnigerweise der Dancefloor-Ableger vom Diskursstichwortgeber L’Age D’or diese Phase für beendet erklärte und sich alsbald beherzt daran machte, lose orientiert an der noch relativ jungen House-Historie anderer Länder, eine Reihe von sehr eigenständigen und funktionstüchtigen Veröffentlichungen zu starten. „Brian de Palma“, passend benannt nach dem Regisseur mit den dollsten Nachtclubsequenzen, ist sowohl der erste Höhepunkt als auch eine wegweisende Schnittstelle dieser Entwicklung. Hans Nieswandt, der damals in Worten wie kein Anderer auf den Punkt brachte was an House so wunderbar ist, Eric D. Clark, der immigrierte Glam-Faktor mit dem irritierenden Soul, und Justus Köhncke, der romantische Raketenwissenschaftler des Ganzen, wollten nicht länger zuschauen und nahmen sich ihre gesammelten Nightlife-Erfahrungen, ihre erheblichen Plattensammlungen, ihre durchdefinierten Popforderungen und ihren unverbrauchten Enthusiasmus für die Sache an sich, und bauten mit taufrischem Idealismus an ihrer Musik. Das allzu Offensichtliche wurde dabei vermieden, Mel Tormé oder Steely Dan kamen in die Samplebank, und nicht schon wieder Loleatta Holloway. Und obwohl hier und da DJ Pierre oder DJ Sneak als Inspirationsquelle hervorlugten, bekam man ihn hin, den eigenen Sound. Eine elastische Funkyness, eine lässige Dosis smarter Referenzen, und eine grundsympathische Einstellung im Umgang mit dem Groove. Mit jedem ihrer späteren Alben vergrößerten sie genauso schlüssig und schlau den Spielraum, den sie sich mit diesem Album eröffneten, mit oftmals ebenso sperrigen wie überraschenden Resultaten zwischen Can-Studio und surrealer Charts-Kurzkarriere. Aber diese Verbindung von Kopf und Tanzfläche war nicht mehr ganz so ausschlaggebend, und ich habe das vermisst. Die weitere Laufbahn der drei nach dem Ende von Whirlpool Productions gestaltete sich dann gleichermaßen erwartet wie unerwartet, und es ist gut zu wissen, dass sie allesamt immer noch voll drin sind in der Chose.
Das Label von Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble und Sebastian Gaiser alias Mujaba meldet sich zurück, und das mit einer EP, die dem ollen Deep House-Klepper einen ordentlichen Stock zwischen die Beine wirft. „Whichflower?“ ist ein eigenwilliger Groover, der mit dem klassischen Logic-Acapella Vertrautheit antäuscht, um sich dann über verdrehte Beats und ungewöhnlich geschichtete Flächen in andere Gefilde davonzumachen. Als hätte man zeitgemäßen Deep House mutwillig ein Bein gestellt und beim Versuch den Unfallhergang im Studio nachzubilden wäre etwas ganz Anderes entstanden, das viel faszinierender ist. Das gilt auch für die B-Seite „Aclaime“, aber hier werden die tradierten Strukturen noch ein Stück weiter lädiert. Dubbige Ansammlungen von Flächen, die sich wie feiner Nieselregen festsetzen und einzelne Spuren von erheblichen transformierten Instrumenten ziehen versonnen aneinander vorbei, und entladen sich plötzlich in einem psychotisch summenden Zwischenfall. Wirklich ausgezeichnet.
“Travel The Earth” ist im Original ein nächtlicher Zen-Garten im Wolkenbruch, in dem sich im Hintergrund die Mönche in höhere Bewusstseinszustände trommeln, Claps peitschen unvermittelt quer in die Idylle, irgendjemand tupft anmutig eine traurige Gitarre dazwischen, und darüber sirren fremdartige Sounds wie übergroße Insekten. Alles fließt, tropft und prasselt ineinander. Der totale Trip. Labelchef John Dalys Remix klingt vergleichsweise mächtiger und lässt dunklen Bass und Acid durch die meditative Szenerie schlingern, erzielt aber ebenfalls diesen fahlen Sog. Gegen das hier sieht der monatliche Deep House-Durchschnitt in der Tat wie mickerigster Krüppel-Bonsai aus.
Berlin’s Finest Hunee schreitet auf seiner EP für W.T. auch als Produzent majestätisch die Ländereien zwischen Spezial-Disco und -House ab, die er als DJ schon seit geraumer Zeit gehörig im Griff hat. „Tour De Force“ ist ein verspulter Premium-Boogie auf Billy Frazier-Fundament, der sich mit einem beachtlichem Soundarsenal auf einen langen Weg macht, etliche Haken schlägt und dann unvermittelt in schönsten Lichtungen auftaucht. Bei „Cut Down Trees“ hüpfen die Beats und Basslines wie aufgekratzte Spatzen auf dem Telegraphenmast übereinander und werden periodisch von Abendsonne-Flächen gebändigt, und gute Freunde von Cajual und Relief grüßen im Vorbeigehen von unten herauf. Auf der anderen Seite der grandiose Tiefflieger „Rare Silk“, der sich in der Originalversion an Boo Williams, und im Remix an Chez Damier und Ron Trent anlehnt, und dabei verdammt blendend aussieht.
John Campbell und Jarvis Whitehead bewegten sich in einer skurrilen, von ihnen bis in das letzte Detail durchdesignten Parallelwelt zum aufgeregten Synthpop-Treiben von 1986. Ihren mittelgewichtigen Hit „Driving Away From Home“ hatten sie vermutlich nicht ganz aus Versehen, wie der schon sehr griffige Titel dieses Albums nahe legt. Man betrat beim Hören wie durch eine Luftschleuse ihren blaustichigen Episodenfilm, welcher mit einem Soundtrack ausgestattet war, der mit allen Stilelementen zwischen Country, Folk, Latin und New Wave versetzt werden konnte, ohne auch nur eine Sekunde diesen zugleich kühlen als auch heimeligen, vor allem aber irritierend unverwechselbaren Grundklang zu verlieren, zu dem Campbell mit dieser ausnehmend angenehmen Erzähl- und Singstimme verschiedene Szenarien durchspielte. Ob es um Ausfahrten in die Umgebung ging, Sinnkrisen von Vertretern, Freunde in der Kneipe, Abschwung in verregneten Industriegebieten, schwüle Straßenfeste in der Fremde, oder schlicht um den Raum den man zum Leben braucht, und wie man ihn ausfüllt, stets nimmt Campbell die Rolle des unmittelbaren Erzählers ein. Ein introvertierter Beobachter und voyeuristischer Melancholiker, der Situationen mit präzisen oder komplexen, wie auch ironischen oder versponnenen Worten so treffsicher nachfühlbar macht, dass man in jeden Song nach kürzester Zeit hineinfällt wie Alice in den Kaninchenbau, obwohl das Album eine stringente Atmosphäre hat, die gleichzeitig irgendwie distanziert und dennoch hermetisch ist. Vier Jahre später fuhren sie die Popverpflichtungen des Debüts bei ihrem zweiten, mindestens ebenso brillanten Album „Song“ auf ein Minimum herunter und reisten so tief in ihre eigene Welt, dass kaum noch jemand folgen mochte. Wahrscheinlich wäre es mal wieder dem einen Hit zu verdanken, wenn es nach all den Jahren noch jemand versucht. Aber Hauptsache, es versucht noch jemand.
Kaum ein anderer in der Clubkultur hat sich so eingehend und brillant mit den Wirrnissen der Liebe beschäftigt wie Lil Louis. Als seine Weggefährten und die Fanbasis sich noch die Köpfe über seine beiden durchweg genialen EPs auf Dance Mania den Kopf zerbrachen, warf er sich vollends in sein Lieblingsthema und verkaufte 1989 Abermillionen von seinem Liebesakt „French Kiss“ an Menschen, denen es weder etwas ausmacht, im Club massiv angestöhnt zu werden, noch dazu in Zeitlupe rauf- und runtergefahren zu werden (ich erinnere mich immer gerne an den Videoclip, wo Aufziehspielzeuge die Tempowechsel nachzappeln). „I Called U“ erzählt kurz darauf die Geschichte danach, und die fünf Versionen ergeben die narrative Struktur eines Mini-Konzeptalbums, in dem Louis die Rolle des von einer abgelegten Liebe Verfolgten einnimmt. „The Conversation“ ist dieser eigenwillige Jazz-House-Track, in dem er ihr am Telefon mit deutlichen Worten klarzumachen versucht, dass ihre Beziehung beendet ist und aus welchen Gründen. Er ist dabei jedoch mit einer offensichtlich hoch neurotischen Gegenspielerin konfrontiert, die seine rationalen Argumente mit bedröhnter Aufdringlichkeit ignoriert. Im Zwischenspiel „But U Went To The Party“ flüchtet Louis aus dieser Sackgasse in den Club, um dann bei „The Story Continues“, einem böse pumpenden Track mit fiebrigem Saxofon, den ganzen Stress auf der Tanzfläche zu bewältigen. Das nächste Zwischenspiel „A Series Of Events“ schildert jedoch die Rache der Zurückgewiesenen, die nach vergeblicher Kontaktaufnahme über Telefon die Clubs absucht, um dann ihre ganze Besessenheit an seinem Auto auszulassen. „Why’d U Fall“ ist der Epilog, in dem Louis sein Unverständnis gegenüber der ganzen Situation in einem unfassbaren Track entlädt, dessen schlingernde Leitmotive noch über Jahre durch die House- und Technogeschichte geistern sollten. Diese Platte ist ein immerwährendes Totschlagargument gegen die Skeptiker, die Clubmusik pauschal konstatieren, nicht über Partyimperative und Funktionalitätsstrukturen hinauskommen zu können, und das Gefühlsleben von Lil Louis war zu jener Zeit derart aufgewühlt, dass er diese Themen noch auf zwei ganzen nicht minder herausragenden Alben zu verarbeiten suchte, bevor er lange Zeit in Schweigen verfiel. Doch er war ganz und gar nicht untätig, und hat all die Jahre an seinem Großprojekt „Two Sides To Every Story“ gearbeitet, einem Buch, dass seine gesamte Odyssee nach der wahren Liebe chronologisiert, und einer CD, die aus Sicht einer Frau darstellen soll, wie ist, sich mit jemanden wie ihm einzulassen. House braucht solche Typen mehr denn je, aber wirklich.
Spätestens seitdem die Gibb-Brüder ab Mitte der 1970er höchst erfolgreich auf Tanzfläche umschalteten, war klar, dass Disco als System offen genug war, auch das Karrieretief von anderen Künstlern zwischen MOR-Soft Rock und Country aufzufangen. Wem Disco in der klassischen Ausprägung zu schwarz oder zu schwul war, konnte alsbald Stücke auf Alben in diesem weiten Feld finden, die sich entweder zaghaft über R&B-Anleihen oder wagemutig über 4/4-Funktionalität an die Glitzerclubs der großen Städte annäherten. Es dauerte gleichermaßen nicht lang bis die dortigen DJs erkannten, dass es der notwendigen Emotionalität ihrer Morgenstunden-Sets absolut nicht schadete, klassische Disco- und Soulballaden mit ein paar flashigen Rockschiebern zu verbinden. Das Grundgefühl zählte, und die Barrieren zwischen den Songwriting-Traditionen waren nicht mehr hoch genug um zu verhindern, dass sich eine Schnittmenge vormaliger Antipoden ergab, an der sowohl jene Freude haben konnten, denen Clubkultur eigentlich nichts bedeutete, als auch jene, denen Rock per se zu unfunky und weißbrotig war. Wenn man sich die gegenwärtige Renaissance von discoiden Rocksongs anschaut, ist das im Prinzip auch so geblieben, auch wenn diese ungleiche Liebesaffäre in der Disco-Ära eine Episode blieb, die allen Beteiligten in der späteren Rückschau eher unangenehm war. „Lotta Love“ von 1978 ist jedenfalls die Krone dieser Schöpfungen. Eine Neil Young-Backgroundsängerin interpretiert einen Song desselben, und wie so oft bei ihm entwickelt sich der Song erst in der Coverversion zu einem atemberaubenden Großereignis (siehe auch die ähnlich gelagerte Version von „Only Love Can Break Your Heart“ von Elkie Brooks). Auf dem dazugehörigen Album von Nicolette Larson ist der Song noch traditioneller Country Rock, schön auch, aber ohne jegliche Dancefloor-Traute. Die ergab sich erst durch den wunderschönen Mix von Jim Burgess, der den Song an den entscheidenden Stellen aufpolsterte und somit zur endgültigen Hymne all derer machte, die an strategisch ungemein wichtigen Punkten der Nacht bzw. des Morgens eine gehörige Dosis Liebe benötigen. Nicht die bedingungslose, überwältigende Liebe, die als Ideal alles in Schutt und Asche legt, aber in der Realität als nicht überlebensfähiges Trugbild verpufft. Es geht um die Liebe, in der man gibt und nimmt, die Liebe, die man sich gemeinsam erschließt, allen Unwegsamkeiten zum Trotz, um davon ein Leben lang gut zu haben.
Nach einer sehr schick verknappten Erstauflage im Webshop von Innervisions mit dem Mehrwert der Alternativversionen, überbringt Gerd Janson nun regulär seine Botschaft vom Planet Liebe den ungeduldig ausharrenden Beardo-Astronomen. Sie werden es huldvoll empfangen, denn „Voice Of Planet Love“ ist ein wirklich sehr gelungener Track, der über zehn Minuten den Boogie-Groove von Jackie Moores „This Time Baby“, Nu Groove-Atmosphäre und Phuture-Vocals zu einem trippigen Gipfeltreffen zusammenbringt, und damit nicht nur die eigenen musikalischen Vorlieben in einem Rutsch abklatscht, sondern auch die einer amorphen Zielgruppe, die sich ihr House nicht ohne Geschichte und schon gar nicht ohne Disco vorstellen kann. Innervisions revanchieren sich auf der B-Seite für die Erstverwertungsrechte mit zwei Remixen, die ähnlich konsequent auf eben dem ihren Turf stattfinden. Marcus Worgull bedient sich bei seinem äußerst knackigen Groove im New York der frühen 90er, und lässt dazu noch mal den eigenen Drachen raus, was prima zusammenpasst. Dixon verfährt mit ähnlichen Akkordfolgen und verbeugt sich nicht nur mit Bassline und Handclaps vor der Alten Schule, er gönnt uns sogar ein echtes DJ International-Piano. Im Vergleich zu Worgull hat sein Groove weniger Bums, aber dafür bietet seine Dramaturgie mehr Gelegenheiten für euphorische Kollektivmomente in großen Räumen.
William T Burnett alias Speculator unterhält von Brooklyn schon seit Jahren die schrullige Diggerwissen-Sendung „Short Bus Radio“ und hat nun sein eigenes Label gegründet. Die erste 12“ ist überraschend housig, und nicht nur das, sie ist schlichtweg sensationell. Bei $tinkworx holpern sich trunkene Pianos und wehmütige Flächen und eine Acid-Bassline in einen absolut wundervollen zehnminütigen Taumel, bei dem man jeden Laternenpfahl mitnehmen würde, wenn man ihn auf dem Nachhauseweg lautstark in den Ohren hätte. Kinoeye AKA Datahata ebenso bestechend, mit einem launischen Spoken Word-Track, bei dem über rumpelige Beats, Bleeps und leicht manische Kreiselsounds die eigene Entschlossenheit angesichts der Dreckswelt hochgehalten wird. Suck on this, Wohlklangfraktion.
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