I was still playing a lot of disco around Berlin then. And still being mostly informed by formative club experiences and digging finds of my youth. I was actually doing a lot in the there and now too, but if you had so many great memories and experiences, why not use them. Also I was 37 when I recorded this mix, and I never expected to still be playing records in clubs at that age. But instead of retiring I just kept going and granted myself the occasional look back. Also a lot of what I listened to many years ago was now in a revival/reissue loop already, so I never felt guilty.
Jeff Young – My Night Time Syncbeat – Music Hot Gossip – Soul Warfare Secession – Touch Altered Images – I Could Be Happy Thompson Twins – Lies Sharpe & Numan – Change Your Mind 400 Blows – Let The Music Play ABC – Be Near Me Cabaret Voltaire – Dream Ticket DAF – Brothers Clock DVA – The Act Gino Soccio – Turn It Around Frankie Valli – Let It Be Whatever It Is Sparks – Madonna Paul Haig – Running Away The Colourfield – Running Away Scritti Politti – Absolute Sly & Robbie – Make ‘Em Move
„I can’t even dance straight.” (Aufdruck eines Front-Tshirts)
Das gängige Club-Koordinatensystem in Hamburg Mitte der 80er bewegte sich irgendwo zwischen Mod-Kultur und Northern Soul sowie Post-Punk und Wave in Läden wie dem Kir und Disco-Poppertum im Trinity, Voilà oder Stairways. Welcher Hafen angelaufen wurde, entschied sich meistens danach, ob der Schwerpunkt der Planung auf Musik bzw. Tanzen, Mädchen oder Saufen gelegt werden sollte. Diese Komponenten kamen zwar manchmal auch an einem Ort befriedigend zusammen, aber in der Hansestadt wurde schon immer bei ersten Anzeichen von diesbezüglichen Ungleichgewichten der Standort verlagert. DJs mixten in der Regel nicht und die Musik war oft ziemlich durcheinander und demnach war man es auch gewohnt, nur hier und da zu tanzen und den Rest der Nacht anderweitig auszufüllen.
Etwas ab vom Schuss, Nähe Berliner Tor, gab es dann noch das Front, das Willi Prange 1983 eröffnet hatte. Der Stamm-DJ dort war ab 1984 der Kölner Klaus Stockhausen, der ebenso wie andere DJs in der Stadt eine Mischung aus Boogie, Synthpop, Electro, Hi-Energy und Italo auflegte. Dennoch hatte das Front im Rest der Stadt schnell diesen speziellen Status. Das lag einerseits sicherlich daran, dass das Publikum dem Vernehmen nach fast ausschließlich schwul war und sich nicht groß darum kümmerte, sich jedes Wochenende so abseits von Kiez oder Alster zusammenzufinden. Andererseits lag das aber auch vor allem an Stockhausen, der seinen Kollegen in vielerlei Hinsicht weit voraus war.
Von seinen besonderen Fertigkeiten als DJ erfuhr zuerst ich von einem meiner besten Freunde, der ein klein wenig älter war und schon ab 84 regelmäßig hinfuhr. Dort kaufte er Stockhausen irgendwann einen Schwung Live-Mitschnitte auf Kassette ab, für ganz schön gutes Geld, der Mann wusste eben was er wert war. Als ich die Tapes zum ersten Mal hörte, war ich ziemlich baff. Ich hatte ein langjähriges Faible für alle Arten von tanzbarer Musik, aber was man damit im Mix anstellen konnte war mir eher fremd. Ich erkannte Teile meiner Plattensammlung wieder, aber irgendwie klangen die anders, energetischer und aufregender. Es liefen viele instrumentale Versionen, versetzt mit Soundeffekten, Scratches und Acapellas. Verschiedene Platten liefen minutenlang zusammen, oder Teile davon nur wenige Sekunden. Die meiste Zeit konnte ich die Stücke gar nicht auseinanderhalten. Ich hatte keinen Schimmer, wie man so was hinbekommt. Die Musik-Auswahl war dabei durchweg geschmackssicher und abenteuerlustig zugleich. Live muss das der Hammer sein, dachte ich.
Tatsächlich waren die Nächte im Front zu dieser Zeit schon ziemlich ausgelassen, doch richtig Fahrt kam ab Ende 85 auf, als bei Tractor und später Rocco und Container Records die ersten House-Importe eintrafen. Ich bekam House erst mit, als „Jack Your Body“ und „Love Can’t Turn Around“ 1986 plötzlich Hits wurden, aber es gefiel mir auf Anhieb. Es erschien wie die perfekte Synthese von allen möglichen Club-Stilen, war aber gleichzeitig total primitiv und direkt. Eine verheißungsvolle Variante in der Chronologie von Disco sozusagen. Im Front wurde House nach Ohrenzeugen vom Fleck weg vereinnahmt, es gab zwar nicht viele Platten zu kaufen, aber was verfügbar war, wurde auch gespielt. Die europäische Clublandschaft ist sicherlich zu diffus und weitläufig, um wirklich exakt die historischen Initialzündungen zu benennen, aber wenn man sich mit der entsprechenden Geschichtsschreibung in anderen Ländern befasst, war Hamburg verdammt früh dran, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Die regelmäßigen Wochenendgäste aus England schienen sich jedenfalls mit voller Absicht zum Tanzen in die touristisch unterentwickelte Gegend am Heidenkampsweg zu verirren.
Das erste Mal dass ich tatsächlich ein Teil der schrägen Schlange wurde, die sich zeitig vor den Stiegen abwärts sammelte, war Anfang 87. Ich war fast volljährig und etwas angespannt. Die coolen Typen um mich herum schienen es kaum abwarten zu können, von dem mürrischen Kerl mit dem Schnauzbart durchgewunken zu werden, der die Tür zu dem Keller verwaltete. Das Publikum bestand zur stolzen Mehrheit aus schönen Jungs in glammigen Outfits und halbnackt-muskulösen Lederkerls, und es war zahlreich erschienen und schrie sich auf der Tanzfläche bereits geschlossen die Seele aus dem Leib. Der Club an sich war absolut unglamourös. Karg war noch untertrieben. Die Wände waren nackt bis auf ein paar Notausgangschilder, auf denen ab und zu „Danger“ aufblinkte und gelegentliche Diaprojektionen mit Worthülsen wie „I mean…is he…“ oder „…and suddenly…“. Die Tanzfläche war gesäumt von niedrigen Podesten mit Geländer, die einen bei der niedrigen Decke noch näher an die fiesen Horn-Hochtöner brachten, Bestandteile einer Anlage, die nicht unbedingt gut war, aber sehr effektiv und vor allem sehr laut.
Die Lightshow bestand lediglich aus verschiedenfarbigen Neonröhren, die sich über der ganzen Tanzfläche erstreckten und in unnachvollziehbaren Intervallen ins Dunkel blitzten. Und im Gegensatz zu anderen Hamburger Clubs war es sehr dunkel, gepaart mit einem ungemein stickigen Dunst von mehr oder weniger nackten Körpern und Poppers, der stetig von der Decke tropfte und als dichter Nebelschwall über die Belüftung direkt neben den Eingang wieder auf die Straße zurückgeleitet wurde, als sollte er wie der Rauch bei der Papstfindung der Außenwelt künden, was für eine Stufe des Exzesses dieses Wochenende gemeinsam erreicht wurde.
Man kam eher zum Tanzen als zum Posen ins Front, auch wenn man bei Bedarf beides gleichzeitig konnte, und ließ sich von der wummernden Pracht von links nach rechts schicken. Die Stimmung war physisch und bis zum Anschlag sexuell aufgeladen. Die Front Kids hatten ihren Tempel eingerichtet und huldigten dem Hedonismus mit bedingungsloser Loyalität. Alles war egal, solange es Spaß machte. Wenn man sich überhaupt von der Tanzfläche entfernen wollte, waren die einzigen Ablenkungen eine Theke mit ein paar Bänken ein Gewölbe tiefer, deren Zapfanlage unter Gejohle von mitfeiernden Barleuten zum Beat bearbeitet wurden, die nicht selten im Torerokostüm den Dienst antraten, ferner notorische Toiletten mit äußerst regem Verkehr und deaktivierter Geschlechtertrennung sowie ein Flipper, der nie funktionierte.
Der ganze Überschwang hatte souveräne Methode, die von einem DJ-Bereich gesteuert wurde, der sich in einem wesentlichen Punkt von anderen unterschied; man konnte den DJ nicht sehen. Die Kanzel war eine erhöhte dunkle Box, die von der Tanzfläche aus durch eine Tür zugänglich war, der DJ schaute durch zwei winzige Schießscharten heraus und war selbst nur schemenhaft zu erkennen. Das hatte durchaus den Effekt, dass man sich auf die Musik konzentrierte bzw. dass die Musik teilweise wie aus einer anderen Welt herübergesendet kam, obwohl man sich natürlich sehr wohl bewusst war, dass der zuständige Zeremonienmeister etwas Besonderes war, was denn auch mit viel Geschrei auf dem Floor honoriert wurde.
Eine konsequente Absage an die fortschreitende Personifizierung des DJs, aufgrund derer Stockhausen schließlich 91 für immer die Kopfhörer für eine ebenso erfolgreiche Karriere als Moderedakteur bekannter Lifestylemagazine niederlegte. Wie er aussah wusste ich erst Jahre später dank einer Fotostrecke in einem Stadtmagazin, es war auch nicht wichtig. Gleiches galt auch für seinen überaus talentierten Nachfolger Boris Dlugosch, der ab 1986 Stockhausens Protegé war und nach dessen Rückzug den Taktstock übernahm und ebenso stilprägend die nächste Ära des Clubs dirigierte und weitere DJs wie Michael Braune, Michi Lange, Sören Schnakenberg und Merve Japes. Promis wurden vermehrt gesichtet, aber kaum beachtet. Diese Rahmenbedingungen sollten sich für die nächsten Jahre nur unwesentlich ändern. Es gab Rituale wie den Laster von einer Quadrophonie-Testplatte, der bei gelöschtem Licht durch den Raum knatterte und meistens die Schlussphase mit einem Rückblick auf Disco-Klassiker einläutete, die allerdings auf dem Front-Soundsystem klangen, als wären sie in einem Kugelblitz wiedergeboren worden. Es gab diverse zügellose und Spezialveranstaltungen mit wechselndem Motto und den jährlichen Geburtstagsrausch, bei dem immer noch eine Schippe draufgelegt wurde. Unvergessen dabei der Auftritt eines unbescholtenen Straßenmusikers, der anlässlich des ersten Golfkriegsausbruchs von der Einkaufsmeile wegengagiert wurde und dann nervös vor dem ekstatischen Auditorium „Give Peace A Chance“ klampfte.
Bei der Entwicklung von House und allen daraus resultierenden Stilarten war das Front in den folgenden Jahren eine unerbittliche Messlatte. Zuerst kam die Acid-Phase, die auch über andere Neueröffnungen wie das Opera House, Shag oder das Shangri-La die ganze Stadt eroberte, und Detroit Techno wurde in der ersten Welle herzlich umarmt. Ausflüge in Clubs anderer Städte zu dieser Zeit vermochten im Vergleich nicht so recht zu überzeugen, man freute sich bereits auf das nächste Heimspiel. Ab 89 kamen die New Yorker Hybriden aus Techno und House der Marke Nu Groove und Strictly Rhythm dazu, und man verneigte sich gelegentlich vor den Post-Acid-Entwicklungen der Insel, Bleeps etwa, oder Shut Up And Dance und 4 Hero, damals noch Breakbeat Techno genannt.
Als Techno sich ab 91 mehr und mehr über Härte definierte, besann man sich im Front jedoch auf die hauseigene Tradition des Groove und überließ das Geheize Läden wie dem ersten Unit. Die Anteile von Garage und Deep House wurden unter der Ägide von Dlugosch quasi über Nacht nach vorne gemischt, ohne dass die unbeschwerte Dynamik auf dem Floor Einbußen erlitt, der Rausch klang nur etwas anders. Das Front verband Schub mit Stil und hatte seine Jünger bestens mit House erzogen und so wurde aus Hamburg, im Vergleich zu anderen Metropolen, nie eine Technostadt.
Der Club wurde in der Face, im I-D und in der Tempo als Weltklasse bestaunt und war auch mit Dlugosch mindestens auf Augenhöhe mit Clubs der reinen Lehre in den USA oder England und in Kontinentaleuropa lange Jahre praktisch konkurrenzlos, was nicht zuletzt dadurch untermauert wurde, dass das Front auch sehr früh begann, die Heldengestalten aus Übersee zu buchen. DJ Pierre versagte Wild Pitch und machte das mit Acid trifft Garage wieder wett, Mike Hitman Wilson versagte einfach völlig, Frankie Knuckles legte ein Handtuch um und eine Flasche Cognac und Tischventilator vor sich und breitete das große Gefühl aus, die Murk Boys waren gegenseitige Liebe auf den ersten Blick und Derrick May wollte gar nicht mehr aufhören.
Diese ersten Gäste vermittelten aber auch Einblicke in andere Szenen, was immer mehr Clubgänger interessierte und die Konkurrenz in der eigenen Stadt nahm zu und bediente sich beim Standard des Front. Die schwule Basis fühlte sich mehr und mehr von Neugierigen bedrängt und die Faces der ersten Generation zogen sich langsam zurück, der Geist der Pionierzeit verlor auch in der Musik an Strahlkraft und selbst die Nachttanke um die Ecke war plötzlich nicht mehr da.
Dennoch empfand ich es wie viele als Privileg, speziell an diesem Ort live zu hören wie sich das Haus erbaute, in dem wir heute noch allesamt wohnen. Nur lief die Chose irgendwann von ganz allein und an anderen Orten und ich ging ab 94 immer sporadischer hin, bis mich dann 97 die Nachricht von der Abschiedsparty wachrüttelte. Ich zog es vor, es in Erinnerung zu behalten wie es zu besten Zeiten war und bin nicht hingegangen. Das Inventar wurde später, einer echten Clublegende angemessen, wie Reliquien meistbietend versteigert.
Das perfekte Souvenir hatte ich aber ohnehin schon, es ziert noch immer meine Zimmertür: das Schild von der Damentoilette, mysteriöserweise eines Sonntagmittags auf meinem T-Shirt klebend, als ich in voller Montur auf dem Fußboden eines Kumpels aufwachte. Gute Zeiten. Klaus Stockhausen ist immer noch der beste DJ, den ich jemals gehört habe und die Intensität des Clubs bleibt für mich selbst minus sentimentaler Verklärung unübertroffen. Es hat mich tief geprägt. Wenn ich von Berlin nach Hamburg hineinfahre werfe ich jedes Mal einen verstohlenen Blick auf das Leder-Schüler-Gebäude und habe Musik im Kopf. This used to be my playground.
Mit besonderem Dank an Walter Fasshauer, Patrick Lazhar und Frank Ilgener.
Groove 11/06
Danke für alles, Willi Prange und Phillip Clarke… R.I.P.
Von allen Exzentrikern im House ist Johnny Dangerous ganz weit oben in der Thronfolge und dies ist sein erstes Opus. Kaputte Spuren von Love Committee und Eddie Kendricks trudeln durch ein psychedelisches Meisterwerk in vier Aufzügen, in dem Phaser auf gut Glück in die Dunkelheit schießen, die Basslines sich mindestens vom Kern der Erde in die sündigen Großstädte zurückwühlen und die Tastenklänge sich meilenweit in ungeahnte Tiefen schlieren, wobei darüber der Schöpfer dieser wahrhaft erschütternden Musik ungerührt über unser aller sterbliche Hoffnung und Verdammnis philosophiert. Die archaische Steintafel des Deep House, you better believe.
Gilles Peterson und Patrick Forge lehnen sich mit dieser Sammlung zurück und gedenken des Londoner Alldayers, mit dem der ganze Acid-Jazz-Komplex seinen Lauf nahm. Dingwalls war damals das Auffangbecken für die monotoniegeplagten Hipster, die je nach Blickwinkel unter- oder überfordert nach der musikalischeren Alternative zur Acid – Revolution fahndeten. Zu Rolli und Goatee abgebogene Ex- Mods und Soulboys, Straight-No-Chaser-Abonennten, Anspruchsposer und und Tanzflächenakrobaten schmissen sich in den leichten Jazz der tanzbaren Variante und manifestierten eine robuste Geschmacksbastion, deren Diktat noch immer fingerhebend in den meisten Veröffentlichungen nachhallt, die sich an Jazz mit schwachen Nerven und faltenfreiem Funk abarbeiten. Im Überblick ist das zwischen den warmgeduschten Düdel-ClubSoul-Funk-Brasil-Jazz-Komponenten von Ayers bis Ponty aber auch immer noch so adrett und versnobt, dass man gar nicht weiß, ob man sich für diesen komplett unruppigen Rückblick wirklich bedanken muss. Cecil Taylors Rübe in die Tasten knallen zu sehen, ist auf alle Fälle eine reizvolle Alternative und Musik aus der Steckdose geht irgendwie auch, wie immerhin später auch eingesehen wurde.
Gekrönte Häupter sind sie also denn offiziell mit dieser Kompilation, auch wenn sie sich bei der Auswahl der Abgaben ganz volksnah geben. Die Trutzburg heißt für beide Regenten Detroit. Sire Garnier kümmert sich hierbei um die ältere und jüngere Vergangenheit der Ländereien, wobei er ganz im Sinne der unlängsten Prunkkutschenfahrt mit Seiner Hoheit Mills ganz früh bei den Stooges, Aretha Franklin, den Temptations und Funkadelic anfängt und sich dann über die ehrwürdigen Vorfahren bis hin zu Dabrye und Arpanet vorarbeitet. Sire Craig wiederum gibt die Komplimente nach Old Europe zurück und sucht Einflüsse und Wechselbeziehungen bei Klassikern von etwa Visage, Nitzer Ebb, Kano und Yello, um dann schließlich bei Black Dog zu landen. Alle Zehnten sind gut gealtert und zu Recht im höfischen Vorratskeller und die beiden Majestäten klopfen sich bei der Zusammenstellung der Tafelrunde auch ein bisschen gegenseitig auf die erlauchte Schulter. Honi soit qui mal y pense. Klapp, Klapp…die Tänzer.
Ich finde überladene Musik eigentlich prima und auf den verheißungsvollen EPs bis zum ersten Album passierte auch schon eine ganze Menge. Aber da gab es auch bewusste Gegenpole und Ruhephasen und der Stilmischmasch erschien wie ein gültiges Statement. Dann entschieden sie sich irgendwann das auf die Spitze zu treiben und wurden dabei nicht immer vielfältiger, sondern immer beliebiger. Die wissenden Eklektiker verrannten sich zu quietschbunten Grinsebären mit dauerhaftem Straßenkarnevalsapostel-Anspruch, abgesegnete Brixton-Multikulti-Wurzeln hin oder her. Es wurde viel auf einmal abgefeuert, aber letztendlich traf eigentlich auch nicht viel. Es bringt vermutlich nix aufzuzählen, was hier so alles erschallt, möglichst gleichzeitig. Da das hier eh eine rappelnde Radiosendung suggerieren soll, denk dir dein Lieblings-Spartenthema, es ist ganz bestimmt auch als Ganzes in den Gumbo-Topf geworfen worden. Der Schirmherr der Parade könnte noch Lord Kitchener sein, aber eben auch André Heller.
Ein gegensätzliches Paar sind Justin Quayle (Ralph Fiennes) und seine Frau Tess (Rachel Weisz). Er ist ein gleichmütiger Bürokrat im Dienst Ihrer Majestät in Nairobi und entspricht meiner Überzeugung, dass Spione in ihrem Verwaltungsapparat ungleich wirkungsvoller anzuschauen sind als ihre sich vom Hubschrauber ins Casino abseilenden Kollegen. Sie ist eine Vollzeitaktivistin der enervierenden Art, immer auf der Suche nach der nächsten Ungerechtigkeit. Am Anfang des Films steht ihre Ermordung und er sucht nach den Zusammenhängen und einer Erinnerung von ihr, die er für immer behalten kann. Er stößt dabei auf Verwicklungen der Pharmaindustrie und der Diplomatie, welche in den Armensiedlungen ein wahrhaft zynisches Joint Venture unterhalten. Von da an führt der Weg über Verrat und Bauernopfer zu Machenschaften, die sich durch Idealismus höchstens vorübergehend beeinträchtigen lassen. Fernando Meirelles und John le Carré sind auf den ersten Blick auch eine ungleiche Paarung. Der Regisseur wurde mit dem großen kinetischen Brimborium seiner Ghetto-Studie „City Of God“ bekannt, der Autor der Vorlage mit kühlen Sezierungen internationaler Geheimdienstaktivitäten. Meirelles lenkt seinen Einfallsreichtum hier jedoch auf optische Akzente und narrative Verschachtelungen, die der bitteren Konsequenz der Handlung keine Kraft nehmen. Die Sonderauflage bietet eine reichhaltige Auswahl von Extras ( Making of, Deleted Scenes, Erweiterte Szenen, TV-Spots, Featurettes, Interviews, Szenen vom Dreh, Trailer) für einen ohnehin sehenswerten Film.
Teile der Glasgower Szene fungieren schon etwas länger als ideologischer Außenposten des Cybernetic Broadcast System von I-F und dessen vorwiegenden Soundkoordinaten Italo, Electro und WBMX. Nach bereits bemerkenswerten Releases von Ra-X, Voigt Kampff und Martin van der Vleuten folgt jetzt diese EP von Sneak Thief und Lindsay Joy-Griffin, deren Stimme sehr sweet an die großartige Rah Band erinnert. Im Original ist „Open The Door“ noch ein delikater Space-Lovesong, der dann in den Bearbeitungen von den Polygamy Boys, Truffle Club und Imatron Voima ebenso schön in die Gefilde von Dub-Boogie, Sewer Electro und futuristischem R&B übertragen wird. Die Vocoder sind auf sachte Verführung geschaltet, der Bass glitscht zufrieden und die 808 schnurrt wie die Tigerkatze. The long hot summer just passed me by.
Auf den vorherigen drei Releases des Labels Acido wurden auch schon auf höchst bemerkenswerte Art und Weise Parameter elektronischer Möglichkeiten abgeklopft, doch Rotorik macht wirklich Ernst. In seinem Kopf muss es wahrlich wüst zugehen. Anders als bei seinem Projekt TET, wo er auch mal in Tarnhose und fachgerechter Sonnenbrille EBM-Parolen in den Verzerrer jagt, geht es auf diesen sieben Tracks um experimentellen Techno für irrsinnige Tanzflächen, der unbequem und störanfällig durch die Echokammer kracht. Harter, aber auch sehr faszinierender Tobak, der wie eine archaische Gesteinsformation ewig lange Zeit über dem Tunnelausgang in der Ferne hing und dann doch irgendwann als chaotischer kleinteiliger Regen heruntergerauscht ist und keiner kommt jetzt mehr raus.
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