Diese Compilation schreibt sich auf die Fahne, dem Medium 7“ Inch den nötigen Respekt zu zollen und Vergessenes vor der endgültigen Vergessenheit zu bewahren. Das ist löblich, aber wird auch sonst flächendeckend und stilübergreifend auf dem Reissue-Markt praktiziert, ob man sich da speziell auf 7“s wirft, das Prinzip ist identisch. Der Trackauswahl zufolge geht es vor allem darum, einem bestimmten Sound Tribut zu zollen und zwar britischem Post Punk der Zeit von 78 bis 82, also die Hochphase von Rough Trade, Cherry Red, Y Records usw. Das bietet sich natürlich an, da der entsprechende US-Gegenpart im Schwung der 80er-Rückbesinnung schon fast erschöpfend aufgearbeitet wurde. Man möchte sich fast wünschen, dass diesen Songs ein ähnlich ruppiger Transfer in den heutigen Hip-Diskurs samt Clubanbindung erspart bleibt. Allerdings geht es hier nicht um Tanzflächen, sondern um exzentrische Popentwürfe, die man sich auf billigem Equipment ausdenkt, in grauen Städten mit Dauerregen. Da entsteht dann solch derangierter Synthpop wie der von Gerry & The Holograms oder Henry Badowski, Powerpop von den Moondogs und den Cult Figures, es gibt störrische Einzelkämpfer wie Mark Beer und Thomas Leer, aber auch zeitlos Großartiges wie die mythenumflorten Monochrome Set und Weekend. Alles immer noch so fein wie damals. Überhaupt damals.
Diese neue Compilation-Serie soll ein Forum für Tanzmusikgeschichte werden, in dem Prominente ihre persönliche Auswahl präsentieren. Den Anfang macht Jörg Burger, der eine aussagekräftige Ansammlung poppiger Kölner Elektronik und Buddies zusammengestellt hat, gelegentlich eingestreute Lieblingszitatopfer wie Green Gartside, Paddy McAloon und Basic Channel inklusive (Zitat Promowisch: „Moritz von Oswald mit seinem brandneuen Future Classic Round Two“. Sauber!) Für einen Nicht-DJ hält Burger das Ganze sehr schön im Fluss, arbeitet eigene Exklusivproduktionen und Edits ein und beweist treffsicheren Sinn für Dramaturgie und Originalität. Da gibt es gar nichts zu beanstanden. Im Gegenteil, so manche Mix-CD in diesem Sektor liegt da abgeschlagen zurück. Musiker sind vielleicht die besseren Computerjockeys.
Der aktuelle Stand deutscher Funkforschung unter Federführung von Tobias Kirmayer. Beim verschwisterten Buddelgebiet Northern Soul ließ man in früheren Tagen bei der Auswahl ja eher den Erhältlichkeitsgrad entscheiden, daher finden sich dann auch im Plattenregal beispielsweise Kent-Compilations mit gefühlten zwei Highlights und einem blassen Rest von Mitläufern, die sich allein über ihre Seltenheit anbieten. Die anderen Highlights, die man noch in petto hatte, wurden einfach knauserig über die nächsten Veröffentlichungen verteilt. Zu jener Zeit gab es allerdings auch nicht so viel Reissue-Konkurrenz in den entsprechenden Fachgebieten. Dementsprechend rutschen die 15 hier vertretenen, schwitzigen Raritäten ohne Ausfälle munter durch und decken dabei das ganze Stilspektrum ab.
Kevin Saunderson verstand sich von Anfang an darauf, behände zwischen den klangforschenden Ansprüchen des noch frischen Detroiter Untergrunds und der glitzernden Verheißung von Disco zu rotieren. Inner City war auch wirklich so chromblitzend schöner Pop, dass ihm niemand nachtrug, in regelmäßigen Abständen seine experimentelle Verantwortung als Techno-Gründervater zu vernachlässigen. Er hatte eben auch in New York gelebt und noch die Paradise Garage im Kopf, und ab und zu musste das mit großem Aufwand raus. Diese grandiose Hymne ist der seltene Fall eines einträchtigen Schulterschlusses von Detroit und New Jersey, hier vertreten durch Tony Humphries, der seine emotionale Wucht nie verloren hat. Ein erster Entwurf zu wirklich ausladendem, wunderschönem Garage House in der reinsten Form, dessen Grandezza er später ebenso prächtig in der Gestalt des Reese Project fortschrieb.
Wie fühlt es sich an, ab und zu den angestammten Platz zu verlassen? Kann man das Shelter verpflanzen?
Ich mag es, gelegentlich New York zu verlassen und woanders aufzulegen. Es gibt weltweit mittlerweile immer mehr Leute, welche die Art von Soulful Music mögen, für die das Shelter steht. Ich habe auch eine Residency in Los Angeles und regelmäßig Auftritte in Japan oder England. Ich habe zudem einen Wohnsitz in Amsterdam, weil ich die Stadt einfach liebe und auf Jamaika, wo ich ursprünglich herkomme. In Deutschland war ich bisher nur einmal mit Stevie Wonder, dass hatte sich sonst einfach nicht ergeben. Ich kann mir aber gut vorstellen, öfter hier zu sein. Mir gefällt die Idee von fixen Außenposten fernab des ursprünglichen Clubs. Das reizt mich als Herausforderung. Es wäre schön, weltweit Basen für den Shelter-Sound einzurichten, daran würde ich mich gerne beteiligen. Mal sehen, wie sich das entwickelt.
Wie unterscheiden sich dann solche internationalen Auftritte von einer Nacht im Shelter? Muss man das musikalische Programm den Trends im jeweiligen Land anpassen?
Ich muss mich eigentlich gar nicht anpassen. Ich werde als Repräsentant des Shelter gebucht und ich spiele nur Platten, die ich auch dort auflege. Ich bekomme mit, was in den Clubs anderswo läuft, aber mir ist das oft zu hart, damit kann ich nicht viel anfangen. Ich achte auch nicht auf die ganzen Kategorisierungen, für mich ist das alles Dance Music und davon interessiere ich mich nur für die Art von Musik, die Deepness, Soul und vor allem Identität hat. Aus welchem Land oder von welcher Hautfarbe ist egal, es muss nur passen. Manchmal ist ein Set nicht so wie in New York, weil ich nicht soviel Zeit habe. Übermorgen lege ich beim Southport Weekender in England auf, da habe ich einen zweistündigen Spot. Dabei brauche ich meistens drei Stunden, bevor ich mich wohl fühle. Ich werde das daher nutzen, um unveröffentlichte Sachen zu spielen, aber ich ziehe einen anderen Rahmen vor. DJing war nie mein hauptsächlicher Lebensunterhalt. Ich war deswegen auch nicht gezwungen mehr herumzureisen als ich wollte. Das Shelter ist wie mein Wohnzimmer, da ist alles so, wie ich es haben möchte. Alle meine Platten sind da, die Anlage habe ich mir zusammengestellt und so weiter. Und mir gehört der Club, ich kann machen, was ich will. Ich lege hauptsächlich Soulful Dance Music auf, aber ich kann auch afrikanische oder brasilianische Musik spielen, Jazz, Blues. Wenn ich merke, wofür die Leute bereit sind, habe ich viel Spielraum. Das Shelter hat einen familiären Vibe, es geht nicht um Drogen oder Hipness, nur um Musik. So geht das Woche für Woche. Wenn ich mal nicht da bin, so wie jetzt gerade, legt Sting International auf, sozusagen mein Protegé. Es hat ein bisschen gedauert, bis die Leute mit ihm warm geworden sind, aber jetzt geht das sehr gut. Read the rest of this entry »
In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson entstandene Auflage auf zwei DVDs, die neben dem Film geschnittene Szenen, Musikclips, Kommentare und zwei wirklich unterhaltsame Easter Eggs bietet, eine Dokumentation über John Holmes und die Probeaufnahmen zur Schlussszene mit Dirk Digglers Plastikschwengel. Der Film ist ziemlich gut gealtert. Die Idee, die letzten Tage von Disco mit den letzten Tagen des klassischen Pornos zu verbinden und dieses Joint Venture dann inszenatorisch wie Scorsese in Hochform dynamisch vorüberrattern zu lassen, ist einfach gut. Der Film funktioniert ebenso als „period piece“, der Soundtrack ist chronologisch und stilistisch kompetent und die Set Designs, Klamotten und Line Hustles auf der Tanzfläche werfen einen liebevollen Blick auf den Koks-Hedonismus der späten 70er und der Jahre danach. Der Plot verliert etwas an Fahrt, wenn Anderson den Kuriositäten-Charakter seiner Episoden damit überfrachtet, anhand seiner Figuren den Sündenfall der Ära aufzuzeigen. Der Niedergang und die Schattenseiten erscheinen etwas unmotiviert, mit unfreiwilliger Komik und im Verhältnis zum bunten Treiben vorher auch mit weniger Dichte und Konsequenz. Da entwickelt der Film Längen und leidet etwas unter der Fülle von Anliegen und Zitaten, die vor Torschluss noch in die zweieinhalb Stunden Spieldauer rein mussten, ohne dem Film einen wirklichen Mehrwert zu geben, die furiose Szene mit dem vollgedrogten Alfred Molina und seinem asiatischen Gespielen mal ausgenommen. Durchgehend gut und stimmig ist nach wie vor die Besetzung, mit einem angemessen tumben Mark Wahlberg, einem fulminanten Burt Reynolds, Julianne Moore als der tragischen Mutterfigur und den verlässlichen Loser-Nebendarstellern William H. Macy, Luis Guzmán, John C. Reilly und Philip Seymour Hoffman sowie zahlreichen anderen Lichtblicken. Sie geben den Film den Habitus einer schrägen familiären Familiensaga in einer Branche, die in einem hermetischen sozialen Biotop mit allen dazugehörigen Querverbindungen und falschem Glam für die Befriedigung der Massen malocht, tabulos und spießig zugleich.
Seitdem dieses Gipfeltreffen der beiden Oberdogmatiker Thomas Vinterberg (Regie) und Lars von Trier (Skript) letztes Jahr Premiere hatte, gehen die Meinungen immer noch weit auseinander. Besonders die Kinogänger und Filmkritiker in den USA sind zunehmend irritiert über die sarkastische Hartnäckigkeit, mit der die Dänen in ihren Filmexperimenten die dunklen Traditionen der amerikanischen Gesellschaft sezieren. Weniger statisch-bühnenhaft als von Triers „Dogville“, aber nicht minder allegorisch, mythisierend und konsequent inszeniert Vinterberg ein fiktives Provinznest, in dem jugendliche Außenseiter an Waffen geraten und darüber die schwärmerische Gang der „Dandies“ formieren. Sie sehen sich als bewaffnete Pazifisten mit einem sinnstiftenden Fetisch, doch schon bald durchsetzt die Kraft des Werkzeuges das Gruppengefüge, jede Pistole wird getauft, der Gang durch die Straßen wird breitbeiniger, die Hormone sprießen und der unweigerliche Kugelhagel lauert schon. Eine gut besetzte Initiationsgeschichte, die trotz ihrer distanzierten und artifiziellen Stilistik Wirkung erzielt. Amerikaner sind eben nicht gut mit Ironie und noch schlechtere Verlierer.
Der Italiener Enrico Crivellaro alias Volcov betreibt die angesehenen Labels Archive und Neroli, mit Anbindung an Londoner Broken Beats und beseelten Deep House aus Detroit und New York. Von dort holt er sich auch zahlreiche Versatzstücke, die im Verbund aber überwiegend wie ein verschollenes Artist-Album klingen, das Naked Music nicht mehr rausgebracht hat. Also Soul der eher summt als brüllt und Tiefe die eher vordergründig fließt als hintergründig abtaucht. Alle beteiligten Vokalisten wurden anscheinend exakt nach dieser Prämisse ausgewählt und der satte Schönklang folgt trockenen Fußes. Diese ganze Vollmundigkeit tritt schon selbstbewusst auf, aber wenn sich wie bei dem großartigen Instrumental-Ausreißer „How I Feel“ ein abseitiger Weg anzubieten scheint, schaltet sich danach der vorgebaute Limiter ein.
Jimmy Tamborello (u. a. Dntel, Figurine, The Postal Service) ließ sich von dem Backkatalog friedlichen deutschen Technopops anregen und konzipierte dieses Album, mit Auftritten am Mikro von ihm selbst sowie Sonya Westcott, Morgan Meyn Magler, Jenny Lewis, Erlend Øye und klanglicher Expertenhilfe von John Tejada. Daraus ergibt sich eine versonnen aus dem Fenster schauende Unverbindlichkeit, die an großen Pop-Gesten nicht weiter interessiert ist und sich etwas selbstverliebt in die eigene Introvertiertheit einschlaffelt. Die elektronische Komponente will auch eher zuhause bleiben, wo es sich ungestörter über die Orte reflektieren lässt, in denen die Angesungenen sich eventuell gerade anderweitig amüsieren, verdammenswert oberflächlich natürlich.
Bei Kieran Hebden mag man breit gefächerte musikalische Vorlieben bereits vermuten und die Tracklist löst gleich flächendeckend ein: Electro von Model 500, frickelige Elektronik von Akufen, düstere Breaks von Syclops, zappeliger Jazz von Heiner Stadler, unzweifelhafter Soul von Curtis Mayfield, schlauer Hip Hop von Madvillain, zickige No Wave-Disco von Julian Priester, verkopfter Indie-Kram von Quickspace Supersport, Prog Rock von Gong und noch viele smarte Einfälle mehr. Da fehlt fast nur noch der ganz käsige Hit als Kontrapunkt um das durchgehende Checkertum noch zu unterstreichen. Als Set erzählt das eine kluge Geschichte, die mit ein paar mehr gewitzten Übergängen den Vogel komplett abgeschossen hätte. Da wird er dann zuweilen zu David Mancuso.
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