A mix I contributed to the great website deeprhythms, run by Tomi Rotonen since 2001. That is quite the achievement and I hope it will go on for many years to come. Cheers Tomi!
Here are the liner notes:
And we’re back with another fine guest mix – this time by Finn Johannsen, familiar to those who frequently visit discogs and it’s board. I asked Finn for a mix and what a treat he provided us with! It’s not house – just great, great music, perfect for the summer, brings back a lot of memories. In his own words: “What led me to record ‘After Season’ was actually the old-fashioned desire to give something personal to my loved one on a lazy weekend when we both again forgot about the day we came together. We both didn’t really mind forgetting about it, as it had happened more often than not for some reason, but still we were getting a bit sentimental over the time we spent together and all we could share. I guess we all made tapes for our loved ones at some point for lack of better words and I felt this was a perfect occasion to revive that. Other than that I was getting a bit irritated by the recent flood of ‘balearic’ sets, many of which seemed more intent of displaying obscure beautiful mellow music than what was really played there from the late 80’s on. Being involved with club music back then meant you were automatically exposed to this style even if I was never really intentionally looking out for downtempo records. Still, I had some personal favourites then which I regularly revisited, so I wanted to assemble some classics of the deeper variety that always moved me, ranging from melancholia to bliss, with an admittedly large does of strings. Some of these, like Chris Rea and Electribe 101, are confirmed balearic classics, others like Marshall Jefferson’s mix of Dusty Springfield or Plaid’s take on Deee-Lite may not be so obvious and again others like the remix of Salt ‘n’ Pepa are just included because I have this opinion that the production talents of Blacksmith should never ever vanish from sight. You may, however, just take it for what I hope it would turn out to be, a pleasant set of fine tunes.”
Dusty Springfield – Nothing Has Been Proved (Instrumental) Massive Attack – Safe From Harm (Instrumental) The Beauty Room – Don’t You Know Deee-Lite – Try Me On (Plaid Remix) Reborn – Right To Be (Rocker HiFi Remix) Innocence – Senza Voce The Family Stand – Ghetto Heaven (The Remix) Soul Family Sensation – I Don’t Even Know If I Should Call You Baby (Symphony) Quartz – It’s Too Late (Overnight Mix) Electribe 101 – Talking With Myself (Next Big Thing Mix) Swing Out Sister – Notgonnachange (Mix Of Drama) Chris Rea – Josephine (La Version Francaise) Salt ‘N’ Pepa – Expression (Brixton Dub Mix) The Wiseguys – The Real Vibes Dream Warriors & Gang Starr – I Lost My Ignorance (Tim Bran Remix) Shanice – I Love Your Smile (Driza Bone Dub Remix)
Der Tag des Syndikatsaufräumers beginnt ausbaufähig, man hat ihm im Schlaf ein Gift injiziert und er muss nun sehr viel Stress haben, damit er nicht einfach tot umkippt. Jemand ist verantwortlich, es gibt eventuell ein Gegengift. Diese Prämisse reicht schon, danach kann man mit diesem Film eigentlich alles anstellen, und Regie und Skript halten sich dann auch nicht länger mit unnötigen Reflektionen auf. Der Mann läuft unablässig, wie eine Gym-Version von Belmondo, nur ist es nun nicht mehr ein „Abenteuer in Rio“, sondern eines in GTA San Andreas. Dinge, die man eben so macht, damit man nicht runterkommt und abkratzt: es zuerst mit dem gesamten Energydrinksortiment des Eckladens probieren, dann lieber gleich das Substanzenkontingent eines Berghain-Wochenendes rein in den Organismus, wahllos Leute hauen, dann mit wehender Dauerlatte die Stadt in Schutt und Asche legen. Da fallen fliegende Gliedmaßen an, flächendeckender Kameraheckmeck, Sexismus-Blutgrätschen und lauter echt toll verquaste Nebenprobleme. Jason Statham ist in der Lage, diesen irren Quatsch zu tragen, der Handlungsverlauf hat ein paar erstaunliche Störmanöver parat, und hätte man diesen Film einfach hierzulande in „Krank“ umgetauft, es wäre plausibel gewesen.
Nur gelegentlich gibt es Sichtungen vom Franzosen Stefan Manceau, der einst vor zehn Jahren in Detroit das Label Starbaby gründete, das er jetzt in seiner Heimat weiterführt. Dabei finden sich nicht nur bemerkenswerte Eigenproduktionen, sondern auch Veröffentlichungen und Remixe von Fabrice Lig, Dan Curtin und Morgan Geist im übersichtlichen Backkatalog. Für das französische Label mit dem dusseligen Namen nun also dieser Track, der verhalten an „Rej“ erinnert, vor dessen Opulenz aber stets auf weniger befahrene Straßen ausweicht, auf denen sich versprengte Spuren zu einem kribbeligen Funk zusammenschließen. Für Stefan Goldmann hingegen scheint das nur eine Startformation zu sein, denn sein Remix macht sich zielsicher in die Tiefe davon und ist dabei so umsichtig konstruiert, dass clevere Geräuschtransformationen und angezählte Melodieschlieren zwischen Vorder- und Hintergrund Kreise ziehen können. Das bewegt sich dann so kompakt voran als hätte man modernem Deep House zwischen Berlin und New York gerade noch rechtzeitig mit einem Stahllineal auf die Finger gepatscht, bevor sich das Arrangement ausladend zum großen Gefühl hochduseln konnte. Formstark.
Der Schwede Johan Agebjörn hat sich neben seinen Ambient-Projekten schon etwas länger in die Plastikherzen der Italo-Disco-Revisionisten gepoppt. Den Backkatalog muss er aber auch wirklich erschöpfend studiert haben und derart entschlossen beteuert er die für Italo typische falsche Unschuld, ersetzt aber die mediterrane Skrupellosigkeit in der Herangehensweise an Pop mit dem Anspruch eines mit Produktionsmitteln gut ausgestatteten Tüftlers, der sich ehrlich um den guten Song bemüht. Damit erreicht er zwar nicht den billigen Charme von Valerie Dore-Platten, aber die durchaus ähnliche Stimme von Sally Shapiro singt durchaus ähnliche Melodien in Stücken von elastischer Finesse und Texten voller ungeschickt zögerlicher Intimität und doch kalkulierender Verführungskraft, zu denen man eigentlich nur Getränke bestellen sollte, die in der Dunkelheit fahl leuchten, und wer zuerst auf der Tanzfläche den Blick erwidert, hat verloren.
Yentown bezeichnet sowohl Nicht-Japaner, die am Rande Tokyos dem Gaunerglück hinterherhustlen, als auch deren tristen Peripherie-Lebensraum, der mit dem schicken urbanen Futurismus anderer japanischer Megacity-Filme nicht mehr viel gemein hat. Chinesische und amerikanische Immigranten, die den gesellschaftlichen Statuscheck nicht bestanden haben, bilden hier eine streetsmarte Gemeinschaft von kleinkriminellen Stehaufmännchen, Huren, Junkies und kaputten Bohemiens, die wie gesellschaftliche Parasiten auf den Wirt warten, der sie in die Stadt bringt und doch schon zuviel trotzigen Stolz und Integrität entwickelt haben um sich im dortigen Milieu assimilieren zu können. Als die städtischen Yakuza bei einem Ausflug in dieses Niemandsland eine Blaupause für Falschgeld verlieren gerät dieser Haufen in Bewegung und drängt sich durch den Spalt zur sozialen Akzeptanz, doch das Leben dahinter ist ein ungastliches Terrain, das sich nur für den Preis der Selbstverleugnung und des Verrats besiedeln lässt. Je weiter die Individuen wieder nach Yentown zurückgedrängt werden, desto mehr laden sie sich wieder mit dessen Kraft auf und schlagen drastisch gegen die Zirkel der Großstadt aus. Im steten Bildstrom der flirrigen Handkamera wirft dieser Film den Zuschauer zwischen Momenten poetischer Intimität, karger Schönheit, kaputter Tragik und heftiger Gewalt hin und her die lange nachhallen und die Inszenierung wirkt nicht nur beim schrägen Ensemble und offensichtlichen Zitaten so, als wäre Inwai in einer dieser infernalischen Opiumhöllen Fellini erschienen, und beide hätten sich auf die Zersiebung filmischer Konventionen geeinigt.
Zwar gab es auch schon vorher formalexperimentelle Exkursionen im Schaffen Miikes, doch mit einer klassischen Theateraufführung war wohl nicht unbedingt zu rechnen. Miike sucht in seiner Inszenierung dabei nicht die polarisierende Konfrontation mit dem Medium, also etwa anhand eines direkten Bühnentransfers seiner Schocktaktiken aus berüchtigten Werken wie „Audition“, „Ichi – The Killer“ oder „Izo“, sondern bewegt sich durchaus in den Konventionen der Theaterregie. Wie schon bei Lars von Triers vergleichbaren Experimenten gibt es jedoch eine perspektivische Kameradramaturgie, die im minimalistischen Bühnenbild dem Treiben der Schauspieler folgt, von denen einige Gesichter auch in seinen Filmen zu finden sind. Inhaltlich balanciert Miike gekonnt komische und dramatische Züge im Kontext einer Legende, in der mythische und reale Welt koexistieren, was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann. Ein sehr schöner Stoff, mit dem Miike ohne zu moralisieren menschliche Gesellschafts- und Kulturtradition auseinandernimmt und ein paar Seitenhiebe in Richtung der Imperialisten aus Übersee gibt es noch obendrauf.
Jackie Chan ist ein wenig wie Gene Kelly, ein Bewegungsgenie, dem man seine Virtuosität nicht ansieht. Seine Art in Würde zu altern ist es, in dieser Hongkong-Großproduktion seinen geschundenen Körper in irrwitzigen Choreographien abermals zu malträtieren, jedoch in einem Film, der mit seinen Hollywood-Expeditionen nur noch wenig gemein hat. Das Brimborium, das hier aufgefahren wird, erfordert vielmehr die beträchtliche Auffassungsgabe eines Konsolenprofis, der nach einem zwanzigstündigen Arbeitstag in seiner kartongroßen Heimstatt zur Entspannung das Home Entertainment Center hochfährt. Es gibt alternierende, Jahrhunderte überbrückende Handlungsstränge zwischen Traum und Wirklichkeit, große Liebe, große Mythologien und Dynastien und allgemein großes Getöse in verstörenden Set Designs zwischen Kurosawa und Gilliam, mit Legionen von Komparsen. Es enthüllt sich das Rätsel der Tonsoldaten, der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt und ein Satz wie „Der Kaiser von China hat mit Hilfe des Meteoriten eine Welt der Schwerelosigkeit erschaffen“ ist im Zusammenhang weniger hanebüchen als er klingt. Der Subtext ist jedoch ein wehmütiger: eine Boom-Nation, die im Expansions- und Fortschrittsdrang ihre Werte verrät. Dieser Film zeigt eindrucksvoll, was man verliert.
I was still playing a lot of disco around Berlin then. And still being mostly informed by formative club experiences and digging finds of my youth. I was actually doing a lot in the there and now too, but if you had so many great memories and experiences, why not use them. Also I was 37 when I recorded this mix, and I never expected to still be playing records in clubs at that age. But instead of retiring I just kept going and granted myself the occasional look back. Also a lot of what I listened to many years ago was now in a revival/reissue loop already, so I never felt guilty.
Jeff Young – My Night Time Syncbeat – Music Hot Gossip – Soul Warfare Secession – Touch Altered Images – I Could Be Happy Thompson Twins – Lies Sharpe & Numan – Change Your Mind 400 Blows – Let The Music Play ABC – Be Near Me Cabaret Voltaire – Dream Ticket DAF – Brothers Clock DVA – The Act Gino Soccio – Turn It Around Frankie Valli – Let It Be Whatever It Is Sparks – Madonna Paul Haig – Running Away The Colourfield – Running Away Scritti Politti – Absolute Sly & Robbie – Make ‘Em Move
„I can’t even dance straight.” (Aufdruck eines Front-Tshirts)
Das gängige Club-Koordinatensystem in Hamburg Mitte der 80er bewegte sich irgendwo zwischen Mod-Kultur und Northern Soul sowie Post-Punk und Wave in Läden wie dem Kir und Disco-Poppertum im Trinity, Voilà oder Stairways. Welcher Hafen angelaufen wurde, entschied sich meistens danach, ob der Schwerpunkt der Planung auf Musik bzw. Tanzen, Mädchen oder Saufen gelegt werden sollte. Diese Komponenten kamen zwar manchmal auch an einem Ort befriedigend zusammen, aber in der Hansestadt wurde schon immer bei ersten Anzeichen von diesbezüglichen Ungleichgewichten der Standort verlagert. DJs mixten in der Regel nicht und die Musik war oft ziemlich durcheinander und demnach war man es auch gewohnt, nur hier und da zu tanzen und den Rest der Nacht anderweitig auszufüllen.
Etwas ab vom Schuss, Nähe Berliner Tor, gab es dann noch das Front, das Willi Prange 1983 eröffnet hatte. Der Stamm-DJ dort war ab 1984 der Kölner Klaus Stockhausen, der ebenso wie andere DJs in der Stadt eine Mischung aus Boogie, Synthpop, Electro, Hi-Energy und Italo auflegte. Dennoch hatte das Front im Rest der Stadt schnell diesen speziellen Status. Das lag einerseits sicherlich daran, dass das Publikum dem Vernehmen nach fast ausschließlich schwul war und sich nicht groß darum kümmerte, sich jedes Wochenende so abseits von Kiez oder Alster zusammenzufinden. Andererseits lag das aber auch vor allem an Stockhausen, der seinen Kollegen in vielerlei Hinsicht weit voraus war.
Von seinen besonderen Fertigkeiten als DJ erfuhr zuerst ich von einem meiner besten Freunde, der ein klein wenig älter war und schon ab 84 regelmäßig hinfuhr. Dort kaufte er Stockhausen irgendwann einen Schwung Live-Mitschnitte auf Kassette ab, für ganz schön gutes Geld, der Mann wusste eben was er wert war. Als ich die Tapes zum ersten Mal hörte, war ich ziemlich baff. Ich hatte ein langjähriges Faible für alle Arten von tanzbarer Musik, aber was man damit im Mix anstellen konnte war mir eher fremd. Ich erkannte Teile meiner Plattensammlung wieder, aber irgendwie klangen die anders, energetischer und aufregender. Es liefen viele instrumentale Versionen, versetzt mit Soundeffekten, Scratches und Acapellas. Verschiedene Platten liefen minutenlang zusammen, oder Teile davon nur wenige Sekunden. Die meiste Zeit konnte ich die Stücke gar nicht auseinanderhalten. Ich hatte keinen Schimmer, wie man so was hinbekommt. Die Musik-Auswahl war dabei durchweg geschmackssicher und abenteuerlustig zugleich. Live muss das der Hammer sein, dachte ich.
Tatsächlich waren die Nächte im Front zu dieser Zeit schon ziemlich ausgelassen, doch richtig Fahrt kam ab Ende 85 auf, als bei Tractor und später Rocco und Container Records die ersten House-Importe eintrafen. Ich bekam House erst mit, als „Jack Your Body“ und „Love Can’t Turn Around“ 1986 plötzlich Hits wurden, aber es gefiel mir auf Anhieb. Es erschien wie die perfekte Synthese von allen möglichen Club-Stilen, war aber gleichzeitig total primitiv und direkt. Eine verheißungsvolle Variante in der Chronologie von Disco sozusagen. Im Front wurde House nach Ohrenzeugen vom Fleck weg vereinnahmt, es gab zwar nicht viele Platten zu kaufen, aber was verfügbar war, wurde auch gespielt. Die europäische Clublandschaft ist sicherlich zu diffus und weitläufig, um wirklich exakt die historischen Initialzündungen zu benennen, aber wenn man sich mit der entsprechenden Geschichtsschreibung in anderen Ländern befasst, war Hamburg verdammt früh dran, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Die regelmäßigen Wochenendgäste aus England schienen sich jedenfalls mit voller Absicht zum Tanzen in die touristisch unterentwickelte Gegend am Heidenkampsweg zu verirren.
Das erste Mal dass ich tatsächlich ein Teil der schrägen Schlange wurde, die sich zeitig vor den Stiegen abwärts sammelte, war Anfang 87. Ich war fast volljährig und etwas angespannt. Die coolen Typen um mich herum schienen es kaum abwarten zu können, von dem mürrischen Kerl mit dem Schnauzbart durchgewunken zu werden, der die Tür zu dem Keller verwaltete. Das Publikum bestand zur stolzen Mehrheit aus schönen Jungs in glammigen Outfits und halbnackt-muskulösen Lederkerls, und es war zahlreich erschienen und schrie sich auf der Tanzfläche bereits geschlossen die Seele aus dem Leib. Der Club an sich war absolut unglamourös. Karg war noch untertrieben. Die Wände waren nackt bis auf ein paar Notausgangschilder, auf denen ab und zu „Danger“ aufblinkte und gelegentliche Diaprojektionen mit Worthülsen wie „I mean…is he…“ oder „…and suddenly…“. Die Tanzfläche war gesäumt von niedrigen Podesten mit Geländer, die einen bei der niedrigen Decke noch näher an die fiesen Horn-Hochtöner brachten, Bestandteile einer Anlage, die nicht unbedingt gut war, aber sehr effektiv und vor allem sehr laut.
Die Lightshow bestand lediglich aus verschiedenfarbigen Neonröhren, die sich über der ganzen Tanzfläche erstreckten und in unnachvollziehbaren Intervallen ins Dunkel blitzten. Und im Gegensatz zu anderen Hamburger Clubs war es sehr dunkel, gepaart mit einem ungemein stickigen Dunst von mehr oder weniger nackten Körpern und Poppers, der stetig von der Decke tropfte und als dichter Nebelschwall über die Belüftung direkt neben den Eingang wieder auf die Straße zurückgeleitet wurde, als sollte er wie der Rauch bei der Papstfindung der Außenwelt künden, was für eine Stufe des Exzesses dieses Wochenende gemeinsam erreicht wurde.
Man kam eher zum Tanzen als zum Posen ins Front, auch wenn man bei Bedarf beides gleichzeitig konnte, und ließ sich von der wummernden Pracht von links nach rechts schicken. Die Stimmung war physisch und bis zum Anschlag sexuell aufgeladen. Die Front Kids hatten ihren Tempel eingerichtet und huldigten dem Hedonismus mit bedingungsloser Loyalität. Alles war egal, solange es Spaß machte. Wenn man sich überhaupt von der Tanzfläche entfernen wollte, waren die einzigen Ablenkungen eine Theke mit ein paar Bänken ein Gewölbe tiefer, deren Zapfanlage unter Gejohle von mitfeiernden Barleuten zum Beat bearbeitet wurden, die nicht selten im Torerokostüm den Dienst antraten, ferner notorische Toiletten mit äußerst regem Verkehr und deaktivierter Geschlechtertrennung sowie ein Flipper, der nie funktionierte.
Der ganze Überschwang hatte souveräne Methode, die von einem DJ-Bereich gesteuert wurde, der sich in einem wesentlichen Punkt von anderen unterschied; man konnte den DJ nicht sehen. Die Kanzel war eine erhöhte dunkle Box, die von der Tanzfläche aus durch eine Tür zugänglich war, der DJ schaute durch zwei winzige Schießscharten heraus und war selbst nur schemenhaft zu erkennen. Das hatte durchaus den Effekt, dass man sich auf die Musik konzentrierte bzw. dass die Musik teilweise wie aus einer anderen Welt herübergesendet kam, obwohl man sich natürlich sehr wohl bewusst war, dass der zuständige Zeremonienmeister etwas Besonderes war, was denn auch mit viel Geschrei auf dem Floor honoriert wurde.
Eine konsequente Absage an die fortschreitende Personifizierung des DJs, aufgrund derer Stockhausen schließlich 91 für immer die Kopfhörer für eine ebenso erfolgreiche Karriere als Moderedakteur bekannter Lifestylemagazine niederlegte. Wie er aussah wusste ich erst Jahre später dank einer Fotostrecke in einem Stadtmagazin, es war auch nicht wichtig. Gleiches galt auch für seinen überaus talentierten Nachfolger Boris Dlugosch, der ab 1986 Stockhausens Protegé war und nach dessen Rückzug den Taktstock übernahm und ebenso stilprägend die nächste Ära des Clubs dirigierte und weitere DJs wie Michael Braune, Michi Lange, Sören Schnakenberg und Merve Japes. Promis wurden vermehrt gesichtet, aber kaum beachtet. Diese Rahmenbedingungen sollten sich für die nächsten Jahre nur unwesentlich ändern. Es gab Rituale wie den Laster von einer Quadrophonie-Testplatte, der bei gelöschtem Licht durch den Raum knatterte und meistens die Schlussphase mit einem Rückblick auf Disco-Klassiker einläutete, die allerdings auf dem Front-Soundsystem klangen, als wären sie in einem Kugelblitz wiedergeboren worden. Es gab diverse zügellose und Spezialveranstaltungen mit wechselndem Motto und den jährlichen Geburtstagsrausch, bei dem immer noch eine Schippe draufgelegt wurde. Unvergessen dabei der Auftritt eines unbescholtenen Straßenmusikers, der anlässlich des ersten Golfkriegsausbruchs von der Einkaufsmeile wegengagiert wurde und dann nervös vor dem ekstatischen Auditorium „Give Peace A Chance“ klampfte.
Bei der Entwicklung von House und allen daraus resultierenden Stilarten war das Front in den folgenden Jahren eine unerbittliche Messlatte. Zuerst kam die Acid-Phase, die auch über andere Neueröffnungen wie das Opera House, Shag oder das Shangri-La die ganze Stadt eroberte, und Detroit Techno wurde in der ersten Welle herzlich umarmt. Ausflüge in Clubs anderer Städte zu dieser Zeit vermochten im Vergleich nicht so recht zu überzeugen, man freute sich bereits auf das nächste Heimspiel. Ab 89 kamen die New Yorker Hybriden aus Techno und House der Marke Nu Groove und Strictly Rhythm dazu, und man verneigte sich gelegentlich vor den Post-Acid-Entwicklungen der Insel, Bleeps etwa, oder Shut Up And Dance und 4 Hero, damals noch Breakbeat Techno genannt.
Als Techno sich ab 91 mehr und mehr über Härte definierte, besann man sich im Front jedoch auf die hauseigene Tradition des Groove und überließ das Geheize Läden wie dem ersten Unit. Die Anteile von Garage und Deep House wurden unter der Ägide von Dlugosch quasi über Nacht nach vorne gemischt, ohne dass die unbeschwerte Dynamik auf dem Floor Einbußen erlitt, der Rausch klang nur etwas anders. Das Front verband Schub mit Stil und hatte seine Jünger bestens mit House erzogen und so wurde aus Hamburg, im Vergleich zu anderen Metropolen, nie eine Technostadt.
Der Club wurde in der Face, im I-D und in der Tempo als Weltklasse bestaunt und war auch mit Dlugosch mindestens auf Augenhöhe mit Clubs der reinen Lehre in den USA oder England und in Kontinentaleuropa lange Jahre praktisch konkurrenzlos, was nicht zuletzt dadurch untermauert wurde, dass das Front auch sehr früh begann, die Heldengestalten aus Übersee zu buchen. DJ Pierre versagte Wild Pitch und machte das mit Acid trifft Garage wieder wett, Mike Hitman Wilson versagte einfach völlig, Frankie Knuckles legte ein Handtuch um und eine Flasche Cognac und Tischventilator vor sich und breitete das große Gefühl aus, die Murk Boys waren gegenseitige Liebe auf den ersten Blick und Derrick May wollte gar nicht mehr aufhören.
Diese ersten Gäste vermittelten aber auch Einblicke in andere Szenen, was immer mehr Clubgänger interessierte und die Konkurrenz in der eigenen Stadt nahm zu und bediente sich beim Standard des Front. Die schwule Basis fühlte sich mehr und mehr von Neugierigen bedrängt und die Faces der ersten Generation zogen sich langsam zurück, der Geist der Pionierzeit verlor auch in der Musik an Strahlkraft und selbst die Nachttanke um die Ecke war plötzlich nicht mehr da.
Dennoch empfand ich es wie viele als Privileg, speziell an diesem Ort live zu hören wie sich das Haus erbaute, in dem wir heute noch allesamt wohnen. Nur lief die Chose irgendwann von ganz allein und an anderen Orten und ich ging ab 94 immer sporadischer hin, bis mich dann 97 die Nachricht von der Abschiedsparty wachrüttelte. Ich zog es vor, es in Erinnerung zu behalten wie es zu besten Zeiten war und bin nicht hingegangen. Das Inventar wurde später, einer echten Clublegende angemessen, wie Reliquien meistbietend versteigert.
Das perfekte Souvenir hatte ich aber ohnehin schon, es ziert noch immer meine Zimmertür: das Schild von der Damentoilette, mysteriöserweise eines Sonntagmittags auf meinem T-Shirt klebend, als ich in voller Montur auf dem Fußboden eines Kumpels aufwachte. Gute Zeiten. Klaus Stockhausen ist immer noch der beste DJ, den ich jemals gehört habe und die Intensität des Clubs bleibt für mich selbst minus sentimentaler Verklärung unübertroffen. Es hat mich tief geprägt. Wenn ich von Berlin nach Hamburg hineinfahre werfe ich jedes Mal einen verstohlenen Blick auf das Leder-Schüler-Gebäude und habe Musik im Kopf. This used to be my playground.
Mit besonderem Dank an Walter Fasshauer, Patrick Lazhar und Frank Ilgener.
Groove 11/06
Danke für alles, Willi Prange und Phillip Clarke… R.I.P.
Von allen Exzentrikern im House ist Johnny Dangerous ganz weit oben in der Thronfolge und dies ist sein erstes Opus. Kaputte Spuren von Love Committee und Eddie Kendricks trudeln durch ein psychedelisches Meisterwerk in vier Aufzügen, in dem Phaser auf gut Glück in die Dunkelheit schießen, die Basslines sich mindestens vom Kern der Erde in die sündigen Großstädte zurückwühlen und die Tastenklänge sich meilenweit in ungeahnte Tiefen schlieren, wobei darüber der Schöpfer dieser wahrhaft erschütternden Musik ungerührt über unser aller sterbliche Hoffnung und Verdammnis philosophiert. Die archaische Steintafel des Deep House, you better believe.
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