Renaissance (Ascot Elite)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Ein Animationsfilm in scharfen Schwarz-Weiß-Kontrasten, dessen Figuren durch Abfilmung realer Bewegungsabläufe bei aller Stilisierung einnehmend wirklichkeitsnah geraten sind, und dessen visuelle Detailwucht erstaunlich ist. Ein Comic läuft hier ab und in jedem Still gibt es soviel zu betrachten, dass die geistige Verarbeitung dessen sich erstmal einpendeln muss, bevor man dies als bloßen Feature-Film anschauen kann, der sich bei seinen Motiven gerne der originären Vorgaben von Ridley Scott über Mamoru Oshii bis Frank Miller bedient und sich auf der Handlungsebene dezidiert in die Tradition von Film-Noir-Erzählstrukturen im Sci-Fi-Genre einhakt. Auf der Bildebene ergeben sich so einerseits schöne Zitatpuzzle, anderseits jedoch auch eigenständige Momente mit langem Nachhall, und vor allem in der Ausarbeitung der atmosphärischen und technischen Einzelheiten wird das Potential des Mediums voll ausgeschöpft. Dieses Maß an Akribie und Erfindergeist vermisst man im Vergleich umso mehr beim Skript, denn der Plot bietet wenig mehr als das übliche Gemisch von mysteriösen Schönheiten, gebrochenen Cops, Wissenschaftlern im Hybrismodus und korrupter Corporate-Obrigkeit, das sich ziemlich berechenbar durch schematische Dialoge und Wendungen laviert. Das Drehbuch hinkt so oft der optischen Entschlossenheit hinterher heutzutage, das ist wirklich merkwürdig.

De:Bug 03/07


The Killer (e-m-s)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

In diesem Film fährt John Woo alle Parameter auf, die einen Hitman-Film ausmachen. Der perfektionistische Killer, der Kollateralschaden in Person der Sängerin, die einem Auftrag in die Quere kommt und dadurch ihr Augenlicht zu verlieren droht, die Zwickmühle inmitten von illoyalen Auftraggebern und einkreisenden Gesetzesvertretern. Alles ist am angestammten Platz und wird furios durch Peckinpah entlehnte Zeitlupen-Shootouts und –Standoffs, irrwitzige Situationhektik, raffinierte Setarchitektur, kitschige Musik und ordentlich Pathos potenziert. Bis zu den Tauben in der Kirche ist ganz Hongkong ein Ozean von Blut, Schuld und archaischen Konfliktkonstellationen. Einen Großteil seines Reizes erhält dieses Epos aber nicht durch das organische und anorganische Material, das hier durch die Luft fliegt, sondern durch die grundgütige Ehrlichkeit des idealistischen Überzeugungstäters, mit der Woo seine thematischen Schwerpunkte verfolgt. Bei aller Coolness seiner Figuren und der eleganten Verführung seiner Choreografiemassaker wird er da ganz pur und milde, als wäre er in der unwirklichen Stille eines Wirbelsturmzentrums aufgewacht, während alles rundherum tost, und hätte die Zusammenhänge erkannt.

De:Bug 03/07


Withnail & I (Sunfilm)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Auf der Insel kann so ziemlich jeder dieses Porträt der verkorksten Zweckgemeinschaft zweier arbeitsloser Schauspieler frei zitieren, die sich im Camden der späten 60er in einem zur Vorhölle verkommenen Stadthaus schon bis zum Feuerzeugbenzin an der Realität vorbeigesumpft haben. Obwohl sie kaum noch genug Kleingeld und Klarheit für die elementare Grundausstattung des täglichen Lebens aufbringen können, bleiben sie unerschütterlich von der eigenen Größe überzeugt und schlingern sich mit Situationszynismus fortwährend zur nächstbesten Gelegenheit, ihren Dauerzustand vollbreiter Ignoranz verlängern zu können. Sturmreif geschossen durch den Dauerclinch mit noch willenloseren Drogentypen, gleichgültigen Agenten, den allgemeinen normalen Repräsentanten der Gesellschaft und ihrer eigenen aufgeweichten Psyche und Physis, entschließen sie sich zu einer wirren Landpartie, im Verlauf derer sie sich durch haarsträubende Episoden mit dem schwul-exzentrischen Onkel Withnails, merkwürdiger Landbevölkerung und überhaupt einem fremden und feindlichen Lebensraum schlingern. In Buch und Regie von Bruce Robinson dieses 1987 entstandenen, großartigen Films gibt es kaum ablenkendes Beiwerk, alles was zählt ist der schonungslose Einblick in das Chaos dieser Lotter-Bohemiens, die sich in ihrer abgekapselten Logik um die Erkenntnis herumdrücken, dass es so nicht weitergehen kann und dann am Ende feststellen, dass es so auch nicht weitergehen wird.

De:Bug 03/07


Finn Johannsen – After Season (deeprhythms.com Mix #20)

Posted: January 13th, 2007 | Author: | Filed under: Mixes | Tags: , , , , | No Comments »

A mix I contributed to the great website deeprhythms, run by Tomi Rotonen since 2001. That is quite the achievement and I hope it will go on for many years to come. Cheers Tomi!

Here are the liner notes:

And we’re back with another fine guest mix – this time by Finn Johannsen, familiar to those who frequently visit discogs and it’s board. I asked Finn for a mix and what a treat he provided us with! It’s not house – just great, great music, perfect for the summer, brings back a lot of memories.
In his own words: “What led me to record ‘After Season’ was actually the old-fashioned desire to give something personal to my loved one on a lazy weekend when we both again forgot about the day we came together. We both didn’t really mind forgetting about it, as it had happened more often than not for some reason, but still we were getting a bit sentimental over the time we spent together and all we could share. I guess we all made tapes for our loved ones at some point for lack of better words and I felt this was a perfect occasion to revive that.
Other than that I was getting a bit irritated by the recent flood of ‘balearic’ sets, many of which seemed more intent of displaying obscure beautiful mellow music than what was really played there from the late 80’s on. Being involved with club music back then meant you were automatically exposed to this style even if I was never really intentionally looking out for downtempo records. Still, I had some personal favourites then which I regularly revisited, so I wanted to assemble some classics of the deeper variety that always moved me, ranging from melancholia to bliss, with an admittedly large does of strings. Some of these, like Chris Rea and Electribe 101, are confirmed balearic classics, others like Marshall Jefferson’s mix of Dusty Springfield or Plaid’s take on Deee-Lite may not be so obvious and again others like the remix of Salt ‘n’ Pepa are just included because I have this opinion that the production talents of Blacksmith should never ever vanish from sight. You may, however, just take it for what I hope it would turn out to be, a pleasant set of fine tunes.”

Dusty Springfield – Nothing Has Been Proved (Instrumental)
Massive Attack – Safe From Harm (Instrumental)
The Beauty Room – Don’t You Know
Deee-Lite – Try Me On (Plaid Remix)
Reborn – Right To Be (Rocker HiFi Remix)
Innocence – Senza Voce
The Family Stand – Ghetto Heaven (The Remix)
Soul Family Sensation – I Don’t Even Know If I Should Call You Baby (Symphony)
Quartz – It’s Too Late (Overnight Mix)
Electribe 101 – Talking With Myself (Next Big Thing Mix)
Swing Out Sister – Notgonnachange (Mix Of Drama)
Chris Rea – Josephine (La Version Francaise)
Salt ‘N’ Pepa – Expression (Brixton Dub Mix)
The Wiseguys – The Real Vibes
Dream Warriors & Gang Starr – I Lost My Ignorance (Tim Bran Remix)
Shanice – I Love Your Smile (Driza Bone Dub Remix)


Crank (Universum)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

Der Tag des Syndikatsaufräumers beginnt ausbaufähig, man hat ihm im Schlaf ein Gift injiziert und er muss nun sehr viel Stress haben, damit er nicht einfach tot umkippt. Jemand ist verantwortlich, es gibt eventuell ein Gegengift. Diese Prämisse reicht schon, danach kann man mit diesem Film eigentlich alles anstellen, und Regie und Skript halten sich dann auch nicht länger mit unnötigen Reflektionen auf. Der Mann läuft unablässig, wie eine Gym-Version von Belmondo, nur ist es nun nicht mehr ein „Abenteuer in Rio“, sondern eines in GTA San Andreas. Dinge, die man eben so macht, damit man nicht runterkommt und abkratzt: es zuerst mit dem gesamten Energydrinksortiment des Eckladens probieren, dann lieber gleich das Substanzenkontingent eines Berghain-Wochenendes rein in den Organismus, wahllos Leute hauen, dann mit wehender Dauerlatte die Stadt in Schutt und Asche legen. Da fallen fliegende Gliedmaßen an, flächendeckender Kameraheckmeck, Sexismus-Blutgrätschen und lauter echt toll verquaste Nebenprobleme. Jason Statham ist in der Lage, diesen irren Quatsch zu tragen, der Handlungsverlauf hat ein paar erstaunliche Störmanöver parat, und hätte man diesen Film einfach hierzulande in „Krank“ umgetauft, es wäre plausibel gewesen.

De:Bug 01/07


It – Women In Toilet (Electro-Choc)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , | No Comments »

 

Nur gelegentlich gibt es Sichtungen vom Franzosen Stefan Manceau, der einst vor zehn Jahren in Detroit das Label Starbaby gründete, das er jetzt in seiner Heimat weiterführt. Dabei finden sich nicht nur bemerkenswerte Eigenproduktionen, sondern auch Veröffentlichungen und Remixe von Fabrice Lig, Dan Curtin und Morgan Geist im übersichtlichen Backkatalog. Für das französische Label mit dem dusseligen Namen nun also dieser Track, der verhalten an „Rej“ erinnert, vor dessen Opulenz aber stets auf weniger befahrene Straßen ausweicht, auf denen sich versprengte Spuren zu einem kribbeligen Funk zusammenschließen. Für Stefan Goldmann hingegen scheint das nur eine Startformation zu sein, denn sein Remix macht sich zielsicher in die Tiefe davon und ist dabei so umsichtig konstruiert, dass clevere Geräuschtransformationen und angezählte Melodieschlieren zwischen Vorder- und Hintergrund Kreise ziehen können. Das bewegt sich dann so kompakt voran als hätte man modernem Deep House zwischen Berlin und New York gerade noch rechtzeitig mit einem Stahllineal auf die Finger gepatscht, bevor sich das Arrangement ausladend zum großen Gefühl hochduseln konnte. Formstark.

De:Bug 01/07


Sally Shapiro – Disco Romance (Diskokaine)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

 

Der Schwede Johan Agebjörn hat sich neben seinen Ambient-Projekten schon etwas länger in die Plastikherzen der Italo-Disco-Revisionisten gepoppt. Den Backkatalog muss er aber auch wirklich erschöpfend studiert haben und derart entschlossen beteuert er die für Italo typische falsche Unschuld, ersetzt aber die mediterrane Skrupellosigkeit in der Herangehensweise an Pop mit dem Anspruch eines mit Produktionsmitteln gut ausgestatteten Tüftlers, der sich ehrlich um den guten Song bemüht. Damit erreicht er zwar nicht den billigen Charme von Valerie Dore-Platten, aber die durchaus ähnliche Stimme von Sally Shapiro singt durchaus ähnliche Melodien in Stücken von elastischer Finesse und Texten voller ungeschickt zögerlicher Intimität und doch kalkulierender Verführungskraft, zu denen man eigentlich nur Getränke bestellen sollte, die in der Dunkelheit fahl leuchten, und wer zuerst auf der Tanzfläche den Blick erwidert, hat verloren.

De:Bug 01/07


Yentown (Rapid Eye Movies)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Yentown bezeichnet sowohl Nicht-Japaner, die am Rande Tokyos dem Gaunerglück hinterherhustlen, als auch deren tristen Peripherie-Lebensraum, der mit dem schicken urbanen Futurismus anderer japanischer Megacity-Filme nicht mehr viel gemein hat. Chinesische und amerikanische Immigranten, die den gesellschaftlichen Statuscheck nicht bestanden haben, bilden hier eine streetsmarte Gemeinschaft von kleinkriminellen Stehaufmännchen, Huren, Junkies und kaputten Bohemiens, die wie gesellschaftliche Parasiten auf den Wirt warten, der sie in die Stadt bringt und doch schon zuviel trotzigen Stolz und Integrität entwickelt haben um sich im dortigen Milieu assimilieren zu können. Als die städtischen Yakuza bei einem Ausflug in dieses Niemandsland eine Blaupause für Falschgeld verlieren gerät dieser Haufen in Bewegung und drängt sich durch den Spalt zur sozialen Akzeptanz, doch das Leben dahinter ist ein ungastliches Terrain, das sich nur für den Preis der Selbstverleugnung und des Verrats besiedeln lässt. Je weiter die Individuen wieder nach Yentown zurückgedrängt werden, desto mehr laden sie sich wieder mit dessen Kraft auf und schlagen drastisch gegen die Zirkel der Großstadt aus. Im steten Bildstrom der flirrigen Handkamera wirft dieser Film den Zuschauer zwischen Momenten poetischer Intimität, karger Schönheit, kaputter Tragik und heftiger Gewalt hin und her die lange nachhallen und die Inszenierung wirkt nicht nur beim schrägen Ensemble und offensichtlichen Zitaten so, als wäre Inwai in einer dieser infernalischen Opiumhöllen Fellini erschienen, und beide hätten sich auf die Zersiebung filmischer Konventionen geeinigt.

De:Bug 01/07

 

 


Demon Pond (Rapid Eye Movies)

Posted: December 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Zwar gab es auch schon vorher formalexperimentelle Exkursionen im Schaffen Miikes, doch mit einer klassischen Theateraufführung war wohl nicht unbedingt zu rechnen. Miike sucht in seiner Inszenierung dabei nicht die polarisierende Konfrontation mit dem Medium, also etwa anhand eines direkten Bühnentransfers seiner Schocktaktiken aus berüchtigten Werken wie „Audition“, „Ichi – The Killer“ oder „Izo“, sondern bewegt sich durchaus in den Konventionen der Theaterregie. Wie schon bei Lars von Triers vergleichbaren Experimenten gibt es jedoch eine perspektivische Kameradramaturgie, die im minimalistischen Bühnenbild dem Treiben der Schauspieler folgt, von denen einige Gesichter auch in seinen Filmen zu finden sind. Inhaltlich balanciert Miike gekonnt komische und dramatische Züge im Kontext einer Legende, in der mythische und reale Welt koexistieren, was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann. Ein sehr schöner Stoff, mit dem Miike ohne zu moralisieren menschliche Gesellschafts- und Kulturtradition auseinandernimmt und ein paar Seitenhiebe in Richtung der Imperialisten aus Übersee gibt es noch obendrauf.

De:Bug 12/06


Der Mythos (Splendid)

Posted: December 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Jackie Chan ist ein wenig wie Gene Kelly, ein Bewegungsgenie, dem man seine Virtuosität nicht ansieht. Seine Art in Würde zu altern ist es, in dieser Hongkong-Großproduktion seinen geschundenen Körper in irrwitzigen Choreographien abermals zu malträtieren, jedoch in einem Film, der mit seinen Hollywood-Expeditionen nur noch wenig gemein hat. Das Brimborium, das hier aufgefahren wird, erfordert vielmehr die beträchtliche Auffassungsgabe eines Konsolenprofis, der nach einem zwanzigstündigen Arbeitstag in seiner kartongroßen Heimstatt zur Entspannung das Home Entertainment Center hochfährt. Es gibt alternierende, Jahrhunderte überbrückende Handlungsstränge zwischen Traum und Wirklichkeit, große Liebe, große Mythologien und Dynastien und allgemein großes Getöse in verstörenden Set Designs zwischen Kurosawa und Gilliam, mit Legionen von Komparsen. Es enthüllt sich das Rätsel der Tonsoldaten, der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt und ein Satz wie „Der Kaiser von China hat mit Hilfe des Meteoriten eine Welt der Schwerelosigkeit erschaffen“ ist im Zusammenhang weniger hanebüchen als er klingt. Der Subtext ist jedoch ein wehmütiger: eine Boom-Nation, die im Expansions- und Fortschrittsdrang ihre Werte verrät. Dieser Film zeigt eindrucksvoll, was man verliert.

De:Bug 12/06


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