Spätestens seitdem die Gibb-Brüder ab Mitte der 1970er höchst erfolgreich auf Tanzfläche umschalteten, war klar, dass Disco als System offen genug war, auch das Karrieretief von anderen Künstlern zwischen MOR-Soft Rock und Country aufzufangen. Wem Disco in der klassischen Ausprägung zu schwarz oder zu schwul war, konnte alsbald Stücke auf Alben in diesem weiten Feld finden, die sich entweder zaghaft über R&B-Anleihen oder wagemutig über 4/4-Funktionalität an die Glitzerclubs der großen Städte annäherten. Es dauerte gleichermaßen nicht lang bis die dortigen DJs erkannten, dass es der notwendigen Emotionalität ihrer Morgenstunden-Sets absolut nicht schadete, klassische Disco- und Soulballaden mit ein paar flashigen Rockschiebern zu verbinden. Das Grundgefühl zählte, und die Barrieren zwischen den Songwriting-Traditionen waren nicht mehr hoch genug um zu verhindern, dass sich eine Schnittmenge vormaliger Antipoden ergab, an der sowohl jene Freude haben konnten, denen Clubkultur eigentlich nichts bedeutete, als auch jene, denen Rock per se zu unfunky und weißbrotig war. Wenn man sich die gegenwärtige Renaissance von discoiden Rocksongs anschaut, ist das im Prinzip auch so geblieben, auch wenn diese ungleiche Liebesaffäre in der Disco-Ära eine Episode blieb, die allen Beteiligten in der späteren Rückschau eher unangenehm war. „Lotta Love“ von 1978 ist jedenfalls die Krone dieser Schöpfungen. Eine Neil Young-Backgroundsängerin interpretiert einen Song desselben, und wie so oft bei ihm entwickelt sich der Song erst in der Coverversion zu einem atemberaubenden Großereignis (siehe auch die ähnlich gelagerte Version von „Only Love Can Break Your Heart“ von Elkie Brooks). Auf dem dazugehörigen Album von Nicolette Larson ist der Song noch traditioneller Country Rock, schön auch, aber ohne jegliche Dancefloor-Traute. Die ergab sich erst durch den wunderschönen Mix von Jim Burgess, der den Song an den entscheidenden Stellen aufpolsterte und somit zur endgültigen Hymne all derer machte, die an strategisch ungemein wichtigen Punkten der Nacht bzw. des Morgens eine gehörige Dosis Liebe benötigen. Nicht die bedingungslose, überwältigende Liebe, die als Ideal alles in Schutt und Asche legt, aber in der Realität als nicht überlebensfähiges Trugbild verpufft. Es geht um die Liebe, in der man gibt und nimmt, die Liebe, die man sich gemeinsam erschließt, allen Unwegsamkeiten zum Trotz, um davon ein Leben lang gut zu haben.
Nach einer sehr schick verknappten Erstauflage im Webshop von Innervisions mit dem Mehrwert der Alternativversionen, überbringt Gerd Janson nun regulär seine Botschaft vom Planet Liebe den ungeduldig ausharrenden Beardo-Astronomen. Sie werden es huldvoll empfangen, denn „Voice Of Planet Love“ ist ein wirklich sehr gelungener Track, der über zehn Minuten den Boogie-Groove von Jackie Moores „This Time Baby“, Nu Groove-Atmosphäre und Phuture-Vocals zu einem trippigen Gipfeltreffen zusammenbringt, und damit nicht nur die eigenen musikalischen Vorlieben in einem Rutsch abklatscht, sondern auch die einer amorphen Zielgruppe, die sich ihr House nicht ohne Geschichte und schon gar nicht ohne Disco vorstellen kann. Innervisions revanchieren sich auf der B-Seite für die Erstverwertungsrechte mit zwei Remixen, die ähnlich konsequent auf eben dem ihren Turf stattfinden. Marcus Worgull bedient sich bei seinem äußerst knackigen Groove im New York der frühen 90er, und lässt dazu noch mal den eigenen Drachen raus, was prima zusammenpasst. Dixon verfährt mit ähnlichen Akkordfolgen und verbeugt sich nicht nur mit Bassline und Handclaps vor der Alten Schule, er gönnt uns sogar ein echtes DJ International-Piano. Im Vergleich zu Worgull hat sein Groove weniger Bums, aber dafür bietet seine Dramaturgie mehr Gelegenheiten für euphorische Kollektivmomente in großen Räumen.
William T Burnett alias Speculator unterhält von Brooklyn schon seit Jahren die schrullige Diggerwissen-Sendung „Short Bus Radio“ und hat nun sein eigenes Label gegründet. Die erste 12“ ist überraschend housig, und nicht nur das, sie ist schlichtweg sensationell. Bei $tinkworx holpern sich trunkene Pianos und wehmütige Flächen und eine Acid-Bassline in einen absolut wundervollen zehnminütigen Taumel, bei dem man jeden Laternenpfahl mitnehmen würde, wenn man ihn auf dem Nachhauseweg lautstark in den Ohren hätte. Kinoeye AKA Datahata ebenso bestechend, mit einem launischen Spoken Word-Track, bei dem über rumpelige Beats, Bleeps und leicht manische Kreiselsounds die eigene Entschlossenheit angesichts der Dreckswelt hochgehalten wird. Suck on this, Wohlklangfraktion.
Ich kann mir nicht helfen, bei Library Music stelle ich mir immer biedere Studiomusiker vor, die stündlich einen artfremden Gemütszustand abrufen müssen und dabei ungehalten vom Mann am Mischpult zurechtgewiesen werden. „Hallo? Die Vorgabe war Love-in in Monterey und nicht Stadtfest in Kitzbühel! Das geht doch wohl schon noch ein bisschen freakiger, die Herren? Also noch mal von vorn, und gerne ein bisschen mehr Tempo, wir essen zeitig“. So in etwa. Bei dem Personal dieser Aufnahmen bin ich mir aber nicht so sicher. Es könnte sich auch um verhinderte Gegenkulturaspiranten handeln, die mit Muckerjobs die Kasse aufbessern, bis sie endlich gen Westen ziehen und ihr Konzeptalbum verwirklichen können. Vielleicht hat man sich vor dem Aufnahmetermin aber auch einfach nur sehr gründlich mit Stimulanzien in Stimmung gebracht, so wie es hartnäckig von den Zeichnern der klassischen Disney-Filme kolportiert wird, um deren ausgehakte Fantasiewelten wenigstens ansatzweise erklären zu können. So oder so, auch der zweite Teil von „Space Oddities“ ist wunderbar kuratiert, diesmal deutlich psychedelischer, und voller erstaunlicher Kleinode, die vollkommen gerechtfertigt vor dem Schicksal bewahrt gehören, irgendwo zwischen Kaminklassik, Südseegezupfe, Lagerfeuerromantikgeschmuse und sonstigen Fetenhits in einer Curver-Box unter dem Flohmarktisch ihre letzten Tage verbringen müssen.
The Druffalo rave saga continues. This time round the Druffalo Hit Squad travels back to the classic sound of Motor City. No, we didn’t ask for permission.
Never On Sunday – The Journey (Retroactive) Constant Ritual – Hard Way To Come (Network) Psyche – Elements (Planet E) R Tyme – R Theme (Transmat) Mia Hesterley – Spark (Ten) Intercity – Out Of Control (KMS) Neal Howard – Perpetual Motion (Future Sound) Vice – Mindmelt (430 West) Suburban Knight – The Worlds (Transmat) Reese – Bassline (Fragile) H&M – Sleepchamber (Axis) M5003MB – The Cosmic Courier (Metroplex) Open House Feat. Placid Angles – Aquatic (Retroactive) Octave One – Octivate (430 West) Mayday – Nude Photo 88 (Kool Kat) Model 500 – Electronic (Metroplex) Blake Baxter – Forever And A Day (Ten) Esser – Forces (KMS) 69 – My Machines (Planet E) E Dancer – Feel The Mood (Incognito) Octave One – I Believe (Transmat) Underground Resistance – Hi Tech Jazz (Underground Resistance) Pod – Vanguard (Buzz) Inner City – Praise (Ten) Alien FM – Art Of Illusion (430 West) Psyche – Crackdown (Buzz) Paris Grey – Don’t Lead Me (Network) Never On Sunday – Urban Rains (430 West) New Birth – Don’t Blame The Young Folks (For The Drug Society)
Seit jeher gibt es diese Typen, die einen untrüglichen Riecher für wichtige Entwicklungen haben. Typen, die in irgendeiner Funktion den Wagen in Bewegung setzen, und dann längst abgesprungen sind, wenn die Mehrheit später einsteigt. Milo Johnson fing 1979 mit Auflegen an und war Teil des legendären Soundsystems The Wild Bunch aus Bristol, dessen andere Mitglieder später groß Karriere machten: Nellee Hooper ging zu Soul II Soul und der Rest wurde Massive Attack. Milo Johnson hingegen machte ebenso erfolgreich und metropolenübergreifend in Mode und Design und wurde sporadischer DJ und Produzent auf hohem Level, der seinem eigenen Erbe 2002 mit einer schönen Mix-CD auf Strut ein schönes Denkmal setzte. Von 1992 bis 1993 produzierte Milo eine Reihe äußerst merkwürdiger House-Platten, deren stilistischer Hintergrund sicherlich bei den Disco-, Electro-, und Dub-Klassikern seiner DJ-Laufbahn auszumachen ist. Zu jener Zeit war House mit Disco-Samples nichts Bahnbrechendes, Legionen von Latino-New-Yorkern hatten eigentlich schon alles ausgereizt was man mit Vocal- und Arrangementschnipseln aus dem Backkatalog der Traditionslabels von Salsoul bis West End und darüber hinaus anstellen konnte, und die große dekonstruktivistische CutUp-Offensive aus Chicago war auch schon in Vorbereitung. Was das Projekt Nature Boy dennoch einzigartig macht, ist die Art und Weise, wie mit den historischen Referenzen umgegangen wird. Durchgehend gibt es eine total kaputte Grundstimmung, die zum einen an Mülleimer-Beats und bis zur Verzerrung aufgedrehtem Bässen liegt, zum anderen daran, dass die Samples teilweise komplett losgelöst vom Originalkontext zu etwas zusammengesetzt werden, dass mit den ursprünglichen Verheißungen von Disco nicht mehr viel zu tun hat. Dieser Eskapismus wird nicht von Edelschampus befeuert, sondern vom billigsten Fusel. Die Samples sind nicht mehr als hinterhältige Lockvögel, Verkehrsschilder die verdreht wurden und einen Weg weisen, den man lieber folgen sollte, denn dort leuchtet nichts mehr und kaum jemand kam je zurück. Ruff Disco in der Tat, im ugliest Edit.
Nature Boy – Ruff Disco Volume One (Black Label, 1992)
Anfang der 90er Jahre hatte man in Kanada eine Weile aufmerksam den internationalen Entwicklungen von House und Techno zugehört und machte sich dann daran, selbst wichtige Beiträge zu leisten. Richie Hawtin und John Acquaviva versuchten sich mit Plus 8 erfolgreich an englischen Bleeps, kontinentaleuropäischem Rave-Krach und den Vorreitern aus dem nahen Detroit, das Label Hi-Bias hingegen orientierte sich vornehmlich an englischem, italienischem und New Yorker House mit Pianoschwerpunkt. Und dann gab es noch das von den Produzenten Hayden Andre Brown und Ron Allen gegründete Label Strobe, dessen Programm all diese Stilelemente aufnahm und zu einem eigenen spezifischen Sound umformte, der jahrelang einzigartig bleiben sollte. Zwar veröffentlichte man auf Strobe in drei Jahren nur ein gutes Dutzend Platten, aber jede von ihnen richtete sich auf ewig im legendären Teil des globalen Deep-House-Gedächtnisses ein. Wie Brown und Allen dabei vorgingen, lässt sich auf dieser Platte ihres Gemeinschaftsprokets Infra-Red von 1991 eindrucksvoll nachhören. „Love Honey“ ist introspektiver Deep House, der sich über ein emotionales Spoken Word-Intro und das Accapella aus dem Paradise Garage-Evergreen „Love Honey, Love Heartache“ von Man Friday ganz der Wehmut nach der verflossenen Liebe hingibt. Die Melancholie, die hier auf jedem Klavier- und Vibraphonakkord und den archetypischen Flächen liegt, konnte man zu der Zeit auch auf vergleichbaren Deep House-Platten aus New York hören, aber nicht oft in solcher Intensität und Schönheit. Lover, die eine derart grundlegende Verwirrung und Enttäuschung sowie auch sonst nur Schutt und Asche hinterlassen, können nur in erschütternden musikalischen Denkmälern verarbeitet werden, wenn überhaupt. Wie man solche komplexen Gemütszustände auch mit anderen Mitteln transportiert zeigt „The Verge“, das andere Meisterwerk dieser 12“. Die wuseligen Rhythmen und Klänge zeigen klar gen Detroit, aber dort setzte man sie selten zu so einer tiefenhypnotischen Nachtfahrt zusammen. Als würde man von einer mysteriösen Tonfolge dazu getrieben, abwechselnd in der Mitte der Stadtautobahn zu rasen oder deren Leitplanken zu streifen, und den Fahrern, die im Rückspiegel flackernd hinterher schlingern, scheint es mindestens genauso zu gehen.
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