Boogie Nights (Premium Edition) (Arthaus)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson entstandene Auflage auf zwei DVDs, die neben dem Film geschnittene Szenen, Musikclips, Kommentare und zwei wirklich unterhaltsame Easter Eggs bietet, eine Dokumentation über John Holmes und die Probeaufnahmen zur Schlussszene mit Dirk Digglers Plastikschwengel. Der Film ist ziemlich gut gealtert. Die Idee, die letzten Tage von Disco mit den letzten Tagen des klassischen Pornos zu verbinden und dieses Joint Venture dann inszenatorisch wie Scorsese in Hochform dynamisch vorüberrattern zu lassen, ist einfach gut. Der Film funktioniert ebenso als „period piece“, der Soundtrack ist chronologisch und stilistisch kompetent und die Set Designs, Klamotten und Line Hustles auf der Tanzfläche werfen einen liebevollen Blick auf den Koks-Hedonismus der späten 70er und der Jahre danach. Der Plot verliert etwas an Fahrt, wenn Anderson den Kuriositäten-Charakter seiner Episoden damit überfrachtet, anhand seiner Figuren den Sündenfall der Ära aufzuzeigen. Der Niedergang und die Schattenseiten erscheinen etwas unmotiviert, mit unfreiwilliger Komik und im Verhältnis zum bunten Treiben vorher auch mit weniger Dichte und Konsequenz. Da entwickelt der Film Längen und leidet etwas unter der Fülle von Anliegen und Zitaten, die vor Torschluss noch in die zweieinhalb Stunden Spieldauer rein mussten, ohne dem Film einen wirklichen Mehrwert zu geben, die furiose Szene mit dem vollgedrogten Alfred Molina und seinem asiatischen Gespielen mal ausgenommen. Durchgehend gut und stimmig ist nach wie vor die Besetzung, mit einem angemessen tumben Mark Wahlberg, einem fulminanten Burt Reynolds, Julianne Moore als der tragischen Mutterfigur und den verlässlichen Loser-Nebendarstellern William H. Macy, Luis Guzmán, John C. Reilly und Philip Seymour Hoffman sowie zahlreichen anderen Lichtblicken. Sie geben den Film den Habitus einer schrägen familiären Familiensaga in einer Branche, die in einem hermetischen sozialen Biotop mit allen dazugehörigen Querverbindungen und falschem Glam für die Befriedigung der Massen malocht, tabulos und spießig zugleich.

De:Bug 07/06


Dear Wendy (Legend Home Entertainment / Universum)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Seitdem dieses Gipfeltreffen der beiden Oberdogmatiker Thomas Vinterberg (Regie) und Lars von Trier (Skript) letztes Jahr Premiere hatte, gehen die Meinungen immer noch weit auseinander. Besonders die Kinogänger und Filmkritiker in den USA sind zunehmend irritiert über die sarkastische Hartnäckigkeit, mit der die Dänen in ihren Filmexperimenten die dunklen Traditionen der amerikanischen Gesellschaft sezieren. Weniger statisch-bühnenhaft als von Triers „Dogville“, aber nicht minder allegorisch, mythisierend und konsequent inszeniert Vinterberg ein fiktives Provinznest, in dem jugendliche Außenseiter an Waffen geraten und darüber die schwärmerische Gang der „Dandies“ formieren. Sie sehen sich als bewaffnete Pazifisten mit einem sinnstiftenden Fetisch, doch schon bald durchsetzt die Kraft des Werkzeuges das Gruppengefüge, jede Pistole wird getauft, der Gang durch die Straßen wird breitbeiniger, die Hormone sprießen und der unweigerliche Kugelhagel lauert schon. Eine gut besetzte Initiationsgeschichte, die trotz ihrer distanzierten und artifiziellen Stilistik Wirkung erzielt. Amerikaner sind eben nicht gut mit Ironie und noch schlechtere Verlierer.

De:Bug 07/06


ISoul8 – Balance (Sonar Kollektiv)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

Der Italiener Enrico Crivellaro alias Volcov betreibt die angesehenen Labels Archive und Neroli, mit Anbindung an Londoner Broken Beats und beseelten Deep House aus Detroit und New York. Von dort holt er sich auch zahlreiche Versatzstücke, die im Verbund aber überwiegend wie ein verschollenes Artist-Album klingen, das Naked Music nicht mehr rausgebracht hat. Also Soul der eher summt als brüllt und Tiefe die eher vordergründig fließt als hintergründig abtaucht. Alle beteiligten Vokalisten wurden anscheinend exakt nach dieser Prämisse ausgewählt und der satte Schönklang folgt trockenen Fußes. Diese ganze Vollmundigkeit tritt schon selbstbewusst auf, aber wenn sich wie bei dem großartigen Instrumental-Ausreißer „How I Feel“ ein abseitiger Weg anzubieten scheint, schaltet sich danach der vorgebaute Limiter ein.

De:Bug 07/06


James Figurine – Mistake Mistake Mistake Mistake (Monika Enterprise)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Jimmy Tamborello (u. a. Dntel, Figurine, The Postal Service) ließ sich von dem Backkatalog friedlichen deutschen Technopops anregen und konzipierte dieses Album, mit Auftritten am Mikro von ihm selbst sowie Sonya Westcott, Morgan Meyn Magler, Jenny Lewis, Erlend Øye und klanglicher Expertenhilfe von John Tejada. Daraus ergibt sich eine versonnen aus dem Fenster schauende Unverbindlichkeit, die an großen Pop-Gesten nicht weiter interessiert ist und sich etwas selbstverliebt in die eigene Introvertiertheit einschlaffelt. Die elektronische Komponente will auch eher zuhause bleiben, wo es sich ungestörter über die Orte reflektieren lässt, in denen die Angesungenen sich eventuell gerade anderweitig amüsieren, verdammenswert oberflächlich natürlich.

De:Bug 07/06


V.A. – Four Tet – DJ-Kicks (!K7 Records)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Bei Kieran Hebden mag man breit gefächerte musikalische Vorlieben bereits vermuten und die Tracklist löst gleich flächendeckend ein: Electro von Model 500, frickelige Elektronik von Akufen, düstere Breaks von Syclops, zappeliger Jazz von Heiner Stadler, unzweifelhafter Soul von Curtis Mayfield, schlauer Hip Hop von Madvillain, zickige No Wave-Disco von Julian Priester, verkopfter Indie-Kram von Quickspace Supersport, Prog Rock von Gong und noch viele smarte Einfälle mehr. Da fehlt fast nur noch der ganz käsige Hit als Kontrapunkt um das durchgehende Checkertum noch zu unterstreichen. Als Set erzählt das eine kluge Geschichte, die mit ein paar mehr gewitzten Übergängen den Vogel komplett abgeschossen hätte. Da wird er dann zuweilen zu David Mancuso.

De:Bug 07/06


V.A. – The Kings Of Diggin’ (BBE)

Posted: July 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Wer sich auf der Suche nach dem noch nie verwendeten Break gerne in unübersichtlichen Haufen von obskuren gebrauchten Platten die Hände schmutzig macht, kann sich freuen. Seine bevorzugte Obsession erlangt mit dieser Compilation die Weihen eines offiziellen Genres. Man will fast hoffen, dass findige Gebrauchthändler das nicht mitbekommen und gleich ein Fach für die tausend Platten einrichten, die sie in all den Jahren nicht losgeworden sind. Den Auftrag im Mix zu demonstrieren, was man mit den vergessenen Pfründen alles anstellen kann, erhalten die Vorzeigearchäologen Kon & Amir aus New York und DJ Muro aus Tokyo. Alle Beteiligten gehen das mit einer Souveränität an, die sich aus dem in jahrelangen Ausgrabungen erlangten Wissen um Tunes speist, die normalerweise nur von Druidenmund zu Druidenohr gehen. Dabei wählen Kon & Amir die entspannte Herangehensweise mit lässigen Grooves zwischen Folk, Soul, einer Prise Brasilien und natürlich jeder Menge Funk, wohingegen die japanische Abteilung den glücklich verschwitzten Rare Groove-Furioso-Peaktime-Megamix wählt. Allesamt zeigen unmissverständlich, dass der Ertrag die Mühe wert ist.

De:Bug 07/06


Roy Ayers – Virgin Ubiquity Remixed (BBE)

Posted: June 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , , , , | No Comments »

Bis jetzt gab es drei EPs mit Neubearbeitungen des Albums ‚Virgin Ubiquity’, laut Ankündigung sollen auch noch weitere kommen (u.a. mit Beteiligung von Âme, Vikter Duplaix und Sean P). Aus den vorhergegangenen Runden auf das Remix-Album geschafft haben es Kenny Dope, Mr V, Aloe Blacc, Osunlade, DJ Marky & XRS und die Platinum Pied Pipers. Neu hinzugekommen sind Matthew Herbert, Joey Negro, Sir Piers und Basement Jaxx. Es ist also offensichtlich, dass die Zusammenstellung eher den konventionellen Geschmack bedienen soll, diesbezüglich wird besonders Pépé Bradock schmerzlich vermisst, der aus ‚I Am Your Mind Part II’ einen selten schönen, trippigen Slow Motion-House-Track für die Jahrescharts gezaubert hatte. Die Rolle des schrägen Außenseiters übernimmt an seiner statt Herbert, ähnlich in der Idee, wenngleich auch mit weniger beeindruckendem Endergebnis. Auf der anderen Seite liefern alle Beteiligten exakt das ab, was man von ihnen erwartet, was je nach Perspektive schade oder toll ist. Ich hoffe, dass ‚Holiday’ Kenny Dopes vorerst letzter Remix mit diesem perkussivem Nu-yorican Hüpf-Beat plus Gniedel-Bass bleibt, da hängt er jetzt schon seit gefühlten Dekaden fest. Joey Negro und Sir Piers befinden sich immer noch im Rhodes-Disco-House-Dämmerzustand, als hätte es die gegenwärtige Schwemme an innovativen Edits nie gegeben und Basement Jaxx kommen vorerst auch nicht mehr zur Besinnung.

De:Bug 01/06


V.A. – Café Solo (Resist)

Posted: June 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , , | No Comments »

José Padilla, den ehemaligen obersten Befindlichkeitsknusperverstärker des Café del Mar, drängt es nach übersichtlicher Musikerkarriere wieder zurück an die alte Idee. Nicht nur als Sandmann bzw. Urlaubsex-Erfüllungsgehilfe und Maitre de Sonnenaufgang von Generationen von Clubtouristen hat der Mann Meriten, er hat auch mit elektronischer Sanftmut den Kuschelrock aus der Kompaktanlage des deutschen Feierabends geboxt. Die Mission ist immer noch der ewige Schönklang, die bewährten fluffigen Balearismen werden jetzt aber auch mit beispielsweise Kölner Elektronik und Daniel Wang aufgefrischt. Nichts für Menschen, die den langen Zapfenstreich mit einem Crescendo von etwa Cecil Taylor begehen oder zum Einschlafen eine Berghain Mix-CD auf Repeat stellen, ansonsten durchaus zweckdienlich.

De:Bug 06/06


V.A. – DJ Deep Pres. City To City Part 02 (BBE)

Posted: June 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gegensatz zum ersten Teil etwas weiter ab vom Kanon mixt sich der Deep Sound-Nachlassverwalter DJ Deep durch Expertenklassiker aus Chicago, Detroit und New York/New Jersey der späten 80er/frühen 90er. Das klingt nah dran an den hypnotisch-drückenden Clubnächten dieser Jahre, als deepe Klänge noch nicht in Stromlinienförmigkeit, Daddeltum oder Traditionalität eingeteilt wurden und House und Techno für den Tiefgang noch selig einhergingen. Da hat man sich ja mittlerweile wieder angenähert, aber das Gefühl das diese Musik vermittelt ist in seiner Unmittelbarkeit bei der heutigen Konventionslast schwerlich zu erreichen. Angeschossener Maschinen-Soul, der ansatzlos Beine, Bauch und Kopf überrumpelt, zwischen sublimen Flächen, zwielichtigen Grooves, unzweifelhaften Worten, nächtlichem Größenwahn und exzentrischer Coolness. Mit Liebe ausgeteilt an Menschen, denen Strobe, Blackmale, Eclipse oder Saber Suchbegriffe sind und die um die entsprechenden frühen Katalognummern von Trax, Djax-Up und Dance Mania wissen, und über alles was darüber hinausgeht Bescheid wissen wollen.

De:Bug 06/06


V.A. – Queer Noises 1961-78 – From The Closet To The Charts (Trikont)

Posted: June 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Vor Jahren gab es schon mal eine Compilation namens “Queer To The Core”, die schräge Obskuritäten schwulen Garage-Punks aus den 60ern zusammenstellte. Derartiges hat Jon Savage hier auch zur Verfügung, aber seine Auswahl ist ein regelrecht ehrgeiziges Unterfangen, das sehr imposant einen chronologischen Überblick über homosexuelle Künstler bzw. Popmusik mit homosexuellen Inhalten aufbereitet. Zu hören gibt es die ganze Bandbreite zwischen Comedy, Crooning, Country, Garagenkrach, Soul, Glam Rock und Songwritertum in überwiegend raren Artefakten, und dann steht am Ende folgerichtig Sylvester und stößt die Tür zu Disco auf. Es gibt dazu ein umfangreiches Booklet mit Erläuterungen zu Codes, Themen, Hintergründen und Einzelschicksalen. Dadurch entfaltet sich ein Panorama von tragischem Kampf, verlorener Selbstbehauptung und Konventionsschwellen, aber auch smartem Witz, trotziger Haltung und gerechtem Stolz. Man kann sich darüber streiten, ob oder zumindest wie schwule Kultur mit allen Vor- und Nachteilen den Mainstream geentert hat, hier sind auf jeden Fall einige glorreiche Pionierleistungen auf dem windungsreichen Weg dahin.

De:Bug 06/06


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