Die schalknackigen Jungs machen etwas erwartungsgemäß genau da weiter, wo sie eigentlich schon am Limit gewähnt wurden, also ganz knackigen Plastiktechnopop mit ulkigen Texten, deren Wortwitz jenseits norddeutscher Kiezbiotope zusehends ins Taumeln gerät. Insofern könnte man Deichbrot völlig unsachlich mit den Kollegen von Fettes Kind vergleichen, nur knackig plastiktechnopoppiger und in einer anderen Phase der Pubertät bzw. auf einer anderen Art von Zielgruppen-Fete. Es wird noch ab und zu gekifft, aber eigentlich ist dies die wirre Hacienda-Episode. Bei „E.S.D.B“ grüßt schon der Taxman.
Dieses Album des Projektes von Thaddi Herrmann und Michael Zorn vereint die „Removed“ und „Acetate“ EPs von 1999 und diesem Jahr, und beides zusammen ergibt in der Tat ein beeindruckendes Ganzes, bei dem so profane Dinge wie Erscheinungsdaten kaum noch ins Gewicht fallen. „Removed“ ist im Original und den fünf Bearbeitungen von Arovane, No. 9, Multipara, Pole und Artificial Duck Flavour völlig zu recht eine geheiligte Kuh zeitgenössischer Elektronik. Eine reichhaltige Assoziationsmaschine, in der schwer atmende Dub-Abstraktionen und vertrackte Klangauswertungen futuristisch irrlichtern und man zuweilen etwas nervös zum Heizkörper hinüberschaut, ob nicht doch Jack Nance mit seiner Lady zum kosmischen Rauschen einen Schieber tanzt. Ergänzend kommt noch der fulminante Bonustrack „Fabric“ hinzu, der sich auf einer nächtlichen Expedition in rhythmische Schwebezustände befindet. „Acetate“ knüpft schlüssig an diese Steilvorlagen an, auch wenn die Beats zur kaltkörnigen Grundstimmung beim Original, Claro Intelecto, DJ Maxximus und Something J zumeist grummeliger steppen und wie bei James Din A4 und Modeselektor gestörte Spielzeuge zu paradieren scheinen. Allesamt zwischen simpler Schönheit und unbequemen Störfällen kongenial auf Irritation und Einsicht gebürstet. Da haben alle Beteiligten weit geworfen, ihr müsst nur noch fangen.
Der breit gestreuten Veröffentlichungen von Matt Edwards als Radioslave, Quiet Village bzw. vielen anderen Pseudonymen sollten nicht skeptisch machen, der Mann weiß schon ganz genau was er tut, wie dieses Album als Rekid ziemlich eindrucksvoll zeigt. Die bisherigen 12“s auf Classic und Soul Jazz unter diesem Alias hatten es schon vermuten lassen, aber hier auf Albumlänge folgt jetzt das ganz große Opus in Dub, Disco, Electro und House. Geschwindigkeit ist für Musik eigentlich ein unerhebliches Kriterium, aber hier wird bewusst gedrosselt, bis die Grooves zu einer hermetischen Massivität erstarren, die völlig selbstverständlich wuchtet. Im Verbund mit der dunklen Grundstimmung, metallischen Störgeräuschen und kühlen Versatzstücken von Sequencer-Boogie und 808-Space-Hop aus fast unerforschten Tiefen der Echokammer erscheint dieser Gesamteindruck noch selbstbewusster. Sicherlich ein Affront-Update für diejenigen, die unter Ausschlusskriterien hartnäckig das Revival von New Beat einfordern, alle anderen sollten sich mal paralysieren lassen. Am besten sehr laut.
Schön kontinuierlich wie die deepen Klänge gerade quer übers Land aus den Geräten sprießen und man entdeckt ständig neue vielversprechende Exponate. „Doin’ It“ ist ein gemütlicher Live Jam-Ausreißer, den man bei Unkenntnis des Urhebers auch auf Large Records vermuten könnte. Die restlichen Tracks gehen dann ganz anders tief, erinnern mit dunkle Spiralen ziehenden Akkorden an einen psychedelischen Kompositbau aus Sound Signature und Other People Place, dem man kurz vor dem Start in die Nacht noch ein stramm schepperndes Chassis aus Rhythmen mit einer langen Liste vertrackter Extra-Extras untergeschraubt hat. Man kann ja nie wissen.
Das Dilemma der Mix-CD im Zeitalter digitalen DJings, wie holt man sich da noch die Props ab? Multispur-Opulenz? Unablässiges Editieren für den persönlichen Touch? Die ganz große Geschichte erzählen? Eklektizismus bis zum Anschlag? Miss Kittin hat mit zwei CDs ausreichend Armfreiheit und entscheidet sich für stilistische Vielfalt anhand persönlicher Favoriten, sinngemäß und ohne unnötigen Heckmeck aneinandergekoppelt. Sich selber bringt sie mehr als auf anderen ihrer Mix-Veröffentlichungen als Mixtechnikerin denn als Performerin auf die Party, was in diesem Fall eine gute Entscheidung ist. Die Musik rangiert zwischen Peaktime-Minimal, UK-Breakz, Großstadt-Electro, Wave-Techno, Introspektiv-Elektronika und einer guten Dosis Evergreens. Beim Abdecken dieser Bandbreite wird dann zwangsläufig manchmal abgebogen, wo man gerne noch etwas weiter geradeaus gefahren wäre, aber da kommt man dann auch irgendwie wieder hin.
Tom Moulton ist für Disco ein Primus inter pares der legendären Typen. Er hat den Remix auf den Weg gebracht, die 12“, die Mix-Compilation und die Kolumne zur Musik der Party. Dabei sah er einst und vermutlich einige Zeit danach wie ein Halbgott aus und über seine Person gibt es selbst im Egokrieg Musikbusiness keine nennenswerten bösen Worte. Er hat mittelmäßige in großartige und ohnehin großartige in noch großartigere Musik verwandelt. Wenn man das Original und seine Bearbeitung vergleicht, wird er gewinnen und wenn Stücke auf einem Fund merkwürdig umwerfender klingen als der Rest, werden sie von ihm geadelt sein. „A Tom Moulton Mix“ prangt Vertrauen und Respekt einfordernd auf mehr Veröffentlichungen als man verarbeiten kann. Dem Mann kann man gar nicht gerecht werden indem man seine größten Klassiker einfach aneinanderreiht. Man muss chronologisch vorgehen, erschütternd gute Raritäten ausgraben und den Großteil bereits besungener Großtaten in raren und unveröffentlichten Versionen ausstellen. Das macht Moultons Status und Klasse noch umso deutlicher. Die guten Menschen von Soul Jazz wissen, dass man das so machen muss. Ich bin jetzt schon für eine Fortsetzung.
Entweder man hortet musikalische Preziosen im gleichgesinnten Elitisten-Zirkel oder man gibt das Druidenwissen großzügig weiter. Wenn man Franzose ist, sollte man Letzteres nicht unternehmen, ohne nicht mindestens in todschickster Manier eine Website, regelmäßige Clubabende und vor allem eine Serie von Compilations zu präsentieren, deren Linernotes so irrwitzig prätentiös sind, dass The Capuccino Kid angesichts seiner simplen Prosa ein Comeback für alle Zeiten ausschließen muss. Damit grenzt man sich von den Methoden anderer Modenschau-Geschmacksfilterer nur unwesentlich ab, vielmehr prangert man Missstände im Bereich von niveauvollen Compilations ungefähr so an, wie Michael Bay filmisch Gewalt in der Gesellschaft anprangert, aber immerhin kann man sich konzeptuell so abgefedert fühlen, dass man flugs Ennio Morricone, Nico, Flash and the Pan, Kevin Ayers, Robert Wyatt und Skeeter Davis mit vermeintlich leichtfertig übersehenen Stücken von Cristian Vogel, The Emperor Machine, Isolée, Brooks und naturalment Supermax auf den gleichen Tonträger packen kann und der geneigte Geschmacksverwaiste vor soviel Esprit und je ne sais quoi nur demütig den Hut zieht. Aber hallo.
Und wieder einmal legt in der unterhaltsamen Choice-Serie ein Mitglied der internationalen DJ-Haute Volée seine Inspirationsquellen offen. Diesmal der Dopeman, angesichts seiner beträchtlichen Meriten in punkto Mix-CDs vor allem im Rare Groove-Bereich fast logischer als sein schon früher an der Reihe gewesener kleiner Kumpel mit Hut, somit hängt der interne Haussegen wieder gerade. Wie auch andere Vorgänger hält sich Kenny Dope mit allzu viel Studio Mixing-Spielereien und Edits zurück, hier wird funktionell und rapide gecuttet, damit sich das Aroma klassischer Allzweckwaffen aus dem Bereich Disco (mit Betonung auf Boogie), Funk und Philly auch angemessen entfalten kann. Ebenso sinnstiftend ist diese Auswahl an den eigenen Output angeschlossen, der aufmerksame Masters At Work-Anhänger findet hier so manches Sample aus dem hauseigenen Backkatalog in seiner ursprünglichen Form wieder. Für die Experten mögen die vertretenen Stücke von beispielsweise Sylvester, Serious Intention, Level 42, BT Express oder Atmosfear etwas zu gut abgehangen sein, aber sie nehmen den Wind nicht aus den Segeln und es gehört sich eigentlich auch nicht, sofern keine akuten Geschmacksverirrungen vorliegen, jemanden seine perönlichen Favoriten anzukreiden. Der Mix befindet sich jedenfalls durchgehend im Plus (Extra Props für Dazzle, Hokis Pokis, Rainbow Brown und Manhattan Transfer).
“Demain” ist ein vetrackt funkiger, fiepsiger Hochgeschwindigkeitstrack mit Pling-Plong-Ohrwurmakkorden, bei dem es in der Spielzeugabteilung bis zum Morgengrauen rund zu gehen scheint, was von Miss Alaska mit selbstverständlicher Nonchalance kommentiert wird. Totaler Smash Hit. ‚Basslufe’ ist ein Dubtechnoid, der sich schiebend, stoisch und gluckernd ausrollt, auch sehr gewieft.
Francesco Spazzoli und Chris Shape haben die nicht so heiße Idee Electro, New Wave und Italo-Disco zu verbinden. Selbstredend mit obligatorischem Expressiv-Bühnenauftritt, Glam-Gesang und Beteiligung von Chelonis R. Jones und GD Luxxe alias Gerhard Potuznik. Einfach erstaunlich wie hartnäckig sich diese 80er-Anbindungen halten, dieser sagenhafte Trotz. Als könnte man das niemals wieder recyclen, wenn man jetzt mal kurz loslässt. Ich neige vor allem bei den Gesangseinlagen zu den beiden Stücken, bei denen der glitschige Italo-Anteil überwiegt, dieses aufgesetzte Herumzicken ist mir sonst etwas peinlich, auch wenn sicherlich jede Generation ein Anrecht auf aufgesetztes Herumgezicke hat.
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