Rewind: Didi Neidhart über “Non-Stop Erotic Cabaret”

Posted: April 12th, 2010 | Author: | Filed under: Interviews Deutsch | Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Didi Neidhart über “Non-Stop Erotic Cabaret” von Soft Cell (1981).

Es gibt sicherlich etliche Wege um auf die Musik von Soft Cell zu stoßen. Wie war es bei Dir?

“Tainted Love” kam ja im Sommer 1981 raus und hat mich, als ich es im Radio gehört habe, sofort fasziniert. Das stach irgendwie heraus. Ähnlich wie früher “I Feel Love” oder Kraftwerk. Das machte im Hit-Radio plötzlich eine ganz neue Welt auf. Zwar gab es schon Bands, die ähnlich agierten und klangen, aber die waren zumindest in Österreich nur in Spezialsendungen wie “Musicbox” zu hören. Aber Soft Cell konnte ich sogar vor dem Weg in die Schule beim Frühstück aus dem Radio hören. Das ist ja auch etwas anderes, als wenn du dir selber Musik auflegst. Solche Pop-Momente kannst du nicht selber initiieren. “Tainted Love” war dann auch die erste Single, die ich mir wirklich mit so einem nicht mehr ganz so schwammigen Pop-Bewusstsein gekauft habe. Das war ein regelrechter Akt. Sonst hab ich entweder auf die LPs gewartet oder mir die Sachen einfach vom Radio aufgenommen. Dann kam “Non-Stop Erotic Cabaret”. Allein der Titel zog mich an. Der hatte so was Verruchtes, aber auch so einen Gossenglamour, der gut zu meinen sonstigen Vorlieben (Throbbing Gristle, D.A.F., Velvet Underground, Prince, Suicide, The Stooges) passte. Ausschlaggebend war dann die “Sounds”-Kritik von Kid P., wo über “Vaudeville-Tingel-Tangel”, “grelle Schminke und grosse Gefühle”, “kleine Hollywood-Dramen”, “keine saubere Teeny-Fun-Musik” geschrieben wurde. Interessanterweise gab es die LP dann in dem einzigen Laden in Salzburg, der eine kleine Abteilung mit “Punk”/”New Wave” hatte, nicht. Also ging ich in ein klassisches Plattengeschäft, wo ich die LP dann auch gleich fand. Was ja auch toll war. Komische Platten in komischen Läden kaufen ist das eine, komische Platten in sozusagen “normalen” Läden kaufen ist schon was anderes. Das hat durchaus was leicht Subversives. Gerade weil es um eine dezidierte Pop-Platte ging, die ich nun quasi heimlich in einem anderen Laden kaufte. Etwa so wie wenn das Päckchen, das auf dem Cover Marc Almond aus seiner Lederjacke zieht, abgeholt werden würde.

Warum hast Du Dir “Non-Stop Erotic Cabaret” ausgesucht? Was macht das Album für Dich so besonders?

So pathetisch das jetzt auch klingen mag: Ich habe damit endgültig das Land Pop betreten. Und zwar im Hier und Jetzt. Die Wege dorthin waren schon angelegt worden, aber so aktuell Girl-Groups, Phil Spector, Glam, die Walker Brothers, Frank Sinatra und Dean Martin für mich damals auch waren, so sehr tönten sie dennoch aus einer Pop-Vergangenheit. Und bei Soft Cell kam einfach ganz viel zusammen. Vieles, was noch in einer Art wabbrigem Vorbewussten schlummerte, wurde nun klarer und konnte auch benannt werden. Aber es gab auch viel Neues zu entdecken. Sachen, die erst später wichtiger wurden wie Almonds Queerness oder die Connections zur Industrial-Szene. Auch wenn das 1981/82 nicht wirklich im Focus meiner Begeisterung war. Da war es das Opulente plus dem Elektronischen, die durchgängige Tanzbarkeit (die ich nicht erwartet hatte) und dieses Geheimnisvolle. Popmusik mit einer gewissen sublimen Gefährlichkeit. Eher Shangri-Las plus Velvet Underground. Die Platte hat sich durch Jahre hindurch immer wieder fast von selber retroaktiviert und wuchert immer noch über sich selbst hinaus. Auch wenn ich mal länger Abstinenz gehalten habe, hat sich dennoch was getan. Mit Soft Cell hab ich mich dann auch endgütig den großen Pop-Dramen und den in Musik gegossenen Tragödien hingegeben. Was nicht immer auf Verständnis stoß. Aber war mir auch immer Roy Orbison lieber als Nick Cave. Ich hatte durch und mit Soft Cell einen Schatz gefunden, eine Art Geheimnis entdeckt. Die Beschäftigung mit Pop nahm ernsthaftere Züge an. Zudem wollte ich ja auch irgendwie kapieren von was Leute wie Diederichsen bei “Sounds” schrieben, wenn es um so was wunderbar Faszinierendes wie auch hin und wieder Einschüchterndes wie “Pop-Diskurs” ging. Gerade weil Soft Cell überall in den Hitparaden waren und aus fast jedem Radio tönten, also auch vom Mainstream gehört wurden, empfand ich mein clandestines Popgeheimwissen in Sachen Soft Cell schon als Hipness. Weniger im Sinne einer elitären Haltung – ich freute mich ja mit anderen, und dachte auch, jetzt wird es was in Sachen Pop und Revolution, wenn auch nur musikalisch – als eines elitären Wissens. Vielleicht ist das ja auch das immer noch Wichtige an “Non-Stop Erotic Cabaret”: Eine Platte die genau zwischen Teenage und Adoleszenz, zwischen einfach als Fan reinfallen und beginnendem reflexiven Popdenken auf einen zugekommen ist. Mit der es aber auch nie ein Erwachsenwerden geben wird. Wo das Aufgekratzte, nach dem Uplifting, nach der Party zwar reduziert, aber nie ad acta gelegt wird. Zudem waren Soft Cell die einzigen, die das ABBA-T-Shirt von Throbbing Gristles Chris Carter ernstgenommen haben.

Dass ich eigene Lost Weekend-Erfahrungen in “Clubland” in Songs wie “Bedsitter” wieder fand, war aber auch super.

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Nöel – Is There More To Life Than Dancing?

Posted: February 17th, 2010 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , , | No Comments »

1979 war ein folgenreiches Jahr für Disco. Alle Kanäle waren schon zu voll damit, und die übergreifenden Abwehrreaktionen waren bereits allgegenwärtig, die dann in der schrecklichen Disco Demolition Night im Chicagoer Comiskey Park gipfelten, von der sich der kommerzielle Disco-Boom vorerst nicht mehr erholen sollte. Gleichzeitig kamen in dem Jahr zahlreiche Produktionen heraus, die andeuteten, wie es fortan weitergehen konnte. Disco ging zurück ins Experimentierlabor, das System war wieder offen, und gerade jetzt, in der Niederlage, als das Genre flächendeckend angezählt war, entdeckten viele Musiker den Reiz des Ganzen, und fingen an, den zum Freiwild gewordenen Sound für ihre Zwecke zu transformieren. Alles war wieder möglich, viele Clubmacher und Musiker sammelten im Untergrund neue Kräfte, die Mutation aus Disco und Post Punk seitens der New Yorker Downtown Szene um ZE Records stand kurz bevor (denn die Gegenkultur tanzt nur zum Sound der Hauptkultur, sobald er gescheitert ist), und allgemein schien es eine künstlerische Erleichterung gewesen zu sein, dass Disco als Thema so durch gewesen ist, dass es einfach egal war, was man jetzt damit anstellen würde. Den Gebrüdern Mael müssen jedenfalls noch die Sequenzen von Giorgio Moroder im Kopf herumgeschwirrt haben, die dieser für ihr 79er-Meisterwerk „Tryout For The Human Race“ produziert hatte. Mit diesem Album waren sie nicht mehr länger Disco-Sympathisanten, sie wurden selbst Disco. Und da sie gerade entdeckt hatten, wie gut Disco in ihre sehr eigene Welt passte, konnten und wollten sie auch nicht sofort wieder damit aufhören. Rasch suchten sie sich eine Interpretin für den Rest ihrer musikalischen Ideen und wurden in der merkwürdigen Sängerin Nöel fündig, die in den Kontext ähnlich quer eingesetzt wurde wie einst Andrea True und Amanda Lear. Und auch wenn die Sparks bei „Is There More To Life Than Dancing?“ im Hintergrund blieben, es ist durch und durch ein Sparks-Album geworden, und ein grandioses noch dazu. Die Melodien sind Sparks, die Texte sind Sparks, und Nöel singt sogar wie Russell Mael. Und die Musik hätte Moroder selbst auch nicht besser gestalten können. Sein futuristischer Sequenzer-Stil ist omnipräsent, wird jedoch mit der smarten Ironie und Detailverliebtheit versetzt, die alles auszeichnet, was den Sparks einfällt, wenn sie in Höchstform sind. Nach diesem genialen Intermezzo machten sie ein Jahr später mit Moroder mit dem Album „Terminal Jive“ genau an Ort und Stelle weiter, und thematisierten ihren endgültigen Abschied von klassischen Rocktraditionen mit den Worten „Rock and roll people in a disco world, They sing Hard Day’s Night, They’re as high as kites, And they sing and play and carry on like, Rock and roll people in a disco world“. Zahllose andere Überläufer von der Rock- zur Clubkultur haben sich da bis zum heutigen Tag wahrlich sehr viel dümmer angestellt.

Nöel – Is There More To Life Than Dancing? (Virgin, 1979)

de:bug 02/10

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Druffmix 10.1. – Waiting For The Love Boat

Posted: February 1st, 2008 | Author: | Filed under: Mixes | Tags: , , , , , | No Comments »

At last, The Druffalo Hit Squad comes down from the mountain for the tenth time. And you better believe the gospel according to…

Data – Living Inside Me
The Associates – Waiting For The Loveboat
Sparks – Music That You Can Dance To
Bobby O – German Girl
De Rogue – Nightlife Fashion
Brother Beyond – The Harder I Try
The B-52’s – Summer Of Love
Neil Young – Computer Age
Was (Not Was) – Anything Can Happen
A Certain Ratio – 27 Forever
Kevin Rowland – Tonight
The Blow Monkeys – This Is Your Life
Karen Finley – Tales Of Taboo
Animotion – Obsession
Matia Bazar – I Feel You
Moses – Our Revolution
M.K. All Stars – Bohemian Rhapsody


Telex – How Do You Dance? (EMI)

Posted: March 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Nach den ganzen Remix-Packungen und historisierenden Huldigungen haben sich die belgischen Synthpop-Pioniere nun für ihr eigenes Update tatsächlich wieder an die Geräte gesetzt. Der Humor ist der gleiche geblieben und manifestiert sich wie gewohnt vor allem in merkwürdigen Coverversionen, freundlich dass sie dabei neben Rock-Dekontruktionen (“On The Road Again”/”Jailhouse Rock”/”La Bamba”) auch die soundmäßigen Weggefährten Sparks zu ihrer Moroder-Phase grüßen und die eigenen Landsleute mit dem Grand Prix-Abräumer “J’aime La Vie”. Telex wissen anscheinend genau, was gerade als schick gilt. Dem Sound of Now wird wird nicht hinterhergehinkt, aber dennoch ist das alles noch so plastikpoppig und sympathisch-naiv wie einst. Für Freunde alberner Melodien und abstruser Ideen.

De:Bug 03/06


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