Dual Quattro – Q (Arabella Records)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Auf einem entlegenen, fast immer der Sonne abgewandten Trabanten ohne nennenswerten Nutzwert hat man einen verfallenden Außenposten vergessen, dessen Mannschaft ihre eigentliche Mission und geregelte Abläufe schon seit Jahren für eine einzige durchgehende Aufnahme aufgegeben hat, welche auf primitiven Instrumenten wie Schlagzeug, analogen Synthies und Plattenspielern ausgeübt wird, die ihnen einst zum Zeitvertreib mit auf den Weg gegeben wurden. Was einst als autodidaktisch-windschiefe Version von Funk aus dem Gedächtnis begann, hat sich über die Jahre zu einem ausuferndem Wust von tonalen Spurenelementen verkompliziert, der sich in unregelmäßigen Abständen gen Wochenende in eine Erinnerung von Schale schmeißt. Stachy hat den letzten regulären Funkspruch von der Bodenstation gesandt, bevor der Empfang für immer verstummte. Der kam mit einiger Zeitverschiebung als tiefenatmosphärische Impression auf 4/4-Takt aus dem Äther und hängt seitdem als Trophäe an der Wand.

De:Bug 03/07


Kathy Diamond – Over (Permanent Vacation)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , , | No Comments »

Das Label Permanent Vacation ist eine Adresse geworden, nach der man im Dunstkreis von Disco-Wiederkehr und zeitgemäßem Deep House Ausschau halten sollte. Noch haben die Kathy Diamond trifft Maurice Fulton Boogie-Wunderwaffe „All Woman“ und die schönen Antena-Remixe das Programm lange nicht verlassen, da folgt bereits Kathys neuester Treffer und ein Album soll im April folgen. Da kann man sich denn auch getrost drauf freuen, denn die Engländerin ist hier ebenfalls weit im Plus. Die Prelude-Andacht ist nun einem melancholischem House-Szenario gewichen, das sich in nächtlicher Totalaufnahme in ein pralles Drama aufschwingt. Man zeigt kongenial Mut zu dramatischem String- und Orgeleinsatz, ohne mit dessen Wucht den traurigen Trotz zu erdrücken. Wenn du den Club verlässt, und dir der Regen ins Gesicht peitscht, hast du das hier im Kopf.

De:Bug 03/07


Renaissance (Ascot Elite)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Ein Animationsfilm in scharfen Schwarz-Weiß-Kontrasten, dessen Figuren durch Abfilmung realer Bewegungsabläufe bei aller Stilisierung einnehmend wirklichkeitsnah geraten sind, und dessen visuelle Detailwucht erstaunlich ist. Ein Comic läuft hier ab und in jedem Still gibt es soviel zu betrachten, dass die geistige Verarbeitung dessen sich erstmal einpendeln muss, bevor man dies als bloßen Feature-Film anschauen kann, der sich bei seinen Motiven gerne der originären Vorgaben von Ridley Scott über Mamoru Oshii bis Frank Miller bedient und sich auf der Handlungsebene dezidiert in die Tradition von Film-Noir-Erzählstrukturen im Sci-Fi-Genre einhakt. Auf der Bildebene ergeben sich so einerseits schöne Zitatpuzzle, anderseits jedoch auch eigenständige Momente mit langem Nachhall, und vor allem in der Ausarbeitung der atmosphärischen und technischen Einzelheiten wird das Potential des Mediums voll ausgeschöpft. Dieses Maß an Akribie und Erfindergeist vermisst man im Vergleich umso mehr beim Skript, denn der Plot bietet wenig mehr als das übliche Gemisch von mysteriösen Schönheiten, gebrochenen Cops, Wissenschaftlern im Hybrismodus und korrupter Corporate-Obrigkeit, das sich ziemlich berechenbar durch schematische Dialoge und Wendungen laviert. Das Drehbuch hinkt so oft der optischen Entschlossenheit hinterher heutzutage, das ist wirklich merkwürdig.

De:Bug 03/07


The Killer (e-m-s)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

In diesem Film fährt John Woo alle Parameter auf, die einen Hitman-Film ausmachen. Der perfektionistische Killer, der Kollateralschaden in Person der Sängerin, die einem Auftrag in die Quere kommt und dadurch ihr Augenlicht zu verlieren droht, die Zwickmühle inmitten von illoyalen Auftraggebern und einkreisenden Gesetzesvertretern. Alles ist am angestammten Platz und wird furios durch Peckinpah entlehnte Zeitlupen-Shootouts und –Standoffs, irrwitzige Situationhektik, raffinierte Setarchitektur, kitschige Musik und ordentlich Pathos potenziert. Bis zu den Tauben in der Kirche ist ganz Hongkong ein Ozean von Blut, Schuld und archaischen Konfliktkonstellationen. Einen Großteil seines Reizes erhält dieses Epos aber nicht durch das organische und anorganische Material, das hier durch die Luft fliegt, sondern durch die grundgütige Ehrlichkeit des idealistischen Überzeugungstäters, mit der Woo seine thematischen Schwerpunkte verfolgt. Bei aller Coolness seiner Figuren und der eleganten Verführung seiner Choreografiemassaker wird er da ganz pur und milde, als wäre er in der unwirklichen Stille eines Wirbelsturmzentrums aufgewacht, während alles rundherum tost, und hätte die Zusammenhänge erkannt.

De:Bug 03/07


Withnail & I (Sunfilm)

Posted: March 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Auf der Insel kann so ziemlich jeder dieses Porträt der verkorksten Zweckgemeinschaft zweier arbeitsloser Schauspieler frei zitieren, die sich im Camden der späten 60er in einem zur Vorhölle verkommenen Stadthaus schon bis zum Feuerzeugbenzin an der Realität vorbeigesumpft haben. Obwohl sie kaum noch genug Kleingeld und Klarheit für die elementare Grundausstattung des täglichen Lebens aufbringen können, bleiben sie unerschütterlich von der eigenen Größe überzeugt und schlingern sich mit Situationszynismus fortwährend zur nächstbesten Gelegenheit, ihren Dauerzustand vollbreiter Ignoranz verlängern zu können. Sturmreif geschossen durch den Dauerclinch mit noch willenloseren Drogentypen, gleichgültigen Agenten, den allgemeinen normalen Repräsentanten der Gesellschaft und ihrer eigenen aufgeweichten Psyche und Physis, entschließen sie sich zu einer wirren Landpartie, im Verlauf derer sie sich durch haarsträubende Episoden mit dem schwul-exzentrischen Onkel Withnails, merkwürdiger Landbevölkerung und überhaupt einem fremden und feindlichen Lebensraum schlingern. In Buch und Regie von Bruce Robinson dieses 1987 entstandenen, großartigen Films gibt es kaum ablenkendes Beiwerk, alles was zählt ist der schonungslose Einblick in das Chaos dieser Lotter-Bohemiens, die sich in ihrer abgekapselten Logik um die Erkenntnis herumdrücken, dass es so nicht weitergehen kann und dann am Ende feststellen, dass es so auch nicht weitergehen wird.

De:Bug 03/07


Crank (Universum)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

Der Tag des Syndikatsaufräumers beginnt ausbaufähig, man hat ihm im Schlaf ein Gift injiziert und er muss nun sehr viel Stress haben, damit er nicht einfach tot umkippt. Jemand ist verantwortlich, es gibt eventuell ein Gegengift. Diese Prämisse reicht schon, danach kann man mit diesem Film eigentlich alles anstellen, und Regie und Skript halten sich dann auch nicht länger mit unnötigen Reflektionen auf. Der Mann läuft unablässig, wie eine Gym-Version von Belmondo, nur ist es nun nicht mehr ein „Abenteuer in Rio“, sondern eines in GTA San Andreas. Dinge, die man eben so macht, damit man nicht runterkommt und abkratzt: es zuerst mit dem gesamten Energydrinksortiment des Eckladens probieren, dann lieber gleich das Substanzenkontingent eines Berghain-Wochenendes rein in den Organismus, wahllos Leute hauen, dann mit wehender Dauerlatte die Stadt in Schutt und Asche legen. Da fallen fliegende Gliedmaßen an, flächendeckender Kameraheckmeck, Sexismus-Blutgrätschen und lauter echt toll verquaste Nebenprobleme. Jason Statham ist in der Lage, diesen irren Quatsch zu tragen, der Handlungsverlauf hat ein paar erstaunliche Störmanöver parat, und hätte man diesen Film einfach hierzulande in „Krank“ umgetauft, es wäre plausibel gewesen.

De:Bug 01/07


It – Women In Toilet (Electro-Choc)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , , | No Comments »

 

Nur gelegentlich gibt es Sichtungen vom Franzosen Stefan Manceau, der einst vor zehn Jahren in Detroit das Label Starbaby gründete, das er jetzt in seiner Heimat weiterführt. Dabei finden sich nicht nur bemerkenswerte Eigenproduktionen, sondern auch Veröffentlichungen und Remixe von Fabrice Lig, Dan Curtin und Morgan Geist im übersichtlichen Backkatalog. Für das französische Label mit dem dusseligen Namen nun also dieser Track, der verhalten an „Rej“ erinnert, vor dessen Opulenz aber stets auf weniger befahrene Straßen ausweicht, auf denen sich versprengte Spuren zu einem kribbeligen Funk zusammenschließen. Für Stefan Goldmann hingegen scheint das nur eine Startformation zu sein, denn sein Remix macht sich zielsicher in die Tiefe davon und ist dabei so umsichtig konstruiert, dass clevere Geräuschtransformationen und angezählte Melodieschlieren zwischen Vorder- und Hintergrund Kreise ziehen können. Das bewegt sich dann so kompakt voran als hätte man modernem Deep House zwischen Berlin und New York gerade noch rechtzeitig mit einem Stahllineal auf die Finger gepatscht, bevor sich das Arrangement ausladend zum großen Gefühl hochduseln konnte. Formstark.

De:Bug 01/07


Sally Shapiro – Disco Romance (Diskokaine)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

 

Der Schwede Johan Agebjörn hat sich neben seinen Ambient-Projekten schon etwas länger in die Plastikherzen der Italo-Disco-Revisionisten gepoppt. Den Backkatalog muss er aber auch wirklich erschöpfend studiert haben und derart entschlossen beteuert er die für Italo typische falsche Unschuld, ersetzt aber die mediterrane Skrupellosigkeit in der Herangehensweise an Pop mit dem Anspruch eines mit Produktionsmitteln gut ausgestatteten Tüftlers, der sich ehrlich um den guten Song bemüht. Damit erreicht er zwar nicht den billigen Charme von Valerie Dore-Platten, aber die durchaus ähnliche Stimme von Sally Shapiro singt durchaus ähnliche Melodien in Stücken von elastischer Finesse und Texten voller ungeschickt zögerlicher Intimität und doch kalkulierender Verführungskraft, zu denen man eigentlich nur Getränke bestellen sollte, die in der Dunkelheit fahl leuchten, und wer zuerst auf der Tanzfläche den Blick erwidert, hat verloren.

De:Bug 01/07


Yentown (Rapid Eye Movies)

Posted: January 5th, 2007 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Yentown bezeichnet sowohl Nicht-Japaner, die am Rande Tokyos dem Gaunerglück hinterherhustlen, als auch deren tristen Peripherie-Lebensraum, der mit dem schicken urbanen Futurismus anderer japanischer Megacity-Filme nicht mehr viel gemein hat. Chinesische und amerikanische Immigranten, die den gesellschaftlichen Statuscheck nicht bestanden haben, bilden hier eine streetsmarte Gemeinschaft von kleinkriminellen Stehaufmännchen, Huren, Junkies und kaputten Bohemiens, die wie gesellschaftliche Parasiten auf den Wirt warten, der sie in die Stadt bringt und doch schon zuviel trotzigen Stolz und Integrität entwickelt haben um sich im dortigen Milieu assimilieren zu können. Als die städtischen Yakuza bei einem Ausflug in dieses Niemandsland eine Blaupause für Falschgeld verlieren gerät dieser Haufen in Bewegung und drängt sich durch den Spalt zur sozialen Akzeptanz, doch das Leben dahinter ist ein ungastliches Terrain, das sich nur für den Preis der Selbstverleugnung und des Verrats besiedeln lässt. Je weiter die Individuen wieder nach Yentown zurückgedrängt werden, desto mehr laden sie sich wieder mit dessen Kraft auf und schlagen drastisch gegen die Zirkel der Großstadt aus. Im steten Bildstrom der flirrigen Handkamera wirft dieser Film den Zuschauer zwischen Momenten poetischer Intimität, karger Schönheit, kaputter Tragik und heftiger Gewalt hin und her die lange nachhallen und die Inszenierung wirkt nicht nur beim schrägen Ensemble und offensichtlichen Zitaten so, als wäre Inwai in einer dieser infernalischen Opiumhöllen Fellini erschienen, und beide hätten sich auf die Zersiebung filmischer Konventionen geeinigt.

De:Bug 01/07

 

 


Demon Pond (Rapid Eye Movies)

Posted: December 6th, 2006 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Zwar gab es auch schon vorher formalexperimentelle Exkursionen im Schaffen Miikes, doch mit einer klassischen Theateraufführung war wohl nicht unbedingt zu rechnen. Miike sucht in seiner Inszenierung dabei nicht die polarisierende Konfrontation mit dem Medium, also etwa anhand eines direkten Bühnentransfers seiner Schocktaktiken aus berüchtigten Werken wie „Audition“, „Ichi – The Killer“ oder „Izo“, sondern bewegt sich durchaus in den Konventionen der Theaterregie. Wie schon bei Lars von Triers vergleichbaren Experimenten gibt es jedoch eine perspektivische Kameradramaturgie, die im minimalistischen Bühnenbild dem Treiben der Schauspieler folgt, von denen einige Gesichter auch in seinen Filmen zu finden sind. Inhaltlich balanciert Miike gekonnt komische und dramatische Züge im Kontext einer Legende, in der mythische und reale Welt koexistieren, was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann. Ein sehr schöner Stoff, mit dem Miike ohne zu moralisieren menschliche Gesellschafts- und Kulturtradition auseinandernimmt und ein paar Seitenhiebe in Richtung der Imperialisten aus Übersee gibt es noch obendrauf.

De:Bug 12/06


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