Ohaueha, über ein plockeriges Rhythmusfundament schichtet Solomun bei „Don’t Cry“ Pianoläufe und dramatischen Streichereinsatz, als wolle er Faze Action für das Electro House-Jetzt updaten. Das hat seine zugreifenden Momente, hätte aber ruhig gerne noch dramatischer sein dürfen, wenn man schon mal dabei ist. „The Way Back“ bietet plastillinen House mit Âme im Hinterkopf und einer Eric Kupper-Gedächtnis-Solo-Orgel, sehr sauber, aber auch etwas zu sauber und irgendwie untief. „Somebody’s Story“ ist ein Zwitter der vorherigen Stücke mit Mut zur Opulenz, der unbeirrt die Restnacht aufrechterhält, während draußen schon die Vögel zwitschern und die Sonne wenig später knallen wird, als wäre sie zwischenzeitlich auf wenige Kilometer herangerückt.
Rock und Disco, die wackelige Allianz. Auf so viele glückliche Aufeinandertreffen zwischen No New York und ELO kommen mindestens ebenso viele unglückliche, manifestiert in etlichen Auftragsspezialmixen kredibler Discotypen seit Dekaden, die an beiderlei Zielpublikum vorbei, meistens nur in beinharten Hi-NRG-Clubs bzw. Traktordissen und ihren modernen Pendants ihren Zweck erfüllten. Man stelle sich das vor wie Al Pacino auf der Tanzfläche in „Cruising“: fremder Turf, ungewohnte Rituale, falsche Bewegungen. Insofern gehen Holy Ghost den richtigen Weg. Ein bisschen Gniedelgitarrenpart geht schon und das unterschwellige 70erRockglorienzeitgefühl vermischt sich ganz proper mit den weitflächigen Insignien von Jetztzeitdisco, vor allem wenn man einfach so unbedarft und referenzstressbefreit ins Rund feuert wie hier geschehen. Run Roc hingegen der flirrend-stoische Part, sein Mix jagt die Chants und den Bass durch einen Echostrudel und geht beherzt ein paar Schritte in Richtung Mittneunziger-Trance. Also ingesamt eine prima Platte für Beardo-Apologeten, die schon mal zu ganz anderen Sachen getanzt haben.
Zum vierten Mal schiebt sich Four Roses nach vorn, zum zweiten Mal mit Danilo Plessow, der hier auf dem Titeltrack eine Sehnsucht nach flächendeckender Strobohypnose auslebt, mit erneut gewichtigen Ergebnissen. „Sun Sequence“ schwingt wie ein außer Kontrolle geratenes, überdimensioniertes Pendel über den Köpfen, stoisch und schwer. Die Sonne, um die es hier geht, hat nicht mehr viel Amtszeit vor sich und die Signale treffen mit einiger Verspätung, aber umso massiverer Wirkung ein. „Feel The Love“ ist ähnlich dunkel, kommt aber eher aus einem tiefen Gewölbe nach oben, wo es sich dann unvermutet als schwarzseidener Spotlight-Hustler entpuppt. Die Liebe, um die es hier geht, hat auch keine Zeit zu verlieren. Ein Blick muss reichen. Und reicht.
Herb LF kehrt zurück und verlängert den Höhenflug von Farside um eine weitere Katalognummer. Für all diejenigen, denen schon länger schwant, dass Deep House sich zur Zeit für den Konsensanschluss zu Techno zu oft in aseptischen Klängen verkalkuliert, gibt es hier einen äußerst wirkungsvollen Willkommensgruß. „Sunliner“ kreuzt im Blindflug Reese-Bass, Glockenspielohrwurm und warmes Flächenrauschen, das dürfte im richtigen Moment von der richtigen Hand am richtigen Ort in die Kategorie „schockierend“ fallen. Auch „Shake“ und „Down To The Sound“ gehen beherzt und weise mit den Zutaten um und haben noch dazu das Dub-As im Ärmel, ohne sich in Basic Channel-Konventionen zu veröden. Expertentum in frisch.
Hofuku Sochi im Live-Modus-Video-Audio-Mix im Hamburger Angelklub, und der Titel ist Programm. Wo die Krautrock-Elektroniker den Weltraum erforschten, kehren Stachy und Co. vor der eigenen Küste und tauchen weit runter. Der Sound ist jedoch durchaus vergleichbar. Es rumort und wabert, romantisiert drehen Bleep-Spiralen ihre Runden, später rücken ziemlich funktionstüchtige Dub-Basslines ein und es wird die Party forciert. Der freundlichste Ambient seit The Orb, mit entprechend lustig-anachronistischer Bildspur voller Cyberplankton und Sinuskurven, die an die seligen Zeiten erinnern, als X-Mix auf VHS der heiße Scheiß war. Dafür gehört ihnen die Calypso anvertraut und sie sollen solange auf große Erkundungsfahrt gehen, wie sie es für nötig erachten.
Welcome to the D.H.S. After Hours, the time when things make sense, friends will be friends and love is in the air. We firmly believe in the art of ending a night in style. In fact, we believe in it so firmly that we have become notorious for extending the very last song for quite some time. After all, there is always a next tune. Always. And who knows what tomorrow might bring?
Dedicated to those who are the last to order and the last to leave.
Andy Williams – The Village Of St. Bernadette Perry Como – We’ve Only Just Begun Sergio Mendes & Brasil 66 – Look Who’s Mine Shirley Bassey – I Won’t Last A Day Without You Bill Conti – You Take My Heart Away Dusty Springfield – Take Another Little Piece Of My Heart Five Stair Steps – Ooh Child Diana Ross – Ain’t No Mountain High Enough The 5th Dimension – Magic In My Life Charlene – I’ve Never Been To Me Carole King – Up On The Roof The Walker Brothers – My Ship Is Coming In Glenn Campbell – Wichita Lineman Mireille Mathieu – J’oublie La Pluie Et Le Soleil Andy Williams – A Song For You The Hollies – He Ain’t Heavy, He’s My Brother The Fugs – Burial Waltz The Beach Boys – Feel Flows Lou Reed – Perfect Day Sammy Davis Jr. – I’m Over 25 But You Can Trust Me Telly Savalas – Looking Back At Thirty Herb Alpert & The Tijuana Brass – Without Her David McWilliams – The Days Of Pearly Spencer Gary Puckett & The Union Gap – The Beggar The Kinks – Waterloo Sunset Richard Harris – Mac Arthur Park Frank Sinatra – Sunrise In The Morning Elvis Presley – The Impossible Dream Vikki Carr – Eternity Mary Roos – Morgens Um Fünf
Todd Rundgren – Breathless Phil Manzanera – Frontera Yosui Inoue – Kagirinai Y?b? Love – Between Clark And Hilldale Lighthouse – One Fine Morning The Kinks – Shangri-La Roxy Music – Could It Happen To Me? David Bowie – Changes Todd Rundgren – I Saw The Light Electric Light Orchestra – Evil Woman Bo Donaldson & The Heywoods – Who Do You Think You Are Merrilee Rush – Save Me Nicolette Larson – Lotta Love The Hollies – Draggin’ My Heels Daryl Hall – Stop Loving Me, Stop Loving You The Four Seasons – Long Ago Hamilton, Joe Frank And Reynolds – Fallin’ In Love Michael Franks – St. Elmo’s Fire JJ Cale – Magnolia Arlo Guthrie – Last To Leave
Die tanzbare Seite von Library Music wurde ja schon mal ab den mittleren 90ern im Zuge des damaligen Easy Listening-Hypes aufgedeckt, etwa von dem KPM-Sampler auf Strut und diversen halbseidenen Compilations aus Italien. Jetzt hat die anhaltende Begeisterung für das Kosmische wieder die Tore geöffnet, Raymond Scott ist wieder wer, und in den Archiven der Fließband-Studiotüftler der 60er bis 80er sollte auch noch zur Genüge Material abzugreifen sein, um bis zur nächsten Obskuritäten-Baisse Spezialwissen zu streuen. Nur machen den Job hier jetzt nicht mehr etwa The Karminsky Experience oder andere Zeitgenossen, sondern die Franzosen Alexis Le-Tan und Jess aus dem Tigersushi-Umfeld. Was sie zusammengetragen haben, klingt ähnlich wie zur ersten Renaissance: die funky Seite von Muzak, Auftragsdisco, sowohl einsetzbar um deine eingeweihten Freunde mit dem nächsten Checker-Mixtape zu überrumpeln, als auch als Hintergrundmusik für retro-futuristische Designideen. Das Genre bringt eine gewisse Formatfreude und Homogenität schon mit sich, aber diese Zusammenstellung ist trotzdem durchgehend treffsicher ausgeführt. Erfreulicherweise gibt es auch ein paar ziemlich gestörte Moog-Experimente, Flash Rock-Versuche und auch ein paar echte verhinderte Floorfiller zu hören. Vermutlich rutschen deren Komponisten schon bald wieder in den Schatten zurück, da heißt es zugreifen.
Compost bringt die Münchener Disco-Tradition mit dieser Mix-CD von Panoptikums Tom Wiegand zurück aufs Parkett. Zudem war man war ja schließlich der Nischenforschung vom Gardasee schon örtlich am nächsten dran. Der Untertitel „Space Disco“ ist dennoch etwas großzügig angelegt, denn die Titel von Selection und Jagg sind verdiente Italo-Boogie-Schwerter, und Two Man Sound bzw. Tony Allen künden wohl eher von der Begeisterung für Afro- und Latin-Perkussion der italienischen DJ-Vorreiter als von den unendlichen Weiten des Weltraums und den Bestrebungen, diese auf den Tanzboden zu transformieren. Dort landet man aber ohne Umwege bei den Ausflügen von Fachblatt-Schlagzeug-Legende Curt Cress, Ströer und Lee Harmony, Panoptikum selbst sowie dem britischen Library-Präsi Alan Hawkshaw und dem Moog-Reggae von Ken Elliott und seinen Vulkaniern. Das Grande Finale gebührt dem Remix von „Ain’t Nobody“, den Frankie Knuckles vermutlich tatsächlich herbeihalluziniert hat. Als Mix folgt diese wirklich schöne Auswahl einer einnehmenden und flott vorgetragenen Dramaturgie, die jeder, der sich von der gelegentlichen Nöligkeit von Vollbart-Disco-Verfechtern belästigt fühlt, als geradezu vorbildlich empfinden dürfte.
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