Nach einer sehr schick verknappten Erstauflage im Webshop von Innervisions mit dem Mehrwert der Alternativversionen, überbringt Gerd Janson nun regulär seine Botschaft vom Planet Liebe den ungeduldig ausharrenden Beardo-Astronomen. Sie werden es huldvoll empfangen, denn „Voice Of Planet Love“ ist ein wirklich sehr gelungener Track, der über zehn Minuten den Boogie-Groove von Jackie Moores „This Time Baby“, Nu Groove-Atmosphäre und Phuture-Vocals zu einem trippigen Gipfeltreffen zusammenbringt, und damit nicht nur die eigenen musikalischen Vorlieben in einem Rutsch abklatscht, sondern auch die einer amorphen Zielgruppe, die sich ihr House nicht ohne Geschichte und schon gar nicht ohne Disco vorstellen kann. Innervisions revanchieren sich auf der B-Seite für die Erstverwertungsrechte mit zwei Remixen, die ähnlich konsequent auf eben dem ihren Turf stattfinden. Marcus Worgull bedient sich bei seinem äußerst knackigen Groove im New York der frühen 90er, und lässt dazu noch mal den eigenen Drachen raus, was prima zusammenpasst. Dixon verfährt mit ähnlichen Akkordfolgen und verbeugt sich nicht nur mit Bassline und Handclaps vor der Alten Schule, er gönnt uns sogar ein echtes DJ International-Piano. Im Vergleich zu Worgull hat sein Groove weniger Bums, aber dafür bietet seine Dramaturgie mehr Gelegenheiten für euphorische Kollektivmomente in großen Räumen.
William T Burnett alias Speculator unterhält von Brooklyn schon seit Jahren die schrullige Diggerwissen-Sendung „Short Bus Radio“ und hat nun sein eigenes Label gegründet. Die erste 12“ ist überraschend housig, und nicht nur das, sie ist schlichtweg sensationell. Bei $tinkworx holpern sich trunkene Pianos und wehmütige Flächen und eine Acid-Bassline in einen absolut wundervollen zehnminütigen Taumel, bei dem man jeden Laternenpfahl mitnehmen würde, wenn man ihn auf dem Nachhauseweg lautstark in den Ohren hätte. Kinoeye AKA Datahata ebenso bestechend, mit einem launischen Spoken Word-Track, bei dem über rumpelige Beats, Bleeps und leicht manische Kreiselsounds die eigene Entschlossenheit angesichts der Dreckswelt hochgehalten wird. Suck on this, Wohlklangfraktion.
Ich kann mir nicht helfen, bei Library Music stelle ich mir immer biedere Studiomusiker vor, die stündlich einen artfremden Gemütszustand abrufen müssen und dabei ungehalten vom Mann am Mischpult zurechtgewiesen werden. „Hallo? Die Vorgabe war Love-in in Monterey und nicht Stadtfest in Kitzbühel! Das geht doch wohl schon noch ein bisschen freakiger, die Herren? Also noch mal von vorn, und gerne ein bisschen mehr Tempo, wir essen zeitig“. So in etwa. Bei dem Personal dieser Aufnahmen bin ich mir aber nicht so sicher. Es könnte sich auch um verhinderte Gegenkulturaspiranten handeln, die mit Muckerjobs die Kasse aufbessern, bis sie endlich gen Westen ziehen und ihr Konzeptalbum verwirklichen können. Vielleicht hat man sich vor dem Aufnahmetermin aber auch einfach nur sehr gründlich mit Stimulanzien in Stimmung gebracht, so wie es hartnäckig von den Zeichnern der klassischen Disney-Filme kolportiert wird, um deren ausgehakte Fantasiewelten wenigstens ansatzweise erklären zu können. So oder so, auch der zweite Teil von „Space Oddities“ ist wunderbar kuratiert, diesmal deutlich psychedelischer, und voller erstaunlicher Kleinode, die vollkommen gerechtfertigt vor dem Schicksal bewahrt gehören, irgendwo zwischen Kaminklassik, Südseegezupfe, Lagerfeuerromantikgeschmuse und sonstigen Fetenhits in einer Curver-Box unter dem Flohmarktisch ihre letzten Tage verbringen müssen.
The Druffalo rave saga continues. This time round the Druffalo Hit Squad travels back to the classic sound of Motor City. No, we didn’t ask for permission.
Never On Sunday – The Journey (Retroactive) Constant Ritual – Hard Way To Come (Network) Psyche – Elements (Planet E) R Tyme – R Theme (Transmat) Mia Hesterley – Spark (Ten) Intercity – Out Of Control (KMS) Neal Howard – Perpetual Motion (Future Sound) Vice – Mindmelt (430 West) Suburban Knight – The Worlds (Transmat) Reese – Bassline (Fragile) H&M – Sleepchamber (Axis) M5003MB – The Cosmic Courier (Metroplex) Open House Feat. Placid Angles – Aquatic (Retroactive) Octave One – Octivate (430 West) Mayday – Nude Photo 88 (Kool Kat) Model 500 – Electronic (Metroplex) Blake Baxter – Forever And A Day (Ten) Esser – Forces (KMS) 69 – My Machines (Planet E) E Dancer – Feel The Mood (Incognito) Octave One – I Believe (Transmat) Underground Resistance – Hi Tech Jazz (Underground Resistance) Pod – Vanguard (Buzz) Inner City – Praise (Ten) Alien FM – Art Of Illusion (430 West) Psyche – Crackdown (Buzz) Paris Grey – Don’t Lead Me (Network) Never On Sunday – Urban Rains (430 West) New Birth – Don’t Blame The Young Folks (For The Drug Society)
Seit jeher gibt es diese Typen, die einen untrüglichen Riecher für wichtige Entwicklungen haben. Typen, die in irgendeiner Funktion den Wagen in Bewegung setzen, und dann längst abgesprungen sind, wenn die Mehrheit später einsteigt. Milo Johnson fing 1979 mit Auflegen an und war Teil des legendären Soundsystems The Wild Bunch aus Bristol, dessen andere Mitglieder später groß Karriere machten: Nellee Hooper ging zu Soul II Soul und der Rest wurde Massive Attack. Milo Johnson hingegen machte ebenso erfolgreich und metropolenübergreifend in Mode und Design und wurde sporadischer DJ und Produzent auf hohem Level, der seinem eigenen Erbe 2002 mit einer schönen Mix-CD auf Strut ein schönes Denkmal setzte. Von 1992 bis 1993 produzierte Milo eine Reihe äußerst merkwürdiger House-Platten, deren stilistischer Hintergrund sicherlich bei den Disco-, Electro-, und Dub-Klassikern seiner DJ-Laufbahn auszumachen ist. Zu jener Zeit war House mit Disco-Samples nichts Bahnbrechendes, Legionen von Latino-New-Yorkern hatten eigentlich schon alles ausgereizt was man mit Vocal- und Arrangementschnipseln aus dem Backkatalog der Traditionslabels von Salsoul bis West End und darüber hinaus anstellen konnte, und die große dekonstruktivistische CutUp-Offensive aus Chicago war auch schon in Vorbereitung. Was das Projekt Nature Boy dennoch einzigartig macht, ist die Art und Weise, wie mit den historischen Referenzen umgegangen wird. Durchgehend gibt es eine total kaputte Grundstimmung, die zum einen an Mülleimer-Beats und bis zur Verzerrung aufgedrehtem Bässen liegt, zum anderen daran, dass die Samples teilweise komplett losgelöst vom Originalkontext zu etwas zusammengesetzt werden, dass mit den ursprünglichen Verheißungen von Disco nicht mehr viel zu tun hat. Dieser Eskapismus wird nicht von Edelschampus befeuert, sondern vom billigsten Fusel. Die Samples sind nicht mehr als hinterhältige Lockvögel, Verkehrsschilder die verdreht wurden und einen Weg weisen, den man lieber folgen sollte, denn dort leuchtet nichts mehr und kaum jemand kam je zurück. Ruff Disco in der Tat, im ugliest Edit.
Nature Boy – Ruff Disco Volume One (Black Label, 1992)
Anfang der 90er Jahre hatte man in Kanada eine Weile aufmerksam den internationalen Entwicklungen von House und Techno zugehört und machte sich dann daran, selbst wichtige Beiträge zu leisten. Richie Hawtin und John Acquaviva versuchten sich mit Plus 8 erfolgreich an englischen Bleeps, kontinentaleuropäischem Rave-Krach und den Vorreitern aus dem nahen Detroit, das Label Hi-Bias hingegen orientierte sich vornehmlich an englischem, italienischem und New Yorker House mit Pianoschwerpunkt. Und dann gab es noch das von den Produzenten Hayden Andre Brown und Ron Allen gegründete Label Strobe, dessen Programm all diese Stilelemente aufnahm und zu einem eigenen spezifischen Sound umformte, der jahrelang einzigartig bleiben sollte. Zwar veröffentlichte man auf Strobe in drei Jahren nur ein gutes Dutzend Platten, aber jede von ihnen richtete sich auf ewig im legendären Teil des globalen Deep-House-Gedächtnisses ein. Wie Brown und Allen dabei vorgingen, lässt sich auf dieser Platte ihres Gemeinschaftsprokets Infra-Red von 1991 eindrucksvoll nachhören. „Love Honey“ ist introspektiver Deep House, der sich über ein emotionales Spoken Word-Intro und das Accapella aus dem Paradise Garage-Evergreen „Love Honey, Love Heartache“ von Man Friday ganz der Wehmut nach der verflossenen Liebe hingibt. Die Melancholie, die hier auf jedem Klavier- und Vibraphonakkord und den archetypischen Flächen liegt, konnte man zu der Zeit auch auf vergleichbaren Deep House-Platten aus New York hören, aber nicht oft in solcher Intensität und Schönheit. Lover, die eine derart grundlegende Verwirrung und Enttäuschung sowie auch sonst nur Schutt und Asche hinterlassen, können nur in erschütternden musikalischen Denkmälern verarbeitet werden, wenn überhaupt. Wie man solche komplexen Gemütszustände auch mit anderen Mitteln transportiert zeigt „The Verge“, das andere Meisterwerk dieser 12“. Die wuseligen Rhythmen und Klänge zeigen klar gen Detroit, aber dort setzte man sie selten zu so einer tiefenhypnotischen Nachtfahrt zusammen. Als würde man von einer mysteriösen Tonfolge dazu getrieben, abwechselnd in der Mitte der Stadtautobahn zu rasen oder deren Leitplanken zu streifen, und den Fahrern, die im Rückspiegel flackernd hinterher schlingern, scheint es mindestens genauso zu gehen.
Johnny Dynell war als DJ in den 80er Jahren eine Schlüsselfigur der Downtown New York Szene. In legendären Clubs wie Area, Mudd, Limelight, Pyramid und der Danceteria dirigierte er die Hipster-, Künstler- und Fashionista-Parade durch die Nacht. Danach trubelten House und die Club Kids durch die Stadt, und Dynell eröffnete 1990 mit anderen geschlechtlich undefinierten Glamgestalten den Club Jackie 60, der irgendwo zwischen Drag, Performance Art und reinem Wahnsinn die Vorlage für die Dekadenzkultur und Verhaltensabnormen der Großkathedralen späterer Jahre wie Tunnel, Sound Factory und Limelight bildete, und sich mit einer kuriosen Eigentribut-Deep-House-Conferencier-Platte namens „Jackie 60 Hustle“ und in Bälde auch mit Jackie 60: The Movie zelebrierte. Diese Platte hier ist aber nicht die vielleicht zu erwartende völlig überkostümierte Do’s and Don’ts-Liste mit viel zuviel Make-Up, sondern ein hymnischer Popstarversuch. Eine herzzerreißende Deep House-Ballade mit wahrlich fulminantem Personal: Arthur Baker produziert, Eric Kupper spielt, Victor Simonelli editiert, Jocelyn Brown, Connie Harvey und Tina B singen mit, und David Morales defmixt in seiner unverkennbaren Red Zone-Phase, die mit dem dicken Bass und den kühlen Flächen. Dynell füllt die Crooner-Pose überraschend gut aus, und das Ganze ist auch mit dem nötigen Ernst dargeboten, nur am Ende kommt ein gesprochener Part in dem der Sänger die Liebe seines Lebens zum Bleiben beschwört, und diese nur unbeschwert und gewissenlos in Richtung des nächsten Typen stöhnt. So war es damals, große Gesten und exaltierte Hinterhalte, aber man war von den ganzen Behauptungskämpfen noch nicht so abgestumpft, dass man nicht auch eine Platte wie diese hier in den Szeneklatsch werfen konnte.
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