Blitzeblanken, elektroiden Hip Hop im Mittelgeschwindigkeitsbereich mit ein paar dampfenden Soul-Einlagen hat uns Sepalot von Blumentopf auf seinem ersten Album gefertigt. Frank ‚N’ Dank, MC Blu und Saigon sind aufgesprungen, Miss Platnum, Ladi6 von Fat Freddy’s Drop und Olivier Daysoul singen dazu. Anvisiert ist also die glaubwürdige Seite der Party, mit Anbindung an internationales Geschehen zwischen JDilla, P-Funk-Erinnerungen und einer kleinen Prise Mark Ronson. Die Zeiten, in denen man bei deutschen Produktionen in diesem Sektor die sich messen könnende Umsetzung hervorheben musste, sind eh gegessen, das setzen wir jetzt voraus. Professionalität verträgt sich jedoch auch oft unzureichend mit Individualismus, und zuweilen drängt das Slickness-Gebot die Songs etwas in die Beliebigkeit und bestens erkundete Gebiete, darin den Standards aus Übersee auch total auf Augenhöhe. Aber gut, wenn man sich nie auf Ganovengedöns festgelegt hat, dann ist man jetzt für alles offen. Ähnlich effizient hätte Sepalot vermutlich auch Krautrock-Breaks choppen können, oder eben Westcoast-Soft Rock, um überregional zu bleiben.
Funktional-minimaler Chord-House aus Frankfurt. Im Original ist es perkussiv und von einer kaskadigen Ohrwurmmelodie getragen, die an Kevin Saunderson erinnert, jedoch minus den Funk, den Schmutz und die Gefühle. Der Remix von Broombeck verzichtet auf diese Signalwirkung und hüpft etwas ziellos voran bis ein sich beschleunigender Echokammer-Break kurz Verwirrung stiften soll. Danach hüpft er etwas zappeliger weiter, aber nicht wesentlich. Die Version von Dadableep hat auch so einen blinkernden Pingpong-Groove, aber erheblich mehr Spielzeit. Gefüllt wird diese vor allem durch spiralige Bleeps, später noch eine Lasur dräuender John Carpenter-Flächen. Sensou nimmt die Akkorde des Originals wieder auf, und den Groove der anderen Versionen dazu. Wenn das alles von der gleichen Person fabriziert wurde, ich wäre nicht verwundert.
Ian Pooley passt selbstverständlich in den gegenwärtigen Wust aus techigem Deep House und Disco-Zerlegung, er ist diese Themen ja schließlich auch schon vor Jahren angegangen. Das klingt vielleicht gefälliger als bei anderen aktuellen Produzenten, dafür weiß er aber, wie man ein Album strukturiert und diese Mischung aus Effizienz und Enthusiasmus vor allem seiner Veröffentlichungen aus den mittleren 90ern ist immer noch intakt. Wo andere osteuropäische Atonaljazzer und Gleichgesinnte verarbeiten, beharrt er auf seine Brasil-Anleihen. Wo andere Disco bis in die letzte Library-Ecke drängen, sucht er sich David Joseph aus. Wo andere den Kumpel, der auch singt, ins Studio holen, swappt er Gegenleistungen mit Robert Owens. Wo andere die Marktführer werkgetreu nachbauen, passt er sich Entwicklungen allenfalls an. Das ist eben der Unterschied. Ich finde das völlig in Ordnung.
Naheliegend, aber jetzt erst ausgeführt: Hot Chocolate’s Sleaze-Klassiker „Don’t Turn It Off“ als Modern Boogie. Latent cheesy angelegt, aber Qzen am Mikro wahrt die erforderliche Nonchalance. Auf dem gleichen Acker fuhrwerkt „Theme From Nutrider“, nicht unbedingt mit Turboboost, aber locker fiepend aus der Hüfte geschwungen. „Huffbochenté“ drückt das Pedal ein bisschen mehr durch, führt erst mit dräuenden Arpeggios in die Irre und zwirbelt sich dann gekonnt mit Melodiebass und kalten Flächen gen Manchester, FAC-Verzeichnis ca. 60 bis 80. Aber gerne doch.
Beim fünften Album der Blaktroniks ist der Titel wahrlich Programm, es geht um Soul. Das Gefühl von Hitsville Detroit, und nicht Hitfabrik Mark Ronson. Es geht um Einkehr, Glaube, Asyl, trotzende Rückzugsgebiete in grimmigen Umgebungen, und nicht um Divenhände, Booty und überkandidelte Vehikel. Den Bogen von ihren verschachtelt störanfälligen Digibeats und -sounds zum Inner City Blues schlägt man anhand von Edward Robinson, ehemals Soul-Crooner in 60’s Motor Town und Vater von Kollektivgründer Edd Dee Pee. Wenn er die intensive Stimme erhebt, geht die Konfrontation der Gegensätze von klassischer Soul-Tradition und den Gesetzmäßigkeiten reduziert-untergrundigen Hip Hops geradezu bestechend klar auf: Aus den Stimmen des Sängers und der MCs klingt unterschiedliches Erleben, aber das gleiche Ziel. Daneben gibt es ein Manifest, das zu Heuchlertum und Minstrelisierung in der Sache Stellung bezieht (hallo, Flavor Flav), Nebenauftritte von Sister Gudrun Gut und Moritz von Oswald, entsprechende Remixe stehen auch noch an. Die Überfälligkeit vom Ganzen ist frappierend, das soll und muss Schule machen.
Wie andere Pioniere vor allem amerikanischer Großstadtherkunft, mag sich auch Francois Kevorkian nicht mehr auf den Lorbeeren seiner älteren und jüngeren Vergangenheit voller Studio- und Clubgroßtaten ausruhen, auch wenn sie sich quer durch die Musikgeschichte ziehen. Wie schon seine letzte Mix-Kompilation „Frequencies“, beweist auch dieser opulente Dreierpack, dass er sich auch prima als Legendenfaktor in den Line-ups der internationalen Ravepaläste und Festivalzelte macht und seine Erfahrungswerte im Umgang mit Fluss und Klang sich nicht mit heutigen Peaktime-Maßstäben reiben müssen. So bleibt man around. Leider gibt es von ihm aber auch vergleichbar viele Studio- und Clubgroßtaten, die diese Selektion an Originalität in den Schatten stellen, so zielsicher und klangerfahren er den Hit Sound of Now hier auch verweben mag. Wenn einem so dezidiert „Masterpiece“ entgegenprangt, ist man etwas verwundert ob der vielen zeitgenössischen Allzweckwaffen, deren Zeitlosigkeit sich in vielen Fällen wohl noch beweisen muss. Ich will gar nicht unterstellen, dass ihm das Geknarze, Gefräse und zuweilen Getrance nicht auch am Herzen liegt, aber diese Kompilation nimmt immer dann an Intensität und Überzeugungskraft zu, wenn er sich auf deepes, dubbiges, eklektizistisches und auch klassisches Terrain begibt. Zwiespältig.
Adam X war in den amerikanischen Technoclubs der frühen 90er einer der Zuständigen für die harte Knute und das ist er, mittlerweile in Berlin angelandet, auch geblieben. Stilistisch ist seine musikalische Heimat hingegen nun die Musik, die früher von kräftigen Kerlen in schweren Tretern, Tarnklamotten und Spiegelglassonnenbrillen in findig rasierten Köpfen von den verdrogten Clubs in Beneluxländern bis in unzugängliche Kellerkabuffs in Osteuropa ausbaldowert wurde. EBM, Electro, und wer unter Industrial nicht die fies-experimentelle Schule von etwa Throbbing Gristle versteht, sondern den Stechschritt von Front 242 und Konsorten, wird auch das dazu sagen. Altmodisch martialisch werden einem diese Tracks durchs Gehör geschrammt, mit gelegentlichen Ablenkungen aus dem Endzeitunheil zwischen Detroit und Sheffield. Verhält sich im Post Punk-Erbe wie anderswo Northern Soul zu Disco.
Fernab jeglicher Laptopresetbeengungen und Clubkulturdiktate hat sich Stefan Aschermann alias Beatvox in einem Wust von Kabeln, analogen Synthies, Schlaginstrumenten und 4-Spurgeräten eingemümmelt und koordiniert offensichtlich unbeirrt seine leicht abseitige und selbstgenügsame Sicht der schön klingenden Dinge, die aus so einem Setup entstehen können. Das kullert, zappelt und torkelt manchmal wie absichtlich wieder falsch zusammengesetztes Spielzeug auf frischen Batterien mit rumpeliger Grandezza durchs Terrain, in anderen Momenten meint man zu hören, dass Bob Moogs Zauberlehrling in dessen Abwesenheit emsig alle Geräte ausprobiert, obwohl es ihm ausdrücklich untersagt wurde. Soll er gerne noch eine Weile weitermachen damit, denn Probieren geht über Studieren.
Mighty Robot Recordings aus Glasgow sind definitiv in jungen Jahren in den Zaubertrank aus WBMX, Italo und Electro gefallen und befeuern seitdem konsistent die Heavy Rotation des Cybernetic Broadcast System und aller Gleichgesinnten mit wissenden Preziosen. English Electric stellt hier die Schnittstelle zwischen Munich Disco und Carpenter/Howarth her und lässt nachtschattige Flächen mit geschmeidigem Sequencer-Boogie zusammenschwappen, bis man nur noch verwischte Lichter in urbanen Problemzonen und futuristische Fortbewegungsmittel im Kopf hat. Zugang gewährt.
Lullabies In The Dark sind Vito de Luca von Aeroplane und Jim Adam, und Marie und Elise können sich glücklich schätzen, denn die ihnen gewidmete Serenade ist ein ambitionierter Grenzgänger zwischen entrückter Space-Rock-Psychedelia und melancholischem Boogie, in dem Glocken und Gitarren erklingen und sich Fuchs und Hase einvernehmlich Gute Nacht wünschen. Der Remix von Aeroplane schickt das Ganze als beherzten, dickbassigen Midtempo-Groover auf den Tanzboden, auf dem man sich einbildet, fluoreszierende Partikel würden als Sternschnuppen auf alle herunterfallen. „Code 7429“ verbindet verblüffend kongenial zeitgenössische Discolehre mit Ravesignalen der alten Schule. Da werden sich sowohl Beardo-Discoteers als auch Rave-Traditionalisten grün und blau ärgern, das nicht schon vorher gewagt zu haben. First come, first serve.
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