Ein Animationsfilm in scharfen Schwarz-Weiß-Kontrasten, dessen Figuren durch Abfilmung realer Bewegungsabläufe bei aller Stilisierung einnehmend wirklichkeitsnah geraten sind, und dessen visuelle Detailwucht erstaunlich ist. Ein Comic läuft hier ab und in jedem Still gibt es soviel zu betrachten, dass die geistige Verarbeitung dessen sich erstmal einpendeln muss, bevor man dies als bloßen Feature-Film anschauen kann, der sich bei seinen Motiven gerne der originären Vorgaben von Ridley Scott über Mamoru Oshii bis Frank Miller bedient und sich auf der Handlungsebene dezidiert in die Tradition von Film-Noir-Erzählstrukturen im Sci-Fi-Genre einhakt. Auf der Bildebene ergeben sich so einerseits schöne Zitatpuzzle, anderseits jedoch auch eigenständige Momente mit langem Nachhall, und vor allem in der Ausarbeitung der atmosphärischen und technischen Einzelheiten wird das Potential des Mediums voll ausgeschöpft. Dieses Maß an Akribie und Erfindergeist vermisst man im Vergleich umso mehr beim Skript, denn der Plot bietet wenig mehr als das übliche Gemisch von mysteriösen Schönheiten, gebrochenen Cops, Wissenschaftlern im Hybrismodus und korrupter Corporate-Obrigkeit, das sich ziemlich berechenbar durch schematische Dialoge und Wendungen laviert. Das Drehbuch hinkt so oft der optischen Entschlossenheit hinterher heutzutage, das ist wirklich merkwürdig.
Teile der Glasgower Szene fungieren schon etwas länger als ideologischer Außenposten des Cybernetic Broadcast System von I-F und dessen vorwiegenden Soundkoordinaten Italo, Electro und WBMX. Nach bereits bemerkenswerten Releases von Ra-X, Voigt Kampff und Martin van der Vleuten folgt jetzt diese EP von Sneak Thief und Lindsay Joy-Griffin, deren Stimme sehr sweet an die großartige Rah Band erinnert. Im Original ist „Open The Door“ noch ein delikater Space-Lovesong, der dann in den Bearbeitungen von den Polygamy Boys, Truffle Club und Imatron Voima ebenso schön in die Gefilde von Dub-Boogie, Sewer Electro und futuristischem R&B übertragen wird. Die Vocoder sind auf sachte Verführung geschaltet, der Bass glitscht zufrieden und die 808 schnurrt wie die Tigerkatze. The long hot summer just passed me by.
Der Journalist, Cartoonist und Schriftsteller Haden-Guest betreibt mit The Last Party eine persönliche Aufarbeitung New Yorker Nightlife-Kultur von der Eröffnung der ersten Disco Clubs Mitte der 70er Jahre bis zu den Großclubs Mitte der 90er Jahre. Schwerpunkt und Fallbeispiel ist dabei der Aufstieg und Niedergang vom Studio 54 bzw. dessen Betreibern Steve Rubell und Ian Schrager. Als eine Art mehr oder weniger beteiligter Chronist Tom Wolfe’scher Prägung und regelmäßiger Gast gelangt er zu detaillierten Eindrücken vor und hinter den Kulissen und schob damit eine Wiederbelebung öffentlichen Interesses an der klassischen Disco-Ära an, die dann auch Hollywood 1998 mit den Filmen Studio 54 und Last Days Of Disco aufgriff. Ein Blick in den Index offenbart augenblicklich, worum es dem Autor geht; musikalische Protagonisten und DJs stehen in einem ausgeprägten Missverhältnis zu all den Celebrities, die den Ruf der Discoclubs als Hort von Glitz und Glamour begründeten. Auf eine Schwadron von Anekdoten über Truman, Bianca, Liza und Andy kommen nur ein paar über Nile, Larry oder Richie Kaczor, immerhin der langjährige Resident DJ des Studio 54. Francis, Nicky, Walter oder Francois finden gar nicht erst statt. Die Musik als Soundtrack des Ganzen gerät sehr arg zur Hintergrundbeschallung. Dennoch gelingt Haden-Guest bei allem Namedropping eine authentische Darstellung des Promi-Faktors und der nächtlichen Exzesse, beides natürlich auch ein wesentlicher Bestandteil des Phänomens Disco. Vor allem am Beispiel von Steve Rubell und dem Clubkid-Killer Michael Alig erhält man interessante Einblicke in drogenvernebelte Hybris und dessen Konsequenzen, denn beträchtliche Episoden des Buches befassen sich mit den gerichtlichen Auseinandersetzungen der Nightlords mit den Behörden, welche letztendlich die heutige repressive Situation nach Guiliani vorwegnahmen. Haden-Guests snobistisch-abgeklärter Kolumnenstil transportiert den Hedonismus und die Skandale angemessen und sehr unterhaltsam und auf all die Dramen zwischen Samtkordel und Katakomben des Studios gibt es durchaus auch Einblicke auf die andere Seite der Discokugel, da er seiner Szene-Entourage auch in alternative Läden wie Mudd Club, Mine Shaft oder Hurrah’s folgt. Wenn auch sein Augenmerk eher auf Neil Bogarts Casablanca Records liegt, fällt dann eben auch Michael Zilkhas ZE Records ab. The Last Party ist folglich eine prächtige Sittenchronik, die bei allem Klatsch einen Gutteil an Disco-Wissen abwirft, ich wusste zum Beispiel vorher nicht, dass Kevin Kline bei Cristinas ‚Disco Clone’ den männlichen Part sprechsingt. Plattensammler und Kulturhistoriker mit dem Schwerpunkt DJ-Kultur müssen dennoch weitgehend woanders nachschlagen.
Recent Comments