Sleaford Mods

Posted: May 15th, 2014 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , | 3 Comments »

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Ich interessiere mich schon seit Jahren nicht mehr sonderlich für Bands. Manchmal lese ich über irgendwelche Hoffnungsträger in irgendeiner dieser für Bands zuständigen Fachzeitschriften und mache einen unmotivierten YouTube-Test, und das führt dann fast immer dazu, dass ich mich weiterhin nicht mehr sonderlich für Bands interessiere. Als mir ein guter Freund vor einiger Zeit die Sleaford Mods als momentan beste Band der Welt empfahl, war ich dementsprechend skeptisch, lag aber komplett falsch. Die Sleaford Mods sind tatsächlich die momentan beste Band der Welt.

Jason Williamson, der das Projekt 2006 ins Leben rief, kann mit Bands prinzipiell auch nicht sonderlich viel anfangen. Wohl deswegen waren die Sleaford Mods eine Weile nur er selbst, dann traf er auf Andrew Fearn, und es wurde ein Duo. „I used to be in bands, fuckin hated it“, lautet die einzige Info auf der Bandcamp-Seite. Die ersten vier zwischen 2007 und 2011 nur auf Cdr erschienenen Alben waren dort bis vor kurzem noch als Download erhältlich, jetzt sind es nur noch die zwei Alben mit Fearn danach. Warum das so ist, liegt vorerst im Dunkeln. Vermutlich war Williamson erst mit den späteren Songs richtig zufrieden, es lungern offizielle Reissues auf ihren Einsatz, oder es gab die Erkenntnis, dass der rasch fortschreitende Bekanntheitsgrad mit heftigen Copyright-Klagen einhergehen könnte, denn aus der Not des Einzelkämpfers heraus bestand das Anfangswerk aus einem wilden Wust von Samples, querbeet der Northern Soul-, R&B, Beat-, Rocksteady-, Hip Hop- und Punkgeschichte wegzitiert, und das nicht in der obskuren Variante. „No samples cleared, bastards are loaded anyway“, lautete eine diesbezügliche Info zu einem vorerst verschwundenen Frühwerk, und mit diesem Duktus muss man schon klarkommen können, wenn man sich für die Sleaford Mods interessiert, denn er läuft quasi nonstop. Gerne werden Williamsons rotzige Schimpfkanonaden mit großen sozialrealistischen Grantlern der englischen Musikgeschichte wie John Cooper Clarke und Mark E Smith verglichen, noch kürzer gegriffen mit Mike Skinner, wohl auch wegen dessen entspanntem Verhältnis zur Musikalität von Beats, aber stets bleibt die Erkenntnis, dass Williamson seine eigene Liga ist. Der Mann hatte offensichtlich eine sehr lange Zeit viele Probleme, und man hofft fast, dass der aufgestaute Frust noch reicht, wenn er nicht mehr so viele hat. Bis dahin hasst er alles und jeden, und das mit Recht. Und sein Fluss von schmerzhaften Beobachtungen und wüsten Beschimpfungen ist so beeindruckend treffend, dass man ihm unbedingt zustimmen muss. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Idioten und Idiotie da draußen, schon allein deswegen ist er unverzichtbar. Und die Musik ist es auch, ein Musterbeispiel an Kongenialität. Anfangs bestach der Sound der Sleaford Mods dadurch, dass nur die besten Elemente relevanter Meilensteine als Loops isoliert wurden, und dadurch fast noch relevanter klangen, und darunter durchweg primitive, aber immer passende Beats. Andrew Fearn hat diese Idee noch effizienter gemacht, außer einer mickrigen Beatbox, postpunkigen Basslines und ein paar ausgewählt beiläufigen, aber immer zwingenden Sound-Irrlichtern lenkt jetzt noch weniger von Williamson ab, und trotzdem könnte man sich keinen Song anders vorstellen als er geworden ist. Auf der Bühne setzen sie das ebenso konsequent um. Im Hintergrund Fearn, der einen Laptop vor sich hat, sich aber die meiste Zeit höchstens damit beschäftigt, wie der Kumpel auszusehen, den der Sänger damals auf dem Arbeitsamt kennengelernt hat, und seitdem immer auf die Konzerte mitnimmt. Der komplett referenzbefreite Billo-Fly Boy-Look, mit markenloser Jogginghose, albernen T-Shirts, schlechten Kappen und schlechter Rasur, und immer ein Dosenbier in der Kralle und eine Fluppe im Maul, verantwortlich für den authentischen wenig frische Luft-Teint, merkwürdige Gesichtsausdrücke und sehr ungelenke und unmotivierte Dance-Moves. Williamson auch ein Getränk am Mann, teils zum Schmieren der im Dauereinsatz geforderten Stimmbänder, teils weil es eben auch sein muss. Er ist respekteinflößend charismatisch und eine coole Sau, und niemand wird es je wagen, ihn zu unterbrechen. Sein Aussehen und seine Kleidung verraten den Mod-Part in der Zusammensetzung, aber in der sehr beiläufigen Ausprägung, ein paar Insignien reichen, man nennt sich schließlich nicht die Chelsea Mods, und man hat zu viel Verstand, zu wenig Kohle und immer noch genug Working Class-Stolz um The Face sein zu wollen. Es ist fast ein bisschen rätselhaft, wie die beiden es hinkriegen, so dermaßen gut so viele Subkulturen auf einmal zu sein, sowohl textlich, musikalisch und äußerlich, aber sie kriegen es hin.

Die vielen, nicht sonderlich interessanten Bands müssen die momentan beste Band der Welt so sehr hassen, wie diese den Rest der Welt.

Taz


Work it!

Posted: July 27th, 2013 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , | No Comments »

dancemni

Ein Platten-Label, das in der internationalen House-Szene wohl am schmerzlichsten vermisst wurde, kehrt diesen Sommer zurück: Dance Mania.

Als der Betreiber Ray Barney 1999, von Steuerproblemen und strukturellem Wandel in der Musikwirtschaft geplagt, das Geschäft auf Eis legte, war nicht abzusehen, in welchem Ausmaß das Label aus Chicago auch ohne weitere Veröffentlichungen florieren würde. Von 1985 bis dahin waren immerhin fast dreihundert Veröffentlichungen zusammengekommen, eine für die schnelllebige Clubkultur schon bemerkenswerte Taktung. Und doch schrumpften die Bestände in den Plattenläden über die Jahre immer mehr zusammen, bis nur noch wenige Exemplare aus Lagerfunden übrigblieben, hochgepreist auf Sammler-Niveau. Die gesuchtesten Titel des Backkatalogs hingegen schraubten sich auf dem Gebrauchtmarkt bis auf dreistellige Beträge hoch, und so war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Gründungsmitglieder davon Notiz nehmen würden, dass sich das Geschäft wieder ausreichend lohnen könnte.

Denn das Geschäft war vor allem bei Chicago House immer ein entscheidender Faktor. Rocky Jones von D.J. International und Larry Sherman von Trax Records, den maßgeblichen Labels der House-Gründertage, waren Businesstypen von fast schon legendärer Zwielichtigkeit, und auch ihre zahlreichen, mit Knüppelverträgen ausgebeuteten Künstler kommen in Interviews mit größter Wahrscheinlichkeit an den Punkt, an dem es eher darum geht, für die Musik angemessen bezahlt, als angemessen künstlerisch gewürdigt zu werden. Auch bei Dance Mania wurde nach einer gnadenlosen Kosten-Nutzen-Rechnung gewirtschaftet. Der Sound der dort veröffentlichenden Produzenten war schon billig genug, kaum jemand konnte sich hochwertiges Equipment leisten und so manche Genre-Klassiker wurden auf geliehenen Geräten zustande gebracht. Doch man war jung, sprudelte vor Ideen, und man konnte es gleich um die Tat umsetzen, denn auch Dance Mania presste nahezu alles was von den lokalen Talenten angeliefert wurde. Und das natürlich möglichst ökonomisch. Altes Vinyl wurde in den Presswerken recycelt, und man kann die vorher darauf enthaltene Musik irritierenderweise in leisen Stellen noch heraushören. Man sieht auf den Rillen Zeitungspapier, oder sonstwie rätselhafte Krümelreste, viele Platten sind flattrig, und haben regelrechte Kerben am Außenrand. Und der Cut aus dem Mastering-Studio klingt bei einem Großteil der Platten so mumpfig, als hätte der Engineer begeistert ein Dolby-Verfahren benutzt, was schon in der frühsten Beta-Phase verworfen wurde. Kurzum, Dance Mania-Platten sind nichts für audiophil veranlagte Hörer, und so mancher ist schon bei dem Gedanken verzweifelt, welche Wirkung die Musik hätte entfalten können, wenn sie einfach besser klingen würde.

Aber genau das ist natürlich, was die Magie des Label-Repertoires ausmacht. Schon in den ersten Jahren erschienen Ausnahmeplatten von wichtigen Pionieren der House-Geschichte wie Marshall Jefferson („7 Ways“), Lil Louis („Frequency“) und Farley Jackmaster Funk (House Nation“), und obwohl man wie die anderen Chicagoer Labels sämtliche Phasen nach der ersten Blütezeit durchlief, zuerst Acid House, dann Vocal- und Hip House, es gab immer diese Tracks, die sich etwas weiter voran wagten als das Restgeschehen. Und als dann die Konkurrenz den Level der ersten Erfolge mit kommerzielleren Stücken erzwingen wollte, ging man bei Dance Mania den entgegengesetzten Weg, und wurde radikaler. Ausgehend von den reinen Rhythmus-Tools in den Sets legendärer DJs wie Ron Hardy oder dem Hot Mix 5-Team des Radiosenders WBMX, entschlackte man jeglichen Ballast bis auf das Basisgerüst, den Track. 1990 erschien „Armani Trax“ von Robert Armani und bestand nur noch aus einem Beat, Handclaps und einem sich stetig wiederholenden schabenden, metallischen Geräusch. Dennoch erzielt das Stück nur mit diesen minimalen Mitteln eine beeindruckende Sogwirkung, und der dazugehörige Erfolg machte schnell Schule. Nicht nur in den lokalen Clubs, sondern auch für die schnell wachsende Techno-Szene Europas waren die rauen Tracks aus Chicago von u.a. DJ Rush, Parris Mitchell oder Glenn Underground eine willkommene Alternative. Von ihrer oft fragwürdigen Klangqualität abgesehen waren sie das perfekte Werkzeug, dynamisch, punktgenau und bedingungslos effizient. Ob alleinstehend in ihrer ganzen ausgefuchsten Reduktion, oder im Mix als Unterstützung von auswärtigen Stücken mit mehr Arrangements, aber weniger Energie. Ab 1994 erhielt diese Mischung aus Beats und wenigen, markanten Tonsignalen eine neue Bedeutung durch die Zufuhr von Elementen aus dem Gangster-Bereich des Hip Hop, und wurde zu Ghetto House. Schon vorher waren Dance Mania-Platten gerne explizit, aber Produzenten wie DJ Funk, DJ Deeon oder Jammin’ Gerald trieben es auf die Spitze. Das Tempo wurde weiter erhöht und wenn man Fotos aus den Clubs in Chicago aus jener Zeit betrachtet, wird schnell klar, dass sich der rasant hochpegelnde Sexual Content vor allem an die Mädels richtete, die auf der Tanzfläche die komplette Sau rauslassen. Denn Tanzen zu dieser Musik war eine zutiefst physische Angelegenheit und wurde mit größter Hingabe betrieben. Und auch wenn man ein mehrstündiges DJ-Set nur mit Tracks bestreiten konnte, in denen man von einer herrischen Stimme aufgefordert wurde, irgendein Körperteil zu whippen oder zu worken, oder beides, die Musik war eine Dienstleistung unter extremer Belastung, die von den Künstlern sehr ernst genommen wurde.

Nach einigen Jahren, in denen sich dieser Sound wie geschnitten Brot verkaufte, ging es wieder zurück in den Untergrund, und nach der Pleite des Labels entwickelte es sich zu Phänomenen wie Juke oder Footwork, welche noch schneller aber rhythmisch vertrackter waren, und daher mit offenen Armen in der UK-Bass-Szene aufgenommen wurden. Und wie so oft wenn etwas aufgegriffen wird, besinnt man sich auf die Ursprünge, und der Funke springt in alle Richtungen. Schon bald hörte man die Dance Mania-Prototypen nicht nur in aktuellen Produktionen wieder, sondern auch im direktem Einsatz in der DJ-Kanzel, sei es in Kombination mit neueren Tendenzen oder in nostalgischer Reinkultur.

Natürlich ist es bezeichnend, dass der elektronischen Musik nach all den Jahren was zu fehlen scheint, das die Reaktivierung von Dance Mania immer noch bieten kann, aber schön ist es allemal. Und diesmal klingen die Platten besser, und jeder wird bezahlt.

taz 07/13