Rewind: Heiko Zwirner über “Reign In Blood”

Posted: February 22nd, 2010 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Heiko Zwirner über “Reign In Blood” von Slayer (1986).

Wie und wann bist Du zum ersten Mal Slayer begegnet?

„Reign In Blood“ ist Ende 1986 erschienen. Damals war ich 14 Jahre alt. Meine musikalische Sozialisation hatte bis dahin sich irgendwo zwischen „Formel Eins“ und der „Hitparade International“ auf HR3 abgespielt, und wenn ich mal ganz hart drauf war, hörte ich Queen, Gary Moore oder die Scorpions. Mit Beginn des neuen Schuljahres war ich jedoch in einen exklusiven Hometaping-Zirkel aufgenommen worden, dessen Hauptumschlagsplätze der Schulhof meines Gymnasiums und der Mannschaftsbus meines Fußballvereins waren. In diesem Tauschring wurde abgestimmt, wer welche Platten kauft und wem überspielt, sodass man am Ende des Monats alle relevante Neuerscheinungen auf Kassette hatte. Je extremer, desto besser. So lernte ich Metallica, Kreator und Anthrax kennen, aber auch klassische Metalbands wie Iron Maiden und Judas Priest. Ja, und dann kamen Slayer mit der angeblich härtesten Platte aller Zeiten: „Reign In Blood“, Album des Monats im Metal Hammer, und wegen des Mengele-Songs „Angel of Death“ von Anfang an heftig umstritten. Da die Scheibe keine halbe Stunde dauerte, ließ ich sie mir auf die A-Seite einer C60-Kassette überspielen (auf der B-Seite war „Another Wasted Night“ von Gang Green, aber das ist eine andere Geschichte). Ich kann mich noch erinnern, wie sich meine Mutter darüber wunderte, dass ich mein Zimmer verdunkelte, um „Reign In Blood“ über Kopfhörer zu hören. Welche Macht Slayer auch über andere hatten, erfuhr ich dann bei meinem ersten Metal-Konzert im Februar 1987. Helloween und Overkill spielten in Mainz, um zum Aufwärmen kam „Reign In Blood“ aus den Boxen. Bei „Criminally Insane“ hat die ganze Halle mitgesungen.

Warum hast Du Dich für “Reign In Blood” entschieden? Was macht das Album so wichtig für Dich?

Wenn man mich damals nach meiner Lieblingsband gefragt hätte, hätte ich vermutlich Anthrax genannt. Das New Yorker Quintett wirkte auf Fotos und in Interviews zugänglicher und sympathischer als die aggressiven Finsterlinge aus Kalifornien, und in ihren Texten beschäftigte sich die lustige Truppe um Scott Ian mit Situationen, die ich aus dem eigenen Alltag kannte. Die Typen von Slayer haben dagegen Angst eingejagt, die sahen richtig gefährlich aus. Kerry King trug ja damals immer dieses selbst gemachte Armband, das mit 250 fingerlangen Nägeln gespickt war.  Rückblickend haben Slayer jedoch klar die Nase vorn. „Reign In Blood“ hat sich bei mir tiefer eingegraben als jedes andere Metal-Album; über die Jahre hat es nichts von seiner Urgewalt verloren. Die Begegnung mit Slayer war für mich eine einschneidende Erfahrung. In diesen knapp 29 Minuten steckte so ziemlich alles drin, was ein Teenager, der das Leben bis dahin hauptsächlich aus dem Fernsehen kannte, bei der Herausbildung seiner Subjektivität brauchte: Massenmord, Religionskritik, Psychokiller – und Blut, das vom Himmel regnet. Mit einer überwältigenden Dichte und Intensität beschwört „Reign In Blood“ eine Welt herauf, die von Tod, Gewalt und Zerstörung bestimmt wird: die Hölle auf Erden. Gerade weil ich nur Fetzen von dem verstand, was da genau gesungen wurden, evozierten diese Songs einen gewaltigen, vulkanischen Bildereigen im Breitwandformat. In der Schule wurde einem ja damals noch ernsthaft vermittelt, dass Heavy Metal eine Gefahr für Seelenheil darstellt. Unser Religionslehrer warnte uns vor unterschwelligen Botschaften und berief sich dabei auf ein Pamphlet namens „Sie wollen nur deine Seele“, in dem Texte von Led Zeppelin und AC/DC analysiert wurden. Von daher war es stets auch mit einem wohligen Gruseln verbunden, sich auf ein so fragwürdiges Terrain zu begeben und Slayer zu hören. Read the rest of this entry »


Nöel – Is There More To Life Than Dancing?

Posted: February 17th, 2010 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

1979 war ein folgenreiches Jahr für Disco. Alle Kanäle waren schon zu voll damit, und die übergreifenden Abwehrreaktionen waren bereits allgegenwärtig, die dann in der schrecklichen Disco Demolition Night im Chicagoer Comiskey Park gipfelten, von der sich der kommerzielle Disco-Boom vorerst nicht mehr erholen sollte. Gleichzeitig kamen in dem Jahr zahlreiche Produktionen heraus, die andeuteten, wie es fortan weitergehen konnte. Disco ging zurück ins Experimentierlabor, das System war wieder offen, und gerade jetzt, in der Niederlage, als das Genre flächendeckend angezählt war, entdeckten viele Musiker den Reiz des Ganzen, und fingen an, den zum Freiwild gewordenen Sound für ihre Zwecke zu transformieren. Alles war wieder möglich, viele Clubmacher und Musiker sammelten im Untergrund neue Kräfte, die Mutation aus Disco und Post Punk seitens der New Yorker Downtown Szene um ZE Records stand kurz bevor (denn die Gegenkultur tanzt nur zum Sound der Hauptkultur, sobald er gescheitert ist), und allgemein schien es eine künstlerische Erleichterung gewesen zu sein, dass Disco als Thema so durch gewesen ist, dass es einfach egal war, was man jetzt damit anstellen würde. Den Gebrüdern Mael müssen jedenfalls noch die Sequenzen von Giorgio Moroder im Kopf herumgeschwirrt haben, die dieser für ihr 79er-Meisterwerk „Tryout For The Human Race“ produziert hatte. Mit diesem Album waren sie nicht mehr länger Disco-Sympathisanten, sie wurden selbst Disco. Und da sie gerade entdeckt hatten, wie gut Disco in ihre sehr eigene Welt passte, konnten und wollten sie auch nicht sofort wieder damit aufhören. Rasch suchten sie sich eine Interpretin für den Rest ihrer musikalischen Ideen und wurden in der merkwürdigen Sängerin Nöel fündig, die in den Kontext ähnlich quer eingesetzt wurde wie einst Andrea True und Amanda Lear. Und auch wenn die Sparks bei „Is There More To Life Than Dancing?“ im Hintergrund blieben, es ist durch und durch ein Sparks-Album geworden, und ein grandioses noch dazu. Die Melodien sind Sparks, die Texte sind Sparks, und Nöel singt sogar wie Russell Mael. Und die Musik hätte Moroder selbst auch nicht besser gestalten können. Sein futuristischer Sequenzer-Stil ist omnipräsent, wird jedoch mit der smarten Ironie und Detailverliebtheit versetzt, die alles auszeichnet, was den Sparks einfällt, wenn sie in Höchstform sind. Nach diesem genialen Intermezzo machten sie ein Jahr später mit Moroder mit dem Album „Terminal Jive“ genau an Ort und Stelle weiter, und thematisierten ihren endgültigen Abschied von klassischen Rocktraditionen mit den Worten „Rock and roll people in a disco world, They sing Hard Day’s Night, They’re as high as kites, And they sing and play and carry on like, Rock and roll people in a disco world“. Zahllose andere Überläufer von der Rock- zur Clubkultur haben sich da bis zum heutigen Tag wahrlich sehr viel dümmer angestellt.

Nöel – Is There More To Life Than Dancing? (Virgin, 1979)

de:bug 02/10


</p>
			 <hr/>
		</div>
		
				
				
		<div class=

Rewind: Appleblim on “Laughing Stock”

Posted: February 15th, 2010 | Author: | Filed under: Features | Tags: , , , , , | No Comments »

In discussion with Appleblim on “Laughing Stock” by Talk Talk (1991).

How and when was your first encounter with Talk Talk?

Well, I grew up with ’Life’s What You Make it’ and ‘It’s my life’ being played on Top Of The Pops and Radio 1 as I was a kid, so those are kind of part of my makeup, you know in that strange way that all the pop music u grew up with is just part of your brain make-up almost, it rubs off on you, and I loved those songs even before I really knew why…

What made you choose “Laughing Stock”? Why is it so important to you?

From there I didn’t really hear of them again until I joined a band in 1994-ish. The two guitarists were big fans of Talk Talk, but the later stuff. I’d not heard it before. They were really big albums with a big circle of friends of theirs, in Plymouth where I had moved to as a teenager. “Spirit Of Eden” came first, then “Laughing Stock”, and I just couldn’t get enough of them. They are completely associated in my mind and memory with some really amazing people and a period in my life that had a big effect on me. Obviously those teenage years are intense and I just remember two albums, along with Bert Bansch ‘It Don’t Bother Be’, Nick Drake ‘Pink Moon’, Pentangle ‘Basket Of Light’, XTC ‘Skylarking’, Autechre ‘Amber’, Orbital green and brown albums, they were what we listened to most, in the bedsits, smoking dope, being skint, on the dole, making music in bands….an intense time, but looking back totally magical. Read the rest of this entry »


Finn Johannsen – Sound On Sound

Posted: February 11th, 2010 | Author: | Filed under: Mixes | Tags: | No Comments »

Mix recorded for the muted noise of the metropolitan coldstore


Rewind: Chris Hobson on “Aaltopiiri”

Posted: February 8th, 2010 | Author: | Filed under: Features | Tags: , , , , , | No Comments »

In discussion with Chris Hobson on “Aaltopiiri” by Pan Sonic (2001).

Pan Sonic go quite a long way back in the history of modern electronic music, being formed in 1993. How and when did you first become aware of their music?

I didn’t start listening to electronic music until around about 1997. I was introduced to Pan Sonic in 1999 by one of my best friends. We discovered and taught ourselves electronic music together. He put me onto Pan Sonic and it immediately had a huge impact. It was only in time that I made my way through most of their back catalogue.

Why did you opt for “Aaltopiiri”? Can you describe what makes it so special for you?

I chose ‘Aaltopiiri’ precisely because it was the first Pan Sonic album I bought. I had one or two of their earlier albums on cassette or CD perhaps, but this was my real route in. In terms of music itself, it probably isn’t my favourite release of theirs, but it is the most important for me. This album was central in a kind of sonic renovation my ears and head underwent around 1999 – 2001, the effects of which I can still feel today. What Pan Sonic really taught me is what techno could be. It broadened my mental horizons in quite radical ways. Beyond ‘Aaltopiiri’ being a key moment for me in this regard, what I like about it is that personally it has the right balance of Pan Sonic’s noisier side and its more bleepy and drone sounds. Some of their later stuff has been a bit too noisy for me, here there is a pretty good weighting between the two. Read the rest of this entry »


Playing Favourites: DJ Sprinkles

Posted: February 3rd, 2010 | Author: | Filed under: Features | Tags: , , , , | 2 Comments »

Nina Simone – See-Line Woman (Philips) 1965

I picked this because of the extraordinary lyrics, which reappeared eventually in the house scene. Kerri Chandler did a version of it. And there are some rhythm patterns that you use as well. It was also a hit in the gay house scene. There are many house tracks based on this tune.

Personally, I really like Nina Simone a lot. I think there have been a lot of really bad remixes done of this track. For example, the Masters of Work remake added a really cheesy synth pad over her, so it’s really been bastardized a lot. But I think that’s part of the whole schmaltz of the gay house scene as well. That it has this way of reducing things to a cheap standard.

I think there’s a way in which it’s complicated to play music that verges more on gospel than soul in the club environment. And I think that’s something that Nina herself would like in a weird way. She identified herself less as a jazz musician, and more as a folk musician. And felt that she was channeled in the jazz corner by the industry. In her biography, she talks about being—if anything—a folk musician. That kind of cross-categorization is really interesting to me. And there’s also this idea of “How could her music get worked into a DJ set?”

Especially with this contrast between the euphoria of her live performances that is associated with her work, and her audience’s reactions to her work. She’ll play something like “Mississippi Goddamn,” this sad, tragic song. And the audience is like, “I love this song!” They’re cheering like idiots.

I think the same goes for this song. The way that she sings this song is not cheerful at all. That contrast struck me in that gay house context as well. It’s not the same sort of material that you ordinarily associate with it.

For sure, that’s something that I identify with in my own music. I often produce it from a perspective that people don’t sympathize with particularly. Or they approach it from an angle that is different from where I produce it from. They want to turn it into something, despite the complaints, that is energizing for a party. For me, I’m totally not concerned with this type of energy.

I really have a respect for her. I can empathize with this idea of immigration, of leaving the United States. It was under different circumstances, of course, but as an American who emigrated to Japan I feel a kind of simpatico with her.

Would you basically say that this streak in your work, where you reference things like this, is that you try to remain faithful to the original vibe of the material?

No. I don’t believe there is an original, or that there is something to be faithful to. I don’t believe in faith at all, in any form. I think this is important to clarify. That doesn’t mean just being kind of aloof or naïve about the connotations either. It’s about thinking about them in a way that allows for complications or recontextualizations as opposed to simply doing an homage or a tribute. Nina Simone has had enough tributes, you know? It’s OK if we don’t tribute always.

Gary Numan – Cry, The Clock Said (Beggars Banquet) 1981

Your Rubato series where you do piano renditions of Kraftwerk, Devo and Gary Numan. It struck me that all three of these acts have this weird relationship between technology and humanity. Was that your purpose with it?

Yes, of course. The purpose of the series was to investigate the techno pop icons that were the seminal acts of my childhood. And to think about how it polluted or influenced or channeled my own productions, as well as my own politics. And, of course, techno pop is very phallo-centric, Mensch Machine, so I wanted to also complicate the homo eroticism of this musical world that almost exclusively prevents the entry of women. Which makes it either a misogynistic or gay space. Or both. Or neither.

So all of the piano was composed on the computer, which I felt kept the technological association with these original artists and what I feel their vision was for using technology, but also to have the result be this neo-romantic piano solo that wasn’t a Muzak version, but going towards an avant-garde piano that—unless you were a big fan—you might not be able to pick out the melodies.

Sexuality this genre seems really warped in a way. As you said, like with Kraftwerk. The only time that they explicitly dealt with sexuality was on Electric Café on “Sex Object,” which is a really weird track.

Yeah. They had it in Computer World , they also had “Computer Love,” though. But it’s always about either the machine or the woman is the object. Always objectified. “Sex Object” has a very weird elementary school approach to gender.

Everybody likes to think of Kraftwerk as being very much in control of their image, but if you look at their catalogue, it’s a total mess. You have this Krautrock stuff. The Ralf und Florian album, that was cut from the catalogue for a long time because it didn’t fit in. They are much more eclectic than they want people to think.

I think their concept is also much more open than many people think. They left some leeway.

I think a lot of it is due to the record company. I’m coming at Kraftwerk as an American, and which records were distributed to us there may have been different than what was sold in Europe. So things like the first ones with the pylons were never seen until I was in New York. And they were, like, a million dollars. It was Autobahn , Trans Europe Express , Radioactivity , Computer World , Mensch Machine and that was it. If you could track down the Tour de France EP, it was a miracle.

How would you place Gary Numan in this? He also played with these ideas, but it always had a bit of a tragic note to it.

I think that the Dance album… Remember when you interviewed me about the Dazzle Ships album, and I talked about it being a kind of crisis moment when an artist is trying to figure out their own artistic direction, and they’re faced with the pressures of the major labels that they’re signed in and locked into. Dance was right around the same time, and I think it was Gary Numan’s crisis with the industry. When you look at it in relation to the kind of progress of the sound of his work—and at that time he did have a very linear channeling of what he was doing—this was the album that was the peak of this weird electronic Latin percussion thing. He had people from Japan working with him. His next album, Bezerker, was this more industrial thing. It was samplers and all this sort of stuff. For me, though, Dance was the height of this certain kind of sound that he had control over, but also dealing at the same time with pressure from the label.

Image-wise, what he did up to Dance certainly served him better than what he did after. I remember this sleeve of Warriors … Maybe the image that he portrayed earlier wasn’t exactly original, but it served his voice quite well. And his persona.

For me, the conflict of something like the Warriors cover, where he’s standing in this S&M gear, all leathered up with a baseball bat as though he’s some kind of bad ass road warrior guy, is that he has this posture that is totally faggy and limp. And the bleached hair. And then he’s not queer-identified. He’s straight-identified. He plays with gender in his lyrics, but he makes it clear in his interviews that he’s not. For me, it’s this contradiction between the kind of costume play that you could find in a gay club, but for me it was also a mismatch…like the leather bottom.

It also has to do with being a nerd that is really into science fiction. He also has this nerd component. His lyrics are all about Philip K. Dick and Blade Runner . He was totally into that stuff. And I think that’s also what drew me to him. And it also made me repress the impact that he had on me. By the time you reach 18 or so, it’s too tragic to say that you’re a Gary Numan fan. People react in this horrible way. But he, more than Devo or Kraftwerk, was really influencing me.

I used to plagiarize his lyrics and enter them into the school district contest and get ribbons for it. And when my father was upset with me about music and things, it was my Gary Numan records that he would lock away in the closet so that I couldn’t get at them. There was a lot of battle around Gary Numan in my adolescent life.

I think that’s why the “Cry, The Clock Said” has such a special connection for Comatonse. Because the first EP was basically a dub remix of this song. Read the rest of this entry »


The Sugarcubes – Leash Called Love / Hit

Posted: February 2nd, 2010 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , | No Comments »

Ich möchte heute die Rubrik dazu nutzen, um auf ein eher weniger beachtetes Opfer der Musikwirtschaftskrise hinzuweisen: den housigen Undergroundmix für normalerweise nicht housige Artists. In Zeiten, in denen Remixbudgets von Majorlabels die Beträge für die Praktikantenbetreuung nicht mehr übersteigen dürfen, A&R-Leute mit noch wesentlich mehr Verspätung ein Ohr von außen an die Mauern der Clubs halten, oder sich allgemein eingeredet wird, der Auftragsproduzent des Originaltracks könne die Dance-Version bestimmt auch gut machen, können sie nicht mehr wohl gedeihen, die seltsamen Blüten, die entstehen, wenn Bürostrategen, die nicht tanzen, auf Produzenten treffen, die nur bedingt in Chartsnotierungen denken. Die Blütezeit dieser Untergattung der House-Historie ist von den spätern 80ern bis Mitte der 90er datierbar, als krude Illusionen von Tanzflächenkredibilität gepaart mit prallen Marketingkampfkassen auf die Crème de la Crème der Clubkultur trafen, oder auch nur auf die Auftragsallzwecktypen, die sich für keinen Auftragsallzweck zu schade waren. Letztere gab es in der Clubkultur schon seit immerdar. Konzentrieren wir uns also lieber auf die Ersteren. Und vernachlässigen wir auch die Grundvorrausetzung dieser schiefen Konstellationen, nämlich dass sowohl Auftraggeber als auch Interpret das Endergebnis völlig gleichgültig ist, bis hin zur kompletten Verleugnung desselben bzw. peinlicher Zurschaustellung von nicht einmal Einviertelfachwissen, wenn die Dance-Version unerwarteterweise die Originalversion in Verkaufszahlen übertrumpft. Demgegenüber liefern die housigen Undergroundmixer zumeist genau das, was den nicht housigen Artists nur allzu offensichtlich fehlt. Die selbstverständliche Anbindung an Geschrei und Arme in der Luft, Schweiß, Sex und Tränen der Augenblicks-Ekstase und des Wochenendglücks. Und den Beweis, dass die jeweilige Zauberformel mit jedem Interpreten und Song funktioniert, solange man sich die Werktreue für die Radioversion aufhebt, und in den Dub- und Instrumentalversionen den dicken Hund von der Leine lässt. Es gibt sehr sehr viele Platten, wo dieses Prinzip hervorragend funktioniert, und dann Menschen auf der Tanzfläche zu Interpreten ausflippen, über die sie im Tagesgeschehen nicht einmal nachdenken würden. Indiskutables Popgeträller wird zu rhythmisch zerhackten Samples ohne stimmlichen Wiedererkennungswert, und Masters At Work machen aus Debbie Gibson, MK aus Bette Midler, DJ Pierre aus Donny Osmond, Shep Pettibone aus Paul McCartney, oder David Morales aus U2 unantastbare Clubikonen, für die Dauer des Tracks zumindest. One Little Indian hatte z. B. 1991 die merkwürdige Idee, ihre hauseigenen Indie-Superstars, die Sugarcubes, mit einem ganzen Remixalbum in der Clubszene zu vertäuen. Darauf waren, einige Mixe stinkenfaul, einige am Thema noch mehr vorbei als überhaupt befürchtet, einige uninteressant, einige interessant und einige waren echte Prachtexponate. Klarer Sieger des Wettbewerbs war für mich Tony Humphries, der seine schon anderswo demonstrierte Fähigkeit, großzügig eine Schicht New Jersey-Zauber über artfremde Musik zu legen, hier noch weit übertraf. Und er schaffte es, obwohl er sowohl alle kaprioligen Gesangsmanierismen der Sängerin unangetastet ließ, als auch dem knurrigen Sängerhünen seinen Lauf ließ. Im wunderbaren Klanguniversum von Humphries zu seiner besten Schaffensphase hat das alles seinen Platz, und wird zudem noch von allerlei feinsten Geistesblitzen erhellt. Für Humphries mag das nur eine Episode geblieben sein, aber Björk kehrte nie wieder zu Schrammelpop zurück, und für alle anderen war es ein gleißendes Himmelslicht im zwielichtigen Dunst von Körpern und Substanzen.

„This wasn’t supposed to happen, I was happy by myself, accidentally, you seduced me, I’m in love again“.

The Sugarcubes – Leash Called Love / Hit (One Little Indian, 1991)

de:bug 02/10


Rewind: Paul Frick über “…And The Circus Leaves Town”

Posted: February 1st, 2010 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Paul Frick über “…And The Circus Leaves Town” von Kyuss (1995).

Kannst du Dich noch daran erinnern, wie Du auf Kyuss gestoßen bist? Ist diese Musik eine lange Liebe von Dir?

Ich weiß noch, dass ich bei “City Music” am Ku-Damm im Metal Hammer geblättert hab, und dass das Vorgänger-Album “Sky Valley” dort Platte des Monats war. Das war 1994, mit 14 oder 15. Im Review stand, glaube ich, etwas von einer “Metal-Variante von Pink Floyd”… Das hat mich dann wohl geködert. Ich hab es mir angehört und war sofort von dem warmen, bassigen Sound eingenommen, und von dem unterschwelligen Blues. Sowohl “Sky Valley” als auch “…And The Circus Leaves Town” waren dann eine Zeit lang der Soundtrack meines Teenager-Lebens… Ich habe damals auch einige ihrer Songs und Riffs auf der E-Gitarre nachgespielt.

Warum hast Du Dir ausgerechnet “… And The Circus Leaves Town” ausgesucht? Was macht es zu DER Platte für dich?

Ich würde zwar nicht sagen, dass es DIE eine Platte ist, aber von meinen diversen All-Time-Favourites ist “…And The Circus Leaves Town” eine der wenigen, die ich immer ähnlich stark gespürt habe, die für mich auch eine Art innere Konstante über 15 Jahre hinweg darstellt, während sich mein Geschmack und meine Art Musik wahrzunehmen des öfteren stark geändert haben.

Den persönlich nostalgischen Faktor mal beiseite genommen, würde ich hervorheben: Den unglaublich organischen Sound. Die tiefen Bass-/Gitarrenflächen klingen so körnig und lebendig, und bei aller Verzerrung überhaupt nicht “hart”. Wie ein in den Tiefen kondensierter Blues. Josh Hommes Gitarrenspiel wirkt nie technisch oder virtuos, sondern hat bei allen Psychedelic-Anleihen immer etwas Reduziertes. Er und auch der Basser Scott Reeder bringen sehr intensive Stimmungen mit nur wenigen Tönen hervor, sind Meister der Andeutung. Alfredo Hernandez’ Schlagzeug ist wunderbar warm gespielt und aufgenommen, Lichtjahre von mechanischen Metal-Drums entfernt. Die fast ständig durchzischelnde, dreckige Cymbal-”Fläche” ist sehr charakteristisch für Kyuss und frequenztechnisch quasi die Ergänzung der tiefen Gitarren. John Garcias tolle Stimme ist grandios leise gemischt, manchmal eher eine Art sehnsuchtsvolle Andeutung in der Ferne… Man höre “El Rodeo”!

Der eigene Kyuss-Klang kommt auch besonders durch die Repetitivität der Stücke zur Geltung. Vielleicht ist diese Vertiefung in den Klang andersherum auch eine Konsequenz dieser Repetitivität. Eins ist hier jedenfalls ohne das andere nicht denkbar. Da wären wir eigentlich auch schon beim Thema Club-Musik…

Die Stärke dieser Musik liegt für mich im Zusammenspiel. Es können keine Songs sein, die einer schreibt und als Mastermind umsetzt. Es sind Kondensate aus langen Jams, aus einer gemeinsamen Stimmung im Raum (oder natürlich – wie die Kyuss-Legendenschreibung sagt – in der Wüste…) Für mich war und ist diese hypnotische Melancholie unwiderstehlich. Kyuss’ Musik ist extrem energetisch, ohne sich punktuell und forciert aufzudrängen. Read the rest of this entry »