@ Social Club

Posted: October 31st, 2009 | Author: | Filed under: Gigs | Tags: , , , , | No Comments »


Musik hören mit: Tama Sumo

Posted: October 30th, 2009 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , | 1 Comment »

Lowtec – Angstrom (Polyfon) 2009

Das ist neueren Datums. Redaktionshit.

So viel zum Thema trippig. Könnte ich dafür schon anwenden den Begriff.

Ist das eine Platte über die Du im Plattenladen nachdenken würdest?

Wahrscheinlich ja. Möchte sie aber noch ein bisschen länger hören.

Bist du jemand der Platten im Laden etwas länger hört?

Ich höre gerne ein bisschen länger, weil ich ansonsten gerne mal etwas nicht entdecke, und dann denke „das ist es nicht“. Aber dann merke ich, dass sich das entfaltet, wenn man ein bisschen länger reinhört. Umgekehrt ist es mir auch schon mal passiert, dass ich ganz schnell reingehört hab und mich zuhause frage, was ich da mitgenommen habe. Das hier mag ich von der Stimmung ganz gern. Die hat schon ein bisschen was Düsteres, aber gleichzeitig auch was ganz Entspanntes, wo man sich reinlegen und dahin fließen kann.

Ein Soundtrack-Feeling?

Ja, auf jeden Fall. Da kann man schon mal ein bisschen wackeln, das könnte ich mir für ein Anfangsset super schön vorstellen. Zum Reinkommen.

Das ist die neue Lowtec.

Jetzt wo du es sagst finde ich es gar nicht so abwegig. War jetzt überhaupt nicht der Erste, der mir einfiel, aber doch schön.

Terre Thaemlitz – Hush Now (DJ Sprinkles Broken Record Mix) (Public Record) 2006

Alt?

Ulkigerweise nicht. Das ganze Knacken gehört konzeptuell dazu und ist ganz schön übertrieben. Also wir haben hier Jemanden, der schon ein sehr komplexes Verhältnis zur Clubkultur hat.

Obwohl ich sagen muss, dass ich die Knackgeräusche im Moment dezenter angenehmer finden würde. Also es nervt mich gerade. Am Anfang dachte ich noch: „Oh, da bin ich wirklich voll reingefallen, dachte halt es ist ein altes Stück.“ Das ist mir zu inflationär eingesetzt. So ein bisschen ab und zu hätte ganz viel Charme haben können. Aber so ist es: „Guck mal, ich hab eine lustige Idee.“

Der Mixtitel ist „Broken Record Mix“.

Das ist mir jetzt gerade zu gewollt.

Und wie findest du die Musik ansonsten?

Die könnte hübsch sein. Ich höre ich mir aber lieber eine alte Platte an mit ein bisschen Knistern. Und ich finde das Vocal-Sample total blöd, ist so ein bisschen cooles „Hey Hey Hey“. Es kommt auch zu oft.

Das ist Terre Thaemlitz als DJ Sprinkles.

Das find ich erstaunlich, weil ich den eigentlich toll finde. Die Idee an sich wäre nicht schlecht, aber es ist mir überall zuviel Gewürz drin.

Aber es geht schon in die Richtung von „Midtown 120 Blues“.

Ich würde das Sample rausnehmen und das Knistern reduzieren. Dann wäre es echt super. Hat eine schöne Stimmung und einen tollen Oldschool-Charakter.

Die Art von Bassline benutzt er gerne, erinnert an „Nude Photo“ von Derrick May.

Das finde ich ja ganz toll. Ah, jetzt wird es auch mit dem Knistern weniger. Vielleicht gibt es das auch als „nur leicht angestaubte Platte“-Mix.

Das ist nur als MP3-File erschienen.

Ohne Sample und mit weniger Knistern wäre es der Hit. Aber es gibt tatsächlich andere Tracks von ihm mit ähnlichen Basslines. Wirklich schade, weil ich den sonst ganz grandios finde.

Aber es ist eigentlich eine sehr konsequente Haltung, etwas so Schönes zu verhunzen. Vielleicht bringt er es ja noch ohne Knacken heraus.

Konsequente Haltung ist natürlich ein Argument, aber ich frag mich immer, was eine konsequente Haltung nützt, wenn es mich nervt. Und ich finde das so schade, weil das ohne das Knacken garantiert eine Platte wäre, die ich kaufen würde. Read the rest of this entry »


Cristina – Cristina

Posted: October 27th, 2009 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

ZE Records, die beste Schnittstelle zwischen Post Punk und Disco die man sich überhaupt jemals herbeisehnen konnte, ist nach wie vor faszinierend wenig ausgelaugt von fortlaufenden Retrospektiven und allgemeinem Beifall. Die Musik war einfach zu gut, von dem unsäglichen Davitt Sigerson mal abgesehen, den ich mir immer als eine Rockparodie schön gedacht habe, der aber leider wirklich nur Rock war, und wirklich kein guter. 1980 war das Label auf dem ersten kreativen Höhepunkt, August Darnell wurde zusammen mit Andy Hernandez aus den Trümmern von Dr. Buzzard’s Original Savannah Band herübergeholt, und zusammen wurden sie als Kid Creole und Coati Mundi zu Hausproduzenten erkoren. Schon das erste Album von Kid Creole & The Coconuts, ”Off The Coast Of Me“, machte klar, dass Darnell keineswegs daran dachte, seine textlichen, musikalischen und konzeptuellen Geniestreiche bei Dr. Buzzard und Machine zurückzulassen, er überführte sie einfach in den neuen Lebensraum. Und da sein Talent zu dieser Zeit vor brillanten Ideen unbändig umhersprühte, gab es nicht die geringsten Abstoßungsreaktionen. Demzufolge war es natürlich eine Prachtidee, ihn mit dem Debütalbum von Cristina zu betrauen, einem sehr schicken Mädchen aus gutem intellektuellem Hause, das vorher vornehmlich smarte Texte für die lokale Hipsterpresse verfasste, und dann nach Überredung des Labelmitinhabers und späteren Ehemannes Michael Zilkha die Single ”Disco Clone“ aufnahm, eine furiose Ansage an die im Aussehen und Persönlichkeit gleichgeschalteten Hühner im Club, mit kongenialer Musik, die sehr zickig gängige Disco-Arrangements mit schrägen Refrains und merkwürdigen Latin-Eskapaden verband. Cristina hatte eine eher begrenzte Singstimme, aber sie strahlte im Überfluss alles aus, was einer Diva der Disco-Gegenkultur förderlich war: gebildete Cleverness, kalkulierte Distanziertheit und nicht zuletzt fragiler Sex-Appeal, der durch treffsicher modisches Auftreten noch forciert wurde. Darnell war natürlich schlau genug, sie die ganze Gegensätzlichkeit und Komplexität ihrer exaltierten Kunstfigur ausleben zu lassen, und ergänzte ihre Posen mit luftig-beschwingtem Latin-Disco und exotischen Dschungelklängen auf der absoluten Höhe seines Könnens. Dadurch ergab sich, dass Cristina immer glaubwürdig war, sei es als Disco Clone-Fortsetzung in Polnareffs ”La Poupée Qui Fait Non“ oder als frustrierte Strohwitwe in ”Blame It On Disco“, und vielerlei andere tolle Rollen mehr. So perfekt kam das danach nicht mehr zusammen, die Musik ihres zweiten, von Don Was produzierten, Albums hatte andere Qualitäten, konnte jedoch mit der schlauen City-Dekadenz ihrer Texte nicht mehr mithalten, und sie zog sich wieder aufs Schreiben zurück. Was für eine Verschwendung!

Cristina – Cristina (ZE Records, 1980)

de:bug 10/09


Rewind: Hendrik Lakeberg über “True Faith”

Posted: October 26th, 2009 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Hendrik Lakeberg über „True Faith“ von New Order (1987).

Wie bist Du auf „True Faith“ gekommen? Was war der erste Zusammenstoß mit dem Stück?

Ich bin ja gerade auf dieses Stück gekommen, weil das Stück mich eben nicht schon seit Jahrzehnten bewegt. Es war eher eine Intuition. Mir ist der Moment eingefallen, als ich das zum ersten Mal gehört habe, und der illustriert ganz gut warum ich es ausgewählt habe. Ich war ungefähr 20 und kannte das Stück nicht von der Zeit als es herausgekommen ist, da war ich 9 Jahre oder so und hatte es zu dem Zeitpunkt also nicht gekauft. Ich habe es im Radio gehört und mochte es, wusste aber nicht, wer das war. Dann war ein Tag, wo ich die Straße lang gelaufen bin, und dieses Stück als Ohrwurm im Kopf hatte, und es kam genau in dem Moment aus irgendeinem Auto, ich glaube es war sogar ein Cabrio, das an der Ampel stand. Das war seltsam, und es war das erste Mal, dass ich es ganz bewusst gehört habe. Und ich habe gedacht, dass ich herausfinden muss, was das für ein Stück ist und habe mich darum gekümmert. Und seitdem ist es immer wieder eins meiner Lieblingslieder gewesen. Es gab es eine Zeit, da habe ich es gar nicht gehört, dann wieder, dann habe ich Platte mal verloren und wieder gekauft. Das Stück hat mich irgendwie begleitet.

Und das immer noch?

Ja, jetzt gerade nämlich wieder. Ich weiß nicht genau warum, aber es hat wieder mit dieser Intuition zu tun. Ich glaube, dass Pop bzw. Musikhören ganz viel damit zu tun hat. Nicht mit einer bewussten Entscheidung, sondern mit dem Empfinden, dass dir irgendetwas an einem Stück gefällt, und du weißt gar nicht warum. Es ist wie etwas Vorbewusstes. Das Stück hat textlich ganz viel damit zu tun, das etwas zu Ende geht und etwas Neues anfängt. Vielleicht liegt es daran, aber ich kann es Dir nicht sagen. Es ist nur so ein Gefühl. Read the rest of this entry »


Sensory Elements – Vol. 1

Posted: October 20th, 2009 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , , , | No Comments »

Wie schon bei Acid House interpretierte man in England die amerikanischen Entwicklungen auch bei Deep House etwas anders. Diese EP von 1992 gehörte zu den ersten bedeutenden Versuchen, die US-Originale des sanften Sounds der frühen 90er auszulegen, die besonders in New York insbesondere von Legenden wie Wayne Gardiner und vielen anderen Hispano-Jungtalenten auf Labels wie Strictly Rhythm, Nervous, Nu Groove und zahlreichen Kleinstlabels ausgelebt wurde. Weiche Kicks, warme Akkorde, bequem identifizierbare Vocal-Samples und allerlei Zierrat im Arrangement war das Gebot der Stunde, was später oft dazu führte, das man diese Spielart von House despektierlich als Flötenhouse verunglimpfte. Adam Holden, Rob Mello und Zaki Dee waren keine Stümper auf dem Gebiet, sie brachten es später zur beachtlichen Weihe eines kultisch verehrten Gastspiels auf Prescription, und auch hier war schon alles im Lot. Die melancholische Emotionalität und Leichtigkeit im Klang der US-Vorbilder wurde mindestens eingeholt, House wurde hier gespielt und nicht zusammengebaut, und sorgte auf so mancher Tanzfläche für Momente voller selig geschlossener Augen. Im Vergleich griffen die Jungs aber auch die Errungenschaften vor der eigenen Tür auf, insbesondere Joey Negros Art Disco mit Deep House zu verbinden, scheint auch hier durch, und bei aller Tiefe haben diese Tracks auch diesen wohligen mediterranen Schimmer, den die italienischen House-Produktionen der frühen 90er auf der Insel hinterlassen hatten. In Anbetracht des übersichtlichen englischen Sommerwetters ist diese EP Eskapismus der höchsten Edelstufe, und enthält darüber hinaus mit „Explain It“ einen der erschütterndsten House-Lovesongs ever, über den die Originators in den US-Großstädten explizit und zeitlebens den Mantel neidvollen Stillschweigens ausgebreitet haben. Dem Vergessen gilt es nun wirklich entgegen zu gehen, mit dem richtigen Talent geht House immer noch überall, auch wenn die Urheber dieses Wunderwerks in den Folgejahren mit die Regel bestätigenden Ausnahmen lieber zu den Gründerväter von Boompty zählten anstatt die internationale Deep House-Bruderschaft in Schach zu halten.

Sensory Elements – Vol. 1 (Azuli, 1992)

de:bug 10/09


Rewind: Alan D. Oldham on “Presents The Adventures Of The Astral Pirates”

Posted: October 19th, 2009 | Author: | Filed under: Features | Tags: , , , , | No Comments »

In discussion with Alan D. Oldham on “Presents The Adventures Of The Astral Pirates” by Lenny White (1978).

When and how was your first encounter with “Astral Pirates”?

My late grandmother used to work at Wayne County Community College in the ’70s in Detroit and was friends with the music reviewer for the school newspaper. When she finished reviewing a record or didn’t want it anymore, she gave it to my grandmother and she gave it to me. I was in my early teens. I got a few albums that way. This was 1978.

Why did you choose this album of all his works? What makes it so
important for you?

I didn’t choose it, it chose me! It was one of the records that my grandmother gave me. There was a stack of them. Queen “Jazz,” A Jan Hammer album. Stuff that was on Elektra in those days. But this one stood out  for me because of the Mike Kaluta painted cover, the  comic-book element and sci-fi concept. Read the rest of this entry »


Finn Johannsen – Modyfier Process 168

Posted: October 19th, 2009 | Author: | Filed under: Gigs, Mixes | Tags: , , | No Comments »

 


For me, there are two approaches to recording a mix. The first is to take a lot of time in thinking of a smart and coherent concept, to then carefully select the according music and plan its transitions, and later, record the whole thing and make it public. There are plenty of my sets on the internet where I have done exactly that, with quite some variety of styles and ideas, and for a variety of reasons and purposes, too. These mixes are often schooled by the mixtapes I compiled for as long as I can remember (for girlfriends, friends and maybe some yet invisible target audience). My mixes of that kind have gotten more refined over the years. At some point, I started to mix music, and the amount of people such a set finally reaches has grown considerably. But the method, more or less, has stayed the same.

The second approach is to record a set while you’re playing in the club. Of course, the selection and execution in that context is different. I usually bring as many records as possible that I would like to dance to if I would be attending the club that very night, and then I combine them as it makes most sense to me in the given situation of the party. I try to avoid repeating combinations with each gig. For me, the fun part of mixing is to try and test new sequences. This can run the risk of a hit-and-miss in outcome (often depending on how inspired or concentrated I am), but in my mind, the possibility of failure is far less uncomfortable than relying on playlists of which I have already explored or experienced the success or functionality of. In short, I try to stay open to the surprises the music has on offer, and I try to pass that on to the crowd.

As Modifyer asked me for a guest mix, I quickly thought of doing something I had never done before: a combination of the two approaches mentioned above. At the time, there were no concepts left in my mind waiting to be released in a set (and admittedly, I also had so many other things to take care of that I found it difficult to come up with another or a better idea). If such ideas don’t strike you right away, they are mostly not worth being carried out anyway. What I did spend some thought on, however, was the music I wanted to play at Macro’s imminent label residency at Panorama Bar on the 10th of October 2009. I decided to leave the records in my box in the exact order I would play them at the gig, and re-record the set as soon as possible, with the memory of the proceedings still vivid. And thus I did, a day later. Naturally, the way the set now sounds is different to the live situation of the club; the mixing is tighter in parts, probably less frantic, and I could already tell where to mix in from what I could still remember of playing the music as it happened. Still, it was very interesting to repeat the experience, and it was also very interesting to take a second look at the choices I made in the intensity and immediacy of the night.

The night itself was a wonderful experience. We had just released the album “Catholic” by Patrick Cowley & Jorge Socarras and its accompanying singles. For the occasion, my label partner, Stefan Goldmann, and I invited Serge Verschuur from Clone Records and our friend Hunee to play. We knew that both would deliver the dynamic diversity we had in mind to celebrate what we had worked on for so long. I was due to play the last set, from 8 a.m. to 10.30 a.m. Unfortunately, I had a severe cold resurfacing, so I took some hours rest before arriving at the club at around 4 a.m. I could tell right away that the vibe of the club was a bit different to other nights there. Dubfire was on for Berghain, and judging from the queue I passed on my way to the entrance, the people interested in hearing him play seemed other than the regular crowd. I didn’t mind that at all, but as I made my way through Berghain, I kept running into friends who were telling me that there was more trouble at the door than usual. The music was different, too. I paused to listen to Dubfire’s set. While the monolithic pulse of the techno sound associated with Berghain was there, it somehow lacked the tension and groove that I need to lock me. I went upstairs to Panorama Bar to check what was going on there instead.

Serge was in the midst of a blinding set of classic and contemporary house and techno. The crowd was well into it. Hunee followed suit marvelously, steering the proceedings to more cheerful shores, and adding some classic disco and anthemic vocal moments. There were smiling faces enough, familiar and unfamiliar, to convince me that the night turned out to be what we hoped for, and then some. As I took over, I had the feeling that I should take another direction musically. I felt very tired and numbed by the fever the flu brought along. To start, I thought that I should kick myself into action with the music, hoping that the dancers would follow my way. Picking Heaven 17 to follow up Hunee’s last record, Code 718’s blissful “Equinox”, was admittedly a bit bold and therefore received some confused looks, but then in the course of the set, things quickly fell into line. Flicking through my box, every next record seemed to be waiting in place, already offering its services to make the night one to remember. When I left the club, near Sunday noon, into the same mean cold drizzle I entered from several hours before, the music continued to thump in my head and there were indeed a lot of wonderful memories to keep. On Monday, I refreshed myself, had a good breakfast and then recorded this set right away in one take, in order to not let any of those memories slip away.

Set from the Macro night at Panoramabar, Berlin, October10 2009. Re-recorded for Modyfier. Check here for more info.

finn johannsen – process part 168 by modyfier


Rewind: Thomas Meinecke über “Dr. Buzzard’s Original Savannah Band”

Posted: October 12th, 2009 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , , | No Comments »

Im Gespräch mit Thomas Meinecke über “Dr. Buzzard’s Original Savannah Band” von Dr. Buzzard’s Original Savannah Band (1976).

Beginnen wir mit einer simplen Frage. Wie bist Du auf Dr. Buzzard’s Original Savannah Band gekommen?

Den Namen habe ich zuerst in Andy Warhols Magazin Interview gelesen, ich würde mal tippen so 1977 oder 78. Da gab es damals eine sehr gute Musikkolumne von Glenn O’Brien, und Interview war in den Zeiten, als es noch nicht so richtig losgegangen war mit dem Hedonismus in der Subkultur, ein Zentralorgan. Man konnte sich sowohl über P-Funk informieren als auch über frühe Ausformungen von New Wave, Pere Ubu, Richard Hell, Blondie usw. Diese ganze Szene wurde natürlich sofort quasi vor der Haustür chronistenmäßig mitgeschrieben. Hier in Deutschland war von der Informationsseite in Sachen interessanter Rock, Pop, Soul und sonst welche Musik nicht viel geboten. Es gab damals die Zeitschrift Sounds, dort glänzte dann manchmal Ingeborg Schober mit einem Artikel über Kevin Ayers oder Roxy Music-Ableger, oder La Düsseldorf und Neu!, es war noch die Zeit bevor Leute wie Diedrich Diederichsen dort geschrieben haben, oder Hans Keller, die das Andere dann auch aufgegriffen haben. Wenn man aber ein bisschen mehr wissen wollte, fand ich es echt schwierig, und ich bin sowieso Warholianer und fand in Interview eine schöne Quelle. Und da wurde dann im Zusammenhang mit ganz anderen merkwürdigen Musikformen, ich glaube es war tatsächlich gerade etwas mit P-Funk geschehen, Dr. Buzzard erwähnt. Und wie das dort beschrieben wurde hat bei mir sofort eine Sehnsucht losgetreten. Ich war eben jemand, der auch damals gerne Disco hörte, ich hörte aber auch gerne Punk und mochte das Gebrochene in Disco. Ich fand den Camp-Aspekt, den man als Leser von Andy Warhols Interview sowieso beherrschte oder erkennen konnte, an Popmusik immer sehr reizvoll. Das Zitathafte, das Vorformulierte. Und es schien mir in der Beschreibung dessen, was diese Band machen würde, als wäre das so eine Art afroamerikanische Ausgabe von Roxy Music. Eine dandyeske, hedonistische Formation, die über das, was man von anderen, sehr eleganten Formationen wie Chic kannte, hinausging. Und so war es dann auch. Ich habe mich auf die Suche gemacht, man konnte über Import die Sachen schon irgendwie erwischen, und da kam dann gerade das zweite Album „Meets King Pennett“ raus als ich das las. Das habe ich mir gekauft und dann das erste gleich danach, was ja schon 1976 erschienen war. Und 79 kam dann ja gleich noch „Goes To Washington“ raus. Das sind die drei ganz großen Alben dieser Band. Es gab später noch ein etwas verunglücktes, wo auch die Besetzung nicht mehr dieselbe war. Und es gab natürlich eine ganz große Folgegeschichte ins etwas leichter Verständliche, mit Kid Creole & The Coconuts, den Coconuts und Coati Mundi usw. Diese ganze New York-Paris-Achse auf dem ZE-Label, wo es dann rüberging bis zu James Chance, der dann plötzlich bei den Aural Exciters mitspielte. Und plötzlich mischte sich das, was man Post Punk nannte, mit Disco, was ja heute ganz modisch und modern ist, diese ganze Post Punk/Disco-Connection. Und das Ganze kündigte sich mit Dr. Buzzard schon an.

Wenn Du damals über Interview davon erfahren hast, ist das ja schon ein Erstkontakt, der kontextuell vorbelastet ist. Konnte die Musik denn einlösen, was Du Dir davon erhofft hattest?

Ja, es hat es total eingelöst und ist sogar noch darüber hinausgegangen. Ich fand es, um mal den etwas merkwürdigen Begriff von Ornette Coleman auszuleihen, „harmolodisch“. Ich hatte das Gefühl hier ist eine musikalische Theorie am Start, die ich gar nicht in Worte fassen kann, aber der ich völlig fasziniert lausche. Und nicht nur lausche, zu der konnte man ja auch ganz toll tanzen. Es hörte sich an wie wenn man zwei Radiosender gleichzeitig hört. Die Anleihen bei leicht verständlicher Musik wie Swing, was ja die Camp- (schwule) Subkultur schon seit Jahrzehnten vorgemacht hatte, wie man spießige Elemente wie Glenn Miller gegen den Strich lesen konnte zu einem Soundtrack der Dissidenz, der sexuellen insbesondere, die ja auch immer eine politische war. Es war ja damals sowieso gang und gäbe, dass Disco sehr zickige und spießige Swing-Elemente rekontextualisierte, resignifizierte, völlig neu ins Feld führte. Aber hier ging es noch darüber hinaus, hier war es tonal sowas von komplex und schwierig. Versuch mal so eine Melodie nachzusingen, die diese unglaubliche Sängerin Cory Daye da immer zu singen hat bei denen, das ist unglaublich komplex und wurde später bei Kid Creole auch runtergerechnet auf einfachere, und dann vielleicht auch massentauglichere Formeln. Ich erinnere das so, dass mich das echt umgehauen hat. Ich fand den Sound der Bassdrum unglaublich. Den habe ich eigentlich erst wieder bei Theo Parrish gehört. Eine große, runde, weiche, unverhältnismäßig laut abgemischte Bassdrum, die dann sogar in Stücken wirkt, die gar nicht Disco sind, so wie bei „Sunshower“, das vor kurzem von M.I.A. noch mal als Sample auf die Tanzfläche geführt wurde. Unglaubliche Sounds, unglaublich viel Arbeit. Ich habe irgendwo mal gelesen, 600 Stunden waren sie im Studio fürs erste Album und haben dann wohl trotzdem von der Plattenfirma kein weiteres Backing erfahren. Sie haben gesehen, „Ah, die Platte steht ja schon in den Läden!“, und hatten davon noch gar nichts gewusst. Aber sie wirkt so, wenn man sie sich anhört, von einer solchen Elaboriertheit und Sophistication, wie man es selten bei Plattenproduktionen hat. Read the rest of this entry »


@ Panorama Bar

Posted: October 10th, 2009 | Author: | Filed under: Gigs | Tags: , , , , , | No Comments »

dscn3359

Macro @ Panorama Bar

24:00 h – 03:00 h Stefan Goldmann
03:00 h – 05:30 h Serge (Clone Records)
05:30 h – 08:00 h Hunee
08:00 h – 10:30 h Finn Johannsen


DJ Sneak – Beetz-N-Noizez EP

Posted: October 6th, 2009 | Author: | Filed under: Rezensionen | Tags: , , | No Comments »

Als die die erste Großphase von House in Chicago, vertreten durch die ehemaligen Speerspitzen DJ International und Trax, mit den 80ern endete, kam eine längere Zeit der Umorientierung, die rückblickend sehr chaotisch war. Mit den alten Partnern wollten die Künstler nichts mehr zu tun haben, es hatte einfach zu viele schiefe Verträge gegeben, und die anfänglichen Chartsausflüge der Pioniere erwiesen sich zusehends als flüchtig. Diejenigen, die schon dort gewesen waren, kamen mit prahlerischen Berichten zurück, doch eigentlich war die Tür bereits wieder zu, und man konnte sie mit Unterschubladen wie Hip House u. ä. nicht wieder öffnen, und die vormalig einladenden Gesten aus Übersee gingen jetzt in Richtung Detroit. Ein paar unverzagte Jungs jedoch beriefen sich nun auf die Ursprungsqualitäten von Chicago House, und marschierten schnurstracks dorthin zurück. Die Entschlackungskur ging von Labels wie Dance Mania und Cajual/Relief aus und machte schnell die Runde. Die verdrogte Leidenschaft und Experimentierfreude Ron Hardys stand abermals Pate, und dessen radikal funktionale Tape Loops wurden in Erinnerung zurückgerufen. Demzufolge wurde die Musik zu Tracks abgebaut, monoton und unbehauen, billigst produziert, und Disco, die Grundlage des Ganzen, wurde höchstens in abstrakten Fetzen eingearbeitet. Kurzum, House zerlegte sich selbst in seine Einzelteile, nahm ein paar Erkenntnisse der noch jungen Techno-Geschichte mit dazu, und wurde mit äußerst reduziertem Aufwand erneut auf die Reise geschickt, in unzähligen Versionen. Und auch wenn haarsträubende Pressungen und luschige Programmierung noch heute den meisten DJs zu schaffen machen, das Gefühl der Stücke war wieder echt und zwingend, und die Intensität so offensichtlich, dass die Klassiker dieser Zeit erstaunlich gut gealtert sind und heute im Feldzug gegen Plugin-Sauberkeit immer noch eine gern genommene Alternative und Inspirationsquelle bieten. Einer der Gewinner dieser zweiten Chicago House-Welle war DJ Sneak, der damals noch bei Gramophone Records arbeitete, dem Epizentrum der Geschehnisse, und sich dort wohl eingehend Gedanken darüber machte, wie er zum Fortgang des Sounds beitragen wollte. Seine zweite Platte von 1994, die Beetz-N-Noisez EP, hatte dann schon alles vorformuliert, was ihn später für lange Zeit zum Star machte: noch vertretbare Reste von Trackstyle-Booty-Sexismen, Disco, in rhythmisch eingesetzten, bis zur Unkenntlichkeit entstellten Sampleschlaufen, die nur selten länger als zwei Takte Zeit hatten, und allerlei anderer Krach. Was da an Einzelelementen zu hören war, war keineswegs neu, aber wie er es zusammensetzte schon. Es ging nur noch um den direkten Weg, alle ablenkenden Schnörkel im Arrangement waren entfernt, der Rest wurde solange ins Hirn gehämmert, bis man sich den Signalen nicht mehr entziehen konnte. Zudem vermied Sneak den laxen Umgang seiner Weggefährten mit dem Produktionsprozess. Seine Tracks klangen dick, klar, akzentuiert, ihr Klang war neben der Struktur ein weiterer entschiedener Bestandteil der Wirkung. Dass er aber auch ohne den Sample-Baukasten auskam bewies „Fear The World“, ein hundsgemeiner, dunkler Brocken von einem Track, der nur mit einer hypnotischen Tonschlaufe und Start-Stop-Beats ausgestattet so beängstigend durch den Club walzt, dass die Flächentraditionalisten am spießigen Ende von House sich vermutlich wünschen, er wäre nie erschaffen worden. Denn House kann eigentlich alles, auch wenn es scheint, dass es heutzutage nicht mehr jeder wissen soll.

de:bug 10/09